29.10.2013, 14:17 Uhr | 0 |

Kritik an Energiewende RWE-Chef Terium warnt vor Strom-Blackouts im Winter

RWE-Chef Peter Terium warnt vor Stromausfällen im kommenden Winter. Der Grund: Immer mehr Kraftwerk-Kapazitäten aus fossilen Quellen sind nicht mehr profitabel und werden von den Konzernen stillgelegt. Schuld soll die Vorrangstellung der erneuerbaren Energien sein. 

Windräder vor einem RWE-Kraftwerk in Niederaußem
Á

Windräder vor einem RWE-Kraftwerk in Niederaußem: Der Energiekonzern warnt vor Blackouts.

Foto: dpa

Es könnte eng werden mit der sicheren Stromversorgung im kommenden Winter. Das glaubt jedenfalls Peter Terium, Chef des zweitgrößten deutschen Stromkonzerns RWE. „Schon in den vergangenen beiden Wintern war die Lage angespannt. Nun gehen überall im hohen Tempo weitere Anlagen vom Netz“, warnte er in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. Wenn man bedenke, dass das Wachstum nach Europa zurückkomme „und wir mehr Strom brauchen, macht mir das wirklich Sorgen“. RWE denkt bei einem Fünftel seiner Kraftwerks-Kapazitäten darüber nach, diese stillzulegen. Der Betrieb von Kohle- und Gaskraftwerke lohne angesichts des Ökostrom-Booms bei den derzeit niedrigen Preisen beim Stromeinkauf nicht. Auch Konzerne wie Eon und Vattenfall prüfen die Stilllegung von Teilen ihres Kraftwerkparks.

Stilllegungsanträge über eine Leistung von gut 6700 Megawatt

Nach den Stilllegungsanträgen, die bis Anfang Oktober bei der Bundesnetzagentur in Bonn vorlagen, sollen Kraftwerke mit einer Leistung von gut 6700 Megawatt in Deutschland vom Netz gehen, allein 3100 Megawatt von RWE. „Das ist voraussichtlich noch nicht das Ende“, so der RWE-Chef. „30 bis 40 Prozent der Anlagen schreiben Verluste. Die Erträge reichen nicht, um unsere Schulden zu bedienen.“ Wenn die Politik nicht reagiere, gefährde das den Standort Deutschland, mahnt Terium.

Dabei ist das Problem ist in erster Linie ein hausgemachtes. RWE hat rund zwölf Milliarden Euro in neue Kraftwerke gesteckt und sich dafür hoch verschuldet. Auch der RWE-Chef übt leise Selbstkritik: „Wir sind zu spät in die erneuerbaren Energien eingestiegen. Wir haben uns zu sehr auf die Politik verlassen, und wollten zu viel in zu kurzer Zeit.“ Der jetzige Stillstand der modernen Kraftwerksblöcke sei existenzgefährdend: „Um es klar zu sagen: eine gefährliche Situation.“

Terium: „Unser Ergebnis wird dramatisch sinken.“

Ein angeschlagener Riese: RWE hat 70 000 Beschäftigte und macht einen Umsatz von über 50 Milliarden Euro. „Unser Ergebnis wird dramatisch sinken“, kündigt Terium an. „Für mich ist unvermeidbar, dass wir mit neuen Sparprogrammen nachlegen müssen.“ Er betonte, dass die RWE-Kraftwerkssparte mehr als die bisher geforderte halbe Milliarde Euro pro Jahr sparen müsse. RWE werde sich durch Verkäufe und Outsourcing verkleinern und künftig mit weniger Mitarbeitern auskommen.

Selbst einen Zusammenschluss von RWE mit einem Partner schließt der Manager nicht aus: „Auf unserem Zeichenbrett entsteht ein neuer Konzern. Unser Geschäft wird dezentraler und dienstleistungsorientierter.“ So könne RWE den Zugang zum Großhandelsmarkt herstellen, damit Privatleute ihren Sonnen- oder Windstrom besser vermarkten können.

An Garzweiler II hält RWE beharrlich fest

Doch am umstrittenen Braunkohletagebau will RWE festhalten. Garzweiler II im Rheinland stehe nicht zur Disposition, stellte Peter Terium im Interview mit der Süddeutschen Zeitung klar. „Wir dürfen aus volkswirtschaftlicher Sicht die Braunkohle als einen der wenigen heimischen Energieträger nicht außer Acht lassen.“ Erstaunlich selbstkritisch rechnet der seit Juli 2012 amtierende RWE-Chef auch mit der Vergangenheit des Konzerns unter Jürgen Großmann ab. „Wir haben bei der Glaubwürdigkeit Terrain verloren. Aus eigener Schuld: Wir haben nicht immer getan, was wir gesagt haben. Da ist wieder etwas gutzumachen.“

Zehn europäische Energieriesen fordern Neuausrichtung der EU-Energiepolitik

Ungeachtet solcher Töne wettert RWE-Chef Peter Terium mit gleich neun mächtigen europäischen Energiekonzern-Lenkern gegen die Subventionspolitik der Europäischen Union. Neben RWE waren auch das deutsche Unternehmen Eon, Vattenfall aus Schweden, GDF Suez aus Frankreich, die spanischen Firmen Iberdrola und Gas Natural, Enel und Eni aus Italien, das niederländische Unternehmen Gasterra und der tschechische CEZ-Konzern beteiligt. Mitte Oktober haben diese zehn Konzerne, die etwa die Hälfte der europäischen Stromerzeugungskapazitäten auf sich vereinen, eine Neuausrichtung der EU-Energiepolitik gefordert.

GDF-Chef Gerard Mestrallet: „Wir haben auf ganzer Linie versagt.“

„Wir haben auf ganzer Linie versagt“, schleuderte GDF-Chef Gerard Mestrallet den europäischen Politikern entgegen. „Europa wird von Stromausfällen bedroht, Preise klettern in die Höhe, und die CO2-Emissionen steigen.“ Die zehn Konzernlenker kritisieren die einseitige Fixierung der Subventionierung auf Strom aus erneuerbaren Quellen. Die Erzeuger von Solar- und Windenergie profitieren doppelt: Zum einen wird ihr Strom bevorzugt in das Netz gespeist, zum anderen genießen sie garantierte Preise. So liegt der Großhandelspreis in Frankreich zum Beispiel bei rund 40 Euro pro Megawatt, während Strom aus Windkraft unabhängig von der Nachfrage nicht unter 83 Euro kostet. Die Differenz muss der Stromkunde bezahlen. Diese Situation ist auch in Deutschland ähnlich. Im europäischen Durchschnitt sind die Stromkosten für Haushalte nach Steuern in den vergangenen vier Jahren um 17 Prozent und für Unternehmen um gut ein Fünftel gestiegen.

In vier Jahren 51 Gigawatt vom Netz genommen 

Die Energiekonzerne haben fossile Kraftwerke runtergefahren, deren Betrieb nicht länger profitabel ist. Laut GDF-Chef Mestrallet wurde in den vergangenen vier Jahren eine Gesamtkapazität von 51 Gigawatt vom Netz genommen: „Das ist, als würde man die Hälfte der Stromerzeugungskapazitäten Frankreichs auslöschen oder die von Belgien, der Tschechischen Republik und Portugal zusammen.“

Anzeige
Von Detlef Stoller
Zur StartseiteZur Startseite
schlagworte: 
kommentare

Aktuell wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben. Loggen Sie ich ein oder melden Sie sich neu an, wenn Sie noch keine Zugangsdaten haben
> Zum Login     > Neu anmelden