01.08.2013, 14:51 Uhr | 0 |

Optimistisch für Deutschland BGA-Präsident: Europa steckt noch vier Jahre in der Rezession

Jahrelang haben Ausfuhren die deutsche Wirtschaft angetrieben. Doch die Rezession in weiten Teilen Europas sorgt dafür, dass der Exportmotor stottert. Kippt auch in Deutschland die Konjunktur? Fragen an Anton Börner, Präsident des Bundesverbands Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA).

BGA-Präsident Anton Börner
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BGA-Präsident Anton Börner: "Wir sind im Export so gut aufgestellt, dass uns regionale Krisen nicht hart treffen"

Foto: BGA

VDI nachrichten: Herr Börner, in Europa galt Deutschland lange als Insel der Seligen. Bleibt das so?

Börner: Wir werden in Deutschland in diesem Jahr sicherlich keine Rezession bekommen. Der BGA rechnet mit einem Wachstum von 0,5 % bis 0,75 %. Bei den Exporten erwarten wir nach wie vor ein Plus von 3 % für 2013.

Ein sehr bescheidener Wert gemessen an früheren Jahren.

Sie müssen dabei die hohe Basis berücksichtigen. Wichtig ist zudem, dass der Wachstumstrend bei den Ausfuhren nicht gebrochen wurde. Er wird auch langfristig anhalten.

Aber die Exporte verlagern sich.

Ja, weg von Südeuropa, hin vor allem zu den Schwellenländern. Nach China werden die Ausfuhren zwar vorübergehend etwas abnehmen, aber langfristig sehe ich hier ein stabiles Wachstum. Auch die Exporte in die USA erhöhen sich kräftig – und wir gehen davon aus, dass sich diese Entwicklung in den nächsten Jahren fortsetzt.

Das heißt, höhere Exporte nach Asien und Amerika kompensieren den Nachfragerückgang in Euroland?

Durchaus. Deutschland ist beim Export weltweit so gut aufgestellt, dass uns regionale Krisen in der Summe nicht so hart treffen. Hinzu kommt, dass der Dienstleistungssektor überproportional wächst. Dieser Bereich dürfte uns in den nächsten Jahrzehnten viel Freude bereiten.

Wir exportieren immer mehr Dienstleistungen

Was heißt das konkret?

Dienstleistungen machen derzeit etwa 20 % der gesamten deutschen Ausfuhren aus. Wir erwarten, dass ihr Anteil im Laufe der nächsten Jahre weiter zunimmt. Deutschland entwickelt sich immer mehr zum Anbieter komplexer Systemlösungen. Infrastruktur aufzubauen, ist das eine, sie zu betreiben, das andere.

So ist der Dienstleistungsbereich beispielsweise in China noch sehr unterentwickelt. Das Land muss deshalb auch Dienstleistungen etwa für Verkehrsleitsysteme und Gebäudemanagement einkaufen. Auch der Bereich der Daseinsvorsorge bietet ein riesiges Wachstumspotenzial.

Aktuell sieht es aber in vielen exportstarken Branchen eher mau aus. Wen hat es besonders getroffen?

Sicherlich hat es den Maschinenbau aufgrund rückläufiger Ausrüstungsinvestitionen spürbar erwischt. Seit einigen Monaten leiden aber auch die Automobilbauer in Europa. Das betrifft vor allem die Massenhersteller in Frankreich und Italien. Den großen deutschen Automobilproduzenten geht es noch vergleichsweise gut. Da wirken sich eine gute Modellpolitik und die Stärke im Asiengeschäft aus. Ansonsten bemerken wir, dass eigentlich alle Branchen von der nachlassenden Konjunktur – besonders hier in Europa – betroffen sind.

Wann belebt sich die Wirtschaft in Europa wieder?

Da bin ich sehr zurückhaltend. Für dieses Jahr habe ich keine Hoffnung, dass sich die konjunkturelle Situation – besonders in der Eurozone – bessert.

Und 2014?

Auch da bin ich sehr skeptisch. Ich glaube nicht, dass die Eurozone im kommenden Jahr die Rezession hinter sich lassen kann. Sorge bereiten mir – neben den hoch verschuldeten Problemstaaten – auch Italien und vor allem Frankreich.

Europa bleibt noch vier Jahre in der Rezession

Also kein Ende der Rezession in Sicht?

In den nächsten drei bis vier Jahren erwarte ich keinen durchgreifenden konjunkturellen Aufwärtstrend in Europa. Südeuropa wird für lange Zeit das Sorgenkind Nummer eins bleiben.

Warum so pessimistisch?

Die südlichen Länder, und dazu zähle ich dann auch Frankreich, sind nicht bereit, die dringend notwendigen wirtschaftlichen Reformen, vor allem am Arbeitsmarkt, anzugehen. Ihre Politiker fürchten die politischen Folgen: Reformen brauchen Zeit, bis sie wirken. Wenn sie nach oft langwierigem Gesetzgebungsverfahren endlich umgesetzt werden, geht es mit der Konjunktur erfahrungsgemäß zunächst weiter abwärts. Das kann ein Jahr dauern.

