08.07.2013, 12:45 Uhr | 0 |

Freie Flüssigerdgasexporte Rosnefts Kampf gegen Gazprom

Der russische Ölgigant Rosneft fordert Russlands Gasprimus Gazprom heraus. Freie Flüssigerdgasexporte sollen helfen, mehr Offshore-Gasvorkommen zu erschließen und die Position der mehrheitlich staatlichen Rosneft im Gassektor zu stärken. In den vergangenen Jahren schloss die Ölgesellschaft Rosneft immer dichter zum Rivalen Gazprom auf.

Firmenschild der staatlichen russischen Erdölfirma Rosneft in Moskau.
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Das Firmenschild der staatlichen russischen Erdölfirma Rosneft in Moskau. In den vergangenen Jahren schloss Rosneft immer dichter zum Rivalen Gazprom auf.

Foto: dpa/Tass Savintsev Fyodor

Auf dem diesjährigen Petersburger Internationalen Wirtschaftsforum am 21. Juni sprach der russische Präsident Wladimir Putin von einem "offenen Fenster". Er meinte damit die Flüssiggasexporte (Liquid Natural Gas, LNG), die nun schrittweise freizugeben seien, weil sich der Bedarf auf dem asiatisch-pazifischen Markt verdoppeln werde. Auf dieses Signal hatte der Putin-Gefolgsmann und Präsident der mehrheitlich staatlichen Ölgesellschaft Rosneft Igor Setschin schon länger gewartet.

Mitte Februar 2013 hatte Setschin sich gegenüber Putin für freie LNG-Ausfuhren von Offshore-Gasfeldern ausgesprochen. Jetzt habe er Energieminister Alexander Nowak über drei Verträge informiert und ihn gebeten, den freien Export zu beschließen, zitieren russische Medien Setschin. Nowak selbst erwartet ein Gesetz zum LNG-Export noch in diesem Jahr.

Lieferverträge müssen mit der Regierung abgestimmt werden

Um LNG ins Ausland zu verschiffen, müssen Lieferverträge vorher geschlossen und mit der Regierung abgestimmt werden. Dies ist als Maßnahme gedacht, um den Gasexportmonopolisten Gazprom nicht zu arg zu bedrängen. In Petersburg haben Rosneft und der derzeit zweitgrößte russische Gasproduzent Novatek LNG-Lieferverträge unter Dach und Fach gebracht.

So hat Rosneft mit der japanischen Handelsfirma Marubeni und dem Öl- und Gasspezialisten Sodeco vereinbart, dass diese ab 2019 insgesamt 2,25 Mio. t aus dem Fernen Osten Russlands erhalten. Dem holländischen Rohstoffhändler Vitol sicherte Rosneft 2,75 Mio. t LNG zu. Novatek wird an Chinas nationale Ölgesellschaft CNPC 3 Mio. t liefern, die zugleich einen 20 %-Anteil an dessen LNG-Projekt auf der Halbinsel Jamal erhält.

Zeitgleich – auch am 21. Juni – wurde auf Rosnefts Jahreshauptversammlung Setschin in seine Spitzenämter wiedergewählt. Unter seiner Führung ist die einst unbedeutende staatliche Ölgesellschaft in neun Jahren in die Spitzenliga der globalen Öl- und Gasproduzenten aufgestiegen.

Dazu hat vor allem die komplette Übernahme des russisch-britischen Gemeinschaftsunternehmens TNK-BP in diesem Jahr beigetragen und der Erwerb der lukrativen Ölaktiva der Ölgesellschaft Jukos im Jahr 2005, an deren Zerschlagung Setschin großen Anteil gehabt haben soll. "Rosneft fördert mit TNK-BP zusammen 4,7 Mio. Barrel Öl und Gas am Tag", rechnete Setschin auf einem Investorentag in New York vor.

Ölimperium an der Weltspitze angekommen

Der US-amerikanische Freund und strategische Partner ExxonMobil hat nach eigenen Angaben im letzten Jahr 4,2 Mio. Barrel Öleinheiten am Tag gefördert. Damit sieht Setschin sein Ölimperium an der Weltspitze angekommen. Dass die Saudis, Iraner und Konkurrent Gazprom eine höhere Tagesproduktion realisieren, scheint ihn kaum zu stören.

