25.09.2015, 08:21 Uhr | 0 |

Kritik an Regierung Gesamtmetall-Präsident Dulger: "Wir laufen in die nächste Krise“

Deutschland steht nach Einschätzung von Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger vor der nächsten Wirtschaftskrise. Die Löhne seien zu hoch, die Unternehmen hätten zunehmend Probleme, die Lohnkosten zu erwirtschaften, warnt Dulger im Gespräch mit den VDI nachrichten. Zugleich stellt er der Großen Koalition kein gutes Zeugnis aus.

Werk des Autozulieferers Bergmann Automotive in Barsinghausen bei Hannover
Á

Flüssiges Gusseisen im Werk des Autozulieferers Bergmann Automotive in Barsinghausen bei Hannover: „Seit 2008 sind die Löhne und Gehälter um fast 20 % angestiegen, aber die Produktivität nur um 2 %", kritisiert Gesamtmetall-Präsident Rainer Dulger. 

Foto: Julian Stratenschulte/dpa

„Seit 2008 sind die Löhne und Gehälter um fast 20 % angestiegen, aber die Produktivität nur um 2 %. Wir laufen in die nächste Krise“, warnt Dulger in der Wochenzeitung. „Der niedrige Ölpreis und der niedrige Euro sind wie eine Droge für die deutsche Wirtschaft. Wenn wir die aber absetzen, wird es Entzugserscheinungen geben.“

Schon jetzt stünden die Unternehmen unter einen enormen Kostendruck. „Unsere Wettbewerber werden kontinuierlich besser und der Ertragsdruck wird schlimmer“, so Dulger. „Manchmal habe ich in Sachen Lohnpolitik den Eindruck, wir glauben, wir sitzen hier auf der Insel der Glückseligen.“ Vor allem die Einstiegslöhne kritisiert Dulger als viel zu hoch. „Die Einstiegslöhne in der Metall- und Elektroindustrie sind so hoch, dass wir einfache und ungelernte Arbeiter in unserer Industrie fast nicht mehr halten können.“

Lohnniveau in Tschechien nur halb so hoch

Der Arbeitgeber-Präsident verweist auf die nahe, viel günstigere Konkurrenz der osteuropäischen Nachbarländer. „Die Einstiegslöhne für Ungelernte in der M+E-Industrie liegen bei 2200 € für eine 35-Stunden-Woche. In Tschechien ist das Lohnniveau ungefähr halb so hoch und das ist gerade einmal ein paar Kilometer weiter weg. Die Produktivität ist vergleichbar, das Ausbildungsniveau ist vergleichbar.“

ARCHIV - Rainer Dulger, der Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, spricht am 24.07.2014 in Heidelberg (Baden-Württemberg) bei einem Interview. Arbeitgeber im Südwesten halten eine starre Quote für den falschen Weg, um mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen. Foto: Uwe Anspach/dpa (zu dpa-lsw: «Südwest-Arbeitgeber halten Frauenquote für den falschen Weg» vom 24.12.2014) +++(c) dpa - Bildfunk+++
Á

Rainer Dulger, der Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, spricht der Großen Koalition kein gutes Zeugnis aus. Sie habe vor allem umverteilt, aber zu wenig für die Wirtschaft getan, kritisiert Dulger in den VDI nachrichten.

Foto: Uwe Anspach/dpa

Ausgesprochen unzufrieden ist der Arbeitgeberverband mit der Arbeit der Großen Koalition. Union und SPD hätten die Zeit vor allem für Umverteilungen genutzt und die Wirtschaft zusätzlich belastet, kritisiert Dulger. „Die komplette erste Hälfte der Großen Koalition war nur von höheren Sozialleistungen und Maßnahmen zur Umverteilung geprägt“, sagte der Gesamtmetall-Präsident. „Kein Wort wurde darüber verloren, wie diese Gelder erwirtschaftet werden sollen. Erleichterungen für Unternehmen habe ich in dieser Koalition noch nicht gesehen.“

Große Koalition hat Zeit für Umverteilungen genutzt

Dulger fordert die Koalition auf, jetzt mehr für die Wirtschaft zu tun. „Die kalte Progression gehört morgen früh abgeschafft, das geplante Entgelttransparenzgesetz ist das überflüssigste Gesetz, von dem ich je gehört habe“, kritisiert Dulger. „Bei der Erbschaftssteuerreform fehlt mir die politische Verhältnismäßigkeit, die steuerliche Forschungsförderung muss eingeführt werden und zur Sanierung der Infrastruktur braucht es dringend clevere Programme.“

Das Interview lesen Sie im Wortlaut in der Print- und elektronischen Ausgabe 39 der VDI nachrichten.

Anzeige
Von Axel Mörer-Funk
Zur StartseiteZur Startseite
schlagworte: 
kommentare

Aktuell wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben. Loggen Sie ich ein oder melden Sie sich neu an, wenn Sie noch keine Zugangsdaten haben
> Zum Login     > Neu anmelden