Ein Jahr, das die jeweilige Regierung vielleicht nicht überlebt.

Ja, da fürchtet man sich vor politischen Konsequenzen. Gerne wird dabei auf Deutschland verwiesen: Zwar wird die Agenda 2010 hinter vorgehaltener Hand auch von südeuropäischen Politikern für richtig gehalten, schließlich hat sie Deutschland gut durch die Krise getragen. Aber die Regierung Schröder wurde abgewählt. Das schreckt ab.

Reformen sind bestimmt wichtig. Aber hapert es in Südeuropa nicht auch an Investitionen?

Natürlich. Und da fällt der Blick vor allem auf Griechenland. Es gibt einige wenige Wirtschaftsbereiche, mit denen die Griechen punkten könnten. Dazu zählt nicht nur griechischer Wein, sondern neben der Landwirtschaft auch die Logistik. In erster Linie aber der Fremdenverkehr, der stark reformiert werden muss, um international wettbewerbsfähig zu werden. Aber es fehlt neben vielem anderem an Geld, um diese Wirtschaftssektoren zu restrukturieren. Die bisher nach Hellas geflossenen Gelder dienten weitgehend dazu, die Gläubiger zu befriedigen.

Griechischer Schuldenschnitt kommt bestimmt

Braucht Griechenland einen weiteren Schuldenschnitt?

Ja, und der wird auch kommen. Wenn es nicht zu einem weiteren Schuldenschnitt in Griechenland kommt, dürfte der IWF keine Kredite mehr für das Land locker machen. Aber was kann ein Schuldenschnitt dauerhaft bewirken? Selbst wenn man dem Land all seine Schulden erlassen würde, glaube ich nicht, dass Griechenland damit von der Weltkarte der Schuldnerstaaten auf Dauer verschwunden wäre.

Warum nicht?

Weil ein Schuldenschnitt wirtschaftlich nichts Grundlegendes bewirken würde. Dazu brauchte es, neben Reformen und neuen Strukturen wie einer funktionierenden Exportförderung, frisches Geld. Ich sehe die Investoren nicht.

Ein Problem für die Südländer ist die Stärke des Euros. Staaten wie Japan, Australien oder Südkorea werten derweil ihre Währungen ab. Droht ein neuer Währungskrieg?

Nein, den sehe ich noch nicht. Regierungen und Notenbanken wissen aus der Vergangenheit, welch katastrophale Folgen drohen, wenn es zu Abwertungswettläufen kommt. Daran hat keiner der großen Exportstaaten einschließlich der USA und China Interesse.

Eine Abwertung brächte auch keinem Euroland eine dauerhafte Lösung seiner Exportprobleme. Ländern wie Griechenland dürfte auch ein schwächerer Euro wenig nützen. Das Land ist, wie gesagt, international ohnehin nicht gut aufgestellt. Die Frage lautet eher: Ist ein Land wie Griechenland für einen Verbleib im Euro geeignet, wenn es nicht in der Lage ist, kurz und mittelfristig international wettbewerbsfähig zu werden. Und dass dies gelingen wird, daran zweifle ich sehr.

Exporteure können mit dem heutigen Euro-Niveau leben

Deutschland hat kein Problem mit dem vergleichsweise starken Euro?

Deutschland – wie auch andere nordeuropäische Exportländer – können mit dem derzeitigen Euro-Niveau gut leben. Aufwertungen in gewissen Ausmaßen sind für den wettbewerbsfähigen Außenhandel kein Problem, wenn er die Zeit hat, sich der Situation anzupassen. Schwierig wird es, wenn es unvorhersehbar zu Währungsschocks kommt.

Japan hat seine Währung kräftig abgewertet. Wie bewerten Sie das?

Die Japaner hoffen mit dieser und anderen Maßnahmen, ihre Wirtschaft, die über ein Jahrzehnt lang unter einer Depression litt, wieder in Gang zu bekommen. Sie wollen sich auf den internationalen Märkten zurückmelden. Aber so wird das langfristig nicht gelingen. Eine Exportoffensive durch Abwertung der Währung ist auf Dauer nicht von Erfolg gekrönt. Nachhaltig wäre es, die Wettbewerbsfähigkeit durch Innovationen und durch eine geschickte Produktpolitik zu verbessern.

Vor allem geht die wirtschaftliche Revitalisierung Japans mit einer weiteren kräftigen Erhöhung der Verschuldung einher, die sich bereits heute auf einem internationalen Spitzenniveau von deutlich über 200 % des Bruttoinlandsprodukts befindet. Dagegen helfen nur Reformen und eisernes Sparen.