Oder vielleicht doch ein wenig? Im April hat Setschin die langjährige Gazprom-Managerin Wlada Rusakowa ins Unternehmen geholt, die Rosnefts Gasgeschicke vorantreiben soll. Was das Unternehmen plant, präsentierte die Managerin kurz danach Investoren in London. Als strategische Aufgaben nannte die erfahrene Gasexpertin die Anteilserhöhung auf dem heimischen Markt, den Zugang zu Auslandsmärkten und die Produktion von unkonventionellem Gas und LNG.

Rosnefts Gasreserven gab Rusakowa mit 5803 Mrd. m3 an. Darin enthalten sind 2453 Mrd. m3 von TNK-BP und 344 Mrd. m3 des einst zweitgrößten Gasproduzenten Itera. An ihm hatte Rosneft seit dem vergangenen Jahr 51% gehalten. Seit Dienstag dieser Woche steht fest, dass der Konzern auch die restlichen 49 % für 2,2 Mrd. € übernehmen wird. "Das Gasgeschäft hat für uns oberste Priorität", erklärte Setschin in Moskau.

Während Konkurrent Gazprom zum Jahresende laut seinem Rechenschaftsbericht 2012 über Gasvorräte von 35143 Mrd. m3 verfügte und 628 Mio. t Gas, Gaskondensat und Öl förderte, bringt es Setschins Rosneft auf rund 200 Mio. t inklusive der Jahresförderung von TNK-BP. Hier zeigt sich, wie groß der Abstand zwischen Ölgigant und Gasprimus noch ist.

Bei den Offshore-Vorkommen geht Setschin von 20 388 Mrd. m3 Gas aus. Allein 17 896 Mrd. m3 lagern in der arktischen See. Die Gasförderung soll bis 2020 von aktuell 41 Mrd. m3 auf 100 Mrd. m3 Gas steigen, was etwa einem Fünftel der heutigen Gasfördermenge des Kontrahenten Gazprom entspricht. Nimmt Gazprom in Sachen Schiefergas eine kritische Haltung ein, schließt Rosneft diese Option nicht aus und hat mit ExxonMobil den passenden Partner an der Seite.

Gemeinschaftsprojekt: Arktisches Wissenschaftszentrum

Beide Unternehmen haben im Juni beschlossen, ein arktisches Wissenschafts- und Projektzentrum zur Offshore-Entwicklung und zum Technologietausch zu gründen. Sie fördern bereits gemeinsam Gas vor der nördlichen Küste der Insel Sachalin an Russlands Ostgrenze, das sie am liebsten ins Ausland verschiffen würden. Das bisher einzige LNG-Werk des Landes betreibt Gazprom als Mehrheitsinhaber im Süden der Insel seit 2009. Es verfügt über zwei Produktionslinien mit einer jährlichen Kapazität von 9,6 Mio. t LNG.

Mit dem britischen Anteilseigner BP und den internationalen Partnern ExxonMobil, Italiens Eni und der norwegischen Statoil will Rosneft sein Offshore-Potenzial heben. Ein offener Exportkorridor kann Gazprom da schon in Bedrängnis bringen.

Groß und ambitioniert sind Rosnefts Pläne allemal. Eine Fusion mit Gazprom, die Putin 2004 ins Gespräch gebracht hatte, schlug Setschin aus. Offenbar wollte er nicht als kleine Ölgesellschaft ohne Gewicht in den Gaskonzern eingegliedert werden. Das eigene Öl- und Gasimperium schwebte ihm vor, das in den vergangenen Jahren mehr und mehr Gestalt annahm und jetzt internationale Schlagkraft besitzt. Was noch fehlt, sind Gasaktiva. Denn beim aktuellen Itera-Deal handelt es sich um ein eher kleines Geschäft. 

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Von Josephine Bollinger-Kanne | Präsentiert von VDI Logo
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