12.10.2016, 10:43 Uhr | 1 |

Höhere CO2-Werte VW gelobt Besserung: Wir wollen weniger tricksen

Die gesetzlichen Vorgaben für Abgastests sehen eine Menge Spielraum vor. VW will den nun nicht mehr ganz ausreizen, um „realistischere“ Werte zu bekommen. Warum aber nicht gleich „realistische“?

Top-Manager von VW
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Top-Manager von VW wie Konzern-Chef Matthias Müller (2.v.l.) wollen künftig bei den Verbrauchsangaben weniger schummeln und bei Verbrauchstests die gesetzlichen Möglichkeiten nicht mehr voll auschöpfen.

Foto: Volkswagen

Ein Mann, der seine Frau jahrelang massiv belogen hat, verspricht ihr, sie künftig etwas weniger zu belügen. Was sagt da die Frau? Toll, mein Vertrauen in Dich ist vollständig wiederhergestellt?

Wohl nicht. Eher skeptisch dürfte denn auch die VW-Kundschaft auf die Nachricht reagieren, dass der Autobauer künftig darauf verzichten will, die gesetzlichen Spielräume bei den Abgastests ganz auszunutzen. „Nicht bis zur letzten Schraube“, heißt es laut Medienverbund aus WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung nun in Wolfsburg. Und dass man „realitätsnähere CO2-Werte“ ausweisen wolle. Wohlgemerkt: Näher. Nicht: Ganz nah.

Druck liegt auf der ganzen Branche

Diese neue Strategie soll sich unmittelbar auswirken. So werde VW demnächst Neuauflagen von Modellen vorstellen, bei denen der Kohlendioxid-Ausstoß – und damit direkt verbunden ist ja der Verbrauch – höher liege als beim Vorgänger. Im Durchschnitt um zwei Gramm pro Kilometer, im SUV-Einzelfall sogar mal um sechs Gramm höher. Das klingt nicht nach sehr viel, ist aber auch nicht zu vernachlässigen, denn das bedeutet je nach Modell auch einen um etwa zwei bis drei Prozent höheren Spritverbrauch als bisher. Oder eher: als bisher geglaubt.

Hinzu kommt, dass mit jedem Gramm mehr Ehrlichkeit der Druck auf die gesamte Autobranche wächst. Denn schon in rund fünf Jahren darf der durchschnittliche Verbrauch aller Modelle eines Herstellers laut EU-Vorgabe nicht mehr über 95 g CO2 pro Kilometer liegen. Derartige Werte erreicht unter den Massenmarktautos von VW gerade mal der Polo – jedenfalls nach bisherigen Angaben. Und Hersteller wie BMW oder Mercedes haben mit der Flottenvorgabe noch viel größere Probleme, weil bei ihnen der Sportler-, SUV- und Limousinen-Anteil noch viel höher ist.

Tricks mit Reifen und Klimaanlage

Branchenexperten meinen deshalb, dass VW hier eine Strategie auf schmalem Grat fährt: Einerseits das Image nach dem Dieselskandal aufpolieren, andererseits den Innovationsdruck nicht zu sehr erhöhen. Fraglich bleibt aber ohnehin, wie weit die Vertrauenskampagne wirklich geht. Bislang, so heißt es, hat VW, wie in der Branche üblich, alle legalen Möglichkeiten genutzt, um den Verbrauch auf dem Prüfstand nach unten zu drücken. Da seien halb abgefahrene Reifen aufgezogen worden, um den Rollwiderstand gering zu halten, oder die Klimaanlage, die auch im ausgeschalteten Zustand Energie verbraucht, wurde ausgebaut.

Außerdem seien besonders geschulte Fahrer eingesetzt worden, deren Fahrverhalten dem auf den Straßen üblichen ganz und gar nicht entspreche. Was ein solches Verhalten ausmachen kann, legt jedenfalls die Werbung des ADAC für Trainings zum spritsparenden Fahren nahe, die bis zu 20 Prozent Minderung verspricht.

Hinzu kommt laut Süddeutscher, dass nach allen Tests noch ein Abschlag von vier Prozent gesetzlich möglich sei, ähnlich wie bei der Tempokontrolle der Polizei, die pauschale Toleranzen einräumt. Diesen Abschlag wolle VW jetzt nur noch zur Hälfte nutzen. Wie groß die Diskrepanz zwischen Werksangaben und Wahrheit künftig wohl noch sein wird?

Welche Tricks VW bislang angewendet hat, um die CO2-Werte nach unten zu drücken, hatte im vergangenen Jahr ein Ingenieur verraten. Ein sehr spannender Report. Dass VW nicht der einzige Hersteller ist, die die gesetzlichen Spielräume bis zur Grenze ausreizt, zeigen aber auch die Messergebnisse des Kraftfahrt-Bundesamtes im Auftrag des Bundesverkehrsministeriums. Demnach stoßen auch 30 Autos auch anderer Marken viel zu viel CO2 aus und verbrauchen damit deutlich mehr Kraftstoff als angegeben.

Hier lesen Sie den VW-Skandal im Newsticker.

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Von Werner Grosch
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kommentare
12.10.2016, 11:41 Uhr Progetti
Wenn bei der Verbrennung für die gleiche Leistung zwar weniger Stickoxyd, aber mehr CO2 entsteht, so steigert das insgesamt den schädlichen Treibhauseffekt mit dessen katastrophalen Folgen und nützt hauptsächlich den Treibstoff- Produzenten.
Zwischen Freiland und Großstadt sollte die passende Software sich automatisch umschalten können, dann entsteht in der Großstadt weniger Stickoxyd und im Freiland entsprechend weniger CO2.
Darüber sollte man sich unbedingt Gedanken machen und den entstanden Fehler bald korrigieren!

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