szmtag
16.03.2012, 11:59 Uhr | 0 |

Finanzierung Start-ups entdecken Crowdfunding

Die Idee, das Geld vieler kleiner Anleger per Internet zu bündeln, stammt aus der Kreativszene. Doch unter bestimmten Voraussetzungen eignet sich Crowdfunding sogar für Hightech-Start-ups. Ein marktreifes Produkt, ein überzeugendes Gründerteam und ein verständlicher Businessplan locken Mikro-Investoren. Ihr Risiko ist relativ groß, aber auch die potenzielle Rendite.

Die goldene Abendtasche aus Indien oder das authentische argentinische Trinkgefäß für Mate-Tee kann man sich bei Cosmopol besorgen. Das erste crowdfinanzierte deutsche Unternehmen vertreibt Original-Geschenkartikel aus aller Welt. Ende 2011 sammelte der 2009 gegründete Düsseldorfer Online-Shop über 96 000 € von 186 Anlegern. Die Aktion lief knapp 90 Tage auf der Vermittlungsplattform Seedmatch. Damit soll nun das Sortiment ausgebaut und der Bekanntheitsgrad gesteigert werden.

Crowdfunding zählt in den USA zum Tagesgeschäft

In den USA werden seit Jahren Dokumentarfilme, Fotoausstellungen und Musikalben per Crowdfunding finanziert. Auch in Deutschland gibt es seit gut zwei Jahren solche Plattformen, etwa Mysherpas, Sellaband, Startnext und Inkubato. Der Film "Hotel Desire" wurde letzten Sommer dank 170 000 € von spendablen Internetnutzern verwirklicht. Kultur- und Medienprojekte versprechen den Förderern einen eher immateriellen Gewinn: eine handsignierte CD oder eine Einladung zur Premiere.

Ein anderes Kaliber ist die Start-up-Finanzierung, Crowdinvesting, die in Deutschland erst seit Kurzem anläuft. Die Plattformen verlangen in diesem Fall eine Mindestinvestition zwischen 100 € und 1000 €. Sie treffen eine Vorauswahl der Start-ups nach ihren eigenen Kriterien und erhalten oft eine Provision für eine erfolgreiche Finanzierungsrunde. Das Prinzip ist "alles oder nichts": Wenn das Unternehmen den errechneten Kapitalbedarf nicht binnen der gesetzten Frist decken kann, fließt gar kein Geld.

Die Geldgeber erwarten eine Rückzahlung und eine Rendite, sei es als Gewinnausschüttung oder als Wertsteigerung ihres Anteils. Bei einer Pleite ist der eingezahlte Betrag weg. Aber der ist überschaubar. Die Gesamtobergrenze einer Finanzierungsrunde liegt bei 100 000 €. Darüber hinaus verlangt die Finanzaufsicht nämlich eine Prospekterstellung.

Crowdfunding ist nicht ohne Bloggen und Twittern zu haben

Auch die Zahl der Start-ups auf den neuen Vermittlungsplattformen ist noch recht überschaubar. Ein Grund: Nicht jeder kann sich auf diese Art und Weise finanzieren. Die Gründer müssten bereit sein, ihre Investorenschar einzubinden, z. B. regelmäßig zu bloggen oder zu twittern sowie Fragen direkt zu beantworten und die Anregungen eventuell aufzunehmen. Cosmopol-Geschäftsführer Michael Kraus meint: "Wer nicht bereit ist, mit den Investoren zu kooperieren und Transparenz zu akzeptieren, lässt lieber die Finger vom Crowdfunding. Den Anlegern ist das Einflussnehmen durchaus ein Anliegen.

Doch wer damit umgehen kann, kommt dadurch auf neue Ideen und zu einer effizienten Mundpropaganda. Die Investoren erzählen ihrem sozialen Netzwerk von "ihrem" Unternehmen, nehmen vielleicht selbst seine Produkte und Dienstleistungen in Anspruch. Deshalb ist der geeignetste Zeitpunkt für eine solche Finanzierung kurz vor oder nach dem Markteintritt.

Auch