10.07.2013, 14:36 Uhr | 0 |

Langfristige Investitionen Chinesische Unternehmen kommen, um zu bleiben

Chinesische Firmen drängen auf den deutschen Markt. In den letzten Jahren haben sie bereits zahlreiche Mittelständler übernommen. Welche Ziele sie verfolgen, und wie sie dabei vorgehen, erläutern Wolfgang Sturm und Michael Krömker von der Kanzlei Linklaters im folgenden Beitrag.

Prof.-Ing. Luan Wei und Projektleiter Mo Lishi
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Prof.-Ing. Luan Wei (l.), Manager der chinesischen Famous Industrial. und Projektleiter Mo Lishi bauten 2003 und 2004 die Dortmunder Kokerei „Kaiserstuhl“ ab und verpackten sie in Containern, um sie in China wieder aufzubauen. Heute geht das einfacher: Chinesische Unternehmen kaufen einfach die Mehrheit an deutschen Unternehmen.

Foto: filmproduktion loekenfranke

Vor zehn Jahren demontierten über 300 chinesische Arbeiter die Dortmunder Kokerei "Kaiserstuhl". Sie verpackten sie in Kisten, um sie nach Verschiffung im ostchinesischen Jining wieder aufzubauen. Doch solche Szenen sieht man schon lange nicht mehr: Mit einer veränderten Akquisitionsstrategie investieren chinesische Investoren heute gezielt in westlichen Ländern – um hier zu bleiben und zu wachsen.

Der Investitionsfokus liegt spätestens seit dem zwölften Fünfjahresplan (2011–2015) auf Hightech-Branchen. Dazu zählen Neue Energien, Energieeffizienz und Umweltschutz, Biotechnologie, Neue Werkstoffe, IT, Spezialmaschinenbau und "saubere" Fahrzeuge.

China plant gezielte Unternehmenskäufe von Hightech-Firmen

Dass chinesische Unternehmen in diesen Branchen nicht allein durch schrittweise Forschungs- und Vertriebserfolge und schon gar nicht durch bloßes Kopieren an die Spitze gelangen können, liegt auf der Hand. Deshalb ist es erklärtes Ziel der Führung in Peking, durch gezielte Unternehmenskäufe im westlichen Ausland zu wachsen. Doch wie sorgt die Regierung dafür, dass ihre Pläne von chinesischen Unternehmen auch umgesetzt werden?

Es gelingt durch eine Kombination aus staatlicher Lenkung und finanzieller Unterstützung. Vor allem die mächtige Entwicklungs- und Reformkommission (NDRC), die bedeutendste Aufsichtsbehörde Chinas, hat bei Auslandsinvestitionen ein wichtiges Wörtchen mitzureden. Ist die Investition im Interesse der Volksrepublik und ihrer Entwicklung? Soll sie wirklich gerade durch dieses chinesische Unternehmen erfolgen? Ist das Zielunternehmen tatsächlich gut gewählt – oder bieten sich andere an?

Finanzmittel für Großinvestitionen werden dabei fast ausschließlich durch die vier staatlichen Großbanken Bank of China, ICBC, ABC und CCB zur Verfügung gestellt. So kann China sehr gezielt steuern, welches chinesische Unternehmen investieren soll und die nötigen finanziellen Mittel zur Verfügung stellen. Die klare Strategie der Chinesen hat dazu geführt, dass das jährliche Volumen der weltweiten Auslandtransaktionen im vergangenen Jahr auf das Rekordniveau von 65,2 Mrd. $ gestiegen ist – sechs Mal mehr als noch 2008.

Deutsche Tugenden werden in China hoch geschätzt

Gerade bei Zukunftstechnologien, ist Deutschland ein hochinteressanter Investitionsstandort für China. Die sprichwörtlichen deutschen Tugenden werden dort hochgeschätzt. Gleiches gilt für starke deutsche Marken und innovationskräftige Unternehmen, die mit Spitzenprodukten weltweit präsent sind.

Dass die Chinesen hierzulande gute Kaufgelegenheiten finden, zeigt die Bilanz der letzten Jahre:

– 2012 hat das chinesische Unternehmen Sany den deutschen Maschinenbauer Putzmeister (Betonpumpen/Spezialmaschinen) erworben.