In der Eurozone schrumpft die Wirtschaft, die Verschuldung der meisten Staaten wächst. Trotzdem ist der Euro weiterhin stark. Wie kann das sein?

Dafür gibt es im Wesentlichen zwei Gründe: EZB-Chef Mario Draghi hat vor fast genau einem Jahr verkündet, dass er alles tun wird, um den Euro stabil zu halten. Möglichkeiten dazu habe die Notenbank in ausreichendem Maße. Das halten die Märkte noch heute für glaubhaft. Es schreckt die Spekulation gegen den Euro ab, da das Risiko als zu hoch eingeschätzt wird.

Außerdem hat die deutsche Kanzlerin ihren Kurs im Kampf gegen die europäische Schuldenkrise geschickt fortgesetzt. Sie tritt einerseits deutlich für Stabilität und Konsolidierung ein. Andererseits zeigt sie sich konziliant, indem sie den Ländern eine gewisse Zeit für Anpassungen und zur Transformation gibt.

Zollschranken lösen keine Probleme

Sehen Sie die Gefahr, dass der Protektionismus im Außenhandel wieder zunimmt? War der jüngste Handelsstreit zwischen der EU und China da ein Vorbote?

Leider haben die Politiker nicht aus der Vergangenheit gelernt. Viele glauben immer noch, dass mithilfe von Zollschranken die heimischen Probleme gelöst werden können. Richtig ist es dagegen, die eigene Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen.

Den Streit zwischen der EU und China um Solarprodukte haben Sie ja erwähnt. Ich erinnere zudem an den eklatanten Fall Indien. Auf den indischen Markt wurden große Hoffnungen gesetzt. Allerdings hat das Land zum Schutz eigener Produkte so hohe Barrieren aufgebaut, dass sich dort auf Jahre nicht viel bewegen wird.

Brüssel und Peking haben sich nun auf Mindestpreise für Importe chinesischer Solarprodukte verständigt. Auch eine Mengenbegrenzung soll es geben. Die Brancheninitiative EU ProSun, nennt den Kompromiss allerdings rechtswidrig. Wie beurteilen Sie die Einigung?

Beide Konfliktparteien sind unzufrieden. So schlecht kann der gefundene Kompromiss also eigentlich nicht sein. Ansonsten gilt, dass unsere Mitgliedsunternehmen vom Solarzellenstreit nicht direkt betroffen sind – wohl aber von den potenziell verheerenden Auswirkungen, die ein Handelskrieg zwischen China und der EU gehabt hätte. Insofern sind wir froh, dass es zu einer gütlichen Einigung gekommen ist. Das Beispiel zeigt, dass man nicht immer die große Keule der Sanktionen und Gegensanktionen auspacken muss. Vernünftige und pragmatische Verhandlungen führen auch oft zum Erfolg.

Wäre ein baldiges Freihandelsabkommen zwischen der EU und China wünschenswert?

Aus unserer Sicht unbedingt. Aber für Deutschland als große Exportnation ist jedes Freihandelsabkommen gut, das die EU abschließt. Derzeit läuft ein Freihandelsabkommen mit Japan an und mit den USA wird darüber verhandelt. Also, es tut sich da schon einiges. Viel mehr wäre parallel auch nicht verkraftbar.

Mittelstand würde von Handelsabkommen mit den USA besonders profitieren

Die erste Runde der Handelsgespräche mit den USA wurde gerade in Washington abgeschlossen. Welche Vorteile hätten wir von einem Abkommen?

Gerade der deutsche Mittelstand würde von einem Abbau nichttarifärer Handelshemmnisse kräftig profitieren. Ein zusätzliches Wachstum von jährlich bis zu 10 % ist im Bereich des Möglichen.

Rechnen Sie mit einem schnellen Durchbruch bei den Gesprächen?

Wie lange die Verhandlungen letztlich dauern werden, ist heute noch nicht absehbar. Der Teufel steckt wie immer im Detail. Vor allem weiß ich nicht, was sich Frankreich wieder einfallen lassen wird. Aus deutscher Sicht sollte das Abkommen möglichst umfassend sein und die Verhandlungen sollten möglichst rasch zu einem positiven Abschluss kommen.

Wirkt sich die Spionage des US-Geheimdienstes auf die Verhandlungen aus?

Die erste Runde wurde dem Vernehmen nach ohne Missklang in Washington abgeschlossen. Die Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen dürfen aus Sicht der Wirtschaft weder beschädigt noch verzögert werden. Bei dem Überwachungsskandal handelt es sich um ein politisches bzw. rechtliches Problem, das von den Handelsbeziehungen zu trennen ist.

Wir sind dagegen, die Handelspolitik in diesen Konflikt hineinzuziehen und das Freihandelsabkommen als Druckmittel in den Verhandlungen einzusetzen. Klar ist, dass von dem angestrebten Abkommen beide Seiten profitieren werden.

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Von Dieter W. Heumann | Präsentiert von VDI Logo
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