16.06.2014, 11:57 Uhr | 0 |

Arbeiten Leute weniger? Schrauben-Unternehmer Würth: Die WM schadet der Wirtschaft

Unternehmer Reinhold Würth glaubt, dass das Fußballfieber seinem Schraubenimperium schadet, weil die Mitarbeiter nur noch Bälle statt Dübel im Kopf haben. Eine Langzeitstudie der Uni Hohenheim stützt diese Meinung sogar. Jedenfalls auf den ersten Blick.

Public Viewing für Unternehmen
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Die Fußball-WM schadet der Produktivität der Unternehmen, fürchtet Unternehmer Reinhold Würth. Nach einer Studie der Universität Hohenheim kann direkt während einer WM wirklich die Produktivität sinken. Allerdings werde liegen gebliebene Arbeit rasch wieder aufgeholt.

Foto: biggAIRcub

Man muss vorausschicken: Reinhold Würth ist kein Fußballfan. Und er ist bekannt dafür, dass er seine Mitarbeiter gerne auch mal an den Pranger stellt. Vor ein paar Jahren forderte er die Außendienstler seines Unternehmens öffentlich dazu auf, sich morgens früher auf den Weg zum Kunden zu machen.

Würth: Die Leute schlafen länger

Jetzt fürchtet Würth, dass seine Mitarbeiter lieber nachts vor dem Fernseher sitzen, dann ein bisschen länger schlafen und noch später im Auto zum Kunden sitzen. Die WM koste Produktivität, sagte er jetzt der Nachrichtenagentur dpa, und fügte hinzu: „Das gilt vor allem für Außendienstler, die kontrolliert ja niemand.“

Der 79 Jahre alte „Schraubenkönig“ hat aus einem kleinen Eisenwarenhandel einen Global Player in der Montage- und Befestigungstechnik mit mehr als 60.000 Mitarbeitern gemacht. Ein Topunternehmer. Stellt sich die Frage: Hat Würth womöglich sogar recht?

Studie berechnet 0,4 Prozent BIP-Verlust bei der WM 2006 in Deutschland

Eine Langzeitstudie am Lehrstuhl für Marketing der Uni Hohenheim hat die Wirkung einer Fußball-WM auf die Arbeitsmoral der Deutschen untersucht. Sie kam zu dem Ergebnis, dass die Beschäftigten während eines Turniers durchschnittlich 15 Minuten täglich mit Elfmeterdiskussionen und Taktikdebatten verbringen. Für die WM 2006 in Deutschland habe dies einen Verlust von 0,4 Prozent des Bruttoinlandsproduktes bedeutet. Bei der WM 2010 in Südafrika seien es 0,27 Prozent gewesen, sagt Studienleiter Prof. Markus Voeth. Mehr als sechs Milliarden Euro habe die deutsche Wirtschaft dadurch verloren.

Siehste, wird Reinhold Würth sagen. Aber Voeth hat gleich eine Menge Einschränkungen parat. Erstens sei dies ein kurzfristiger Effekt, der wenigstens teilweise durch Nacharbeiten aufgeholt werde. Zweitens werde er für die Wirtschaft insgesamt großenteils dadurch kompensiert, dass einige Branchen von dem Ereignis massiv profitieren. Genau berechnet haben die Hohenheimer Forscher das für 2006. Da habe es 5,3 Milliarden Euro zusätzlichen Umsatz gegeben. In der Getränkeindustrie und der Gastronomie 2,1 Milliarden Euro, bei Fan-Artikeln 1,3 Milliarden, bei Kleidung und Sportartikeln 0,9 Milliarden, in der Reisebranche 600 Millionen und für die Hersteller von Elektroartikeln 400 Millionen Euro.

Auch denkbar: Euphorie macht produktiver

Von alldem hat Würth natürlich nichts. Seine Außendienstler werden wohl bis nachts um zwei Nigeria gegen Bosnien-Herzegowina gucken und dann nicht aus den Federn kommen. Er kann nur darauf hoffen, dass Voeth mit einer Mutmaßung recht hat, die er schon 2006 äußerte: „Nicht ausgeschlossen werden kann, dass die Euphorie auf der anderen Seite dazu geführt hat, dass die verbleibende Arbeitszeit produktiver genutzt wurde.“ Dass sei aber halt schwer zu messen. Da fragt man sich, was man sich wünschen soll: Dass Deutschland früh rausfliegt, oder dass wir ins Finale kommen?

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Von Werner Grosch
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