– LDK Solar übernahm im selben Jahr mit Sunways eine Firma aus dem Bereich Neue Energien.

– Ebenfalls 2012 schlug WISCO mit der ThyssenKrupp-Sparte Tailored Blanks im Leichtbau zu.

– Schon 2011 kaufte sich der chinesische IT-Riese Lenovo bei Medion ein.

Deutlich gestiegen sind die Investitionsvolumina. Inzwischen wird die Marke von 100 Mio. € immer häufiger überschritten. Dabei sind chinesische Investoren langfristig orientiert. Sie investieren viel und bringen darüber hinaus oft erhebliche Finanzmittel mit. Mancher Investitionsstau lässt sich auf diese Weise auflösen. Die Chinesen können den übernommenen Firmen durch Kontakte und genaue Marktkenntnis den Eintritt in den asiatischen Markt ebnen – und so ihr Wachstum beschleunigen. Gleichzeitig liegt ihnen viel daran, das Know-how des westlichen Unternehmens zu erhalten und die Forschungs- und Entwicklungskapazitäten auszubauen. Nur so lassen sich die oft ambitionierten Wachstumspläne umsetzen.

Chinesische Unternehmen sind langfristig orientiert

Langfristige Orientierung und optimistische Wachstumserwartungen haben auch einen anderen positiven Effekt: Chinesische Investoren sind bereit, großzügige Zugeständnisse an die Belegschaft der Zielgesellschaften zu machen. Diese werden auf Betreiben der Arbeitnehmervertreter meist in sogenannten Best Owner Agreements vereinbart. Sie enthalten Standort- und Beschäftigungsgarantien sowie nicht selten auch Vereinbarungen zu Aus- und Weiterbildung, Ergebnisbeteiligung und Tarifbindung. Darüber hinaus werden oft explizite Investitionszusagen in erheblicher Höhe abgegeben.

Die Chinesen gehen damit weit über das hinaus, was im Markt üblich ist. So wurden bereits bei mehreren Großtransaktionen in Deutschland Standort- und Beschäftigungsgarantien für fünf oder mehr Jahre abgegeben – meist verbunden mit umfangreichen Investitionszusagen. Ein westlicher Investor würde sich oft gar nicht auf solche Zusagen einlassen. Denn meist geht es ihm mit der Übernahme darum, Synergien zu heben. Das aber ist fast immer mit Arbeitsplatzabbau verbunden. Doch auch Käufer aus anderen asiatischen Ländern sind selten willens, Arbeitsplätze länger als zwei Jahre zu garantieren. Mit Investitionszusagen halten sie sich ebenfalls zurück.

Anfängliche Probleme sind normal

Wenn Chinesen deutsche Firmen kaufen, gibt es am ehesten anfängliche Schwierigkeiten bei der Integration – kein Wunder angesichts der großen kulturellen Unterschiede. Um die Englischkenntnisse des chinesischen Teams steht es häufig nicht zum Besten. Es dauert oft eine Weile, bis sich die Chinesen an westliche Führungs-, Organisations-, und F&E-Strukturen gewöhnt haben.

Auch der Einfluss des Betriebsrats, dem man mit dem Best Owner Agreement vermeintlich weit entgegen gekommen war, irritiert die Chinesen anfangs. Doch sie lernen schnell.

Meist krempeln chinesische Investoren auch nicht direkt nach dem Erwerb die komplette Führung der neuen Unternehmenstochter um oder greifen über Gebühr in das operative Geschäft ein. In der Regel nehmen sie zunächst eine eher beobachtende Rolle ein. Sie machen sich mit den Strukturen des gekauften Unternehmens vertraut, um es nach und nach an die eigene Organisationsstruktur anzupassen. Gelernt wird also nicht mehr durch Kopieren, sondern nachhaltig – im eigenen Unternehmen. 

Wolfgang Sturm ist Partner, Dr. Michael Krömker Managing Associate der Wirtschaftskanzlei Linklaters LLP. Sie beraten u.a. chinesische Unternehmen bei Investitionen in westlichen Ländern.

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Von Wolfgang Sturm & Dr. Michael Krömker | Präsentiert von VDI Logo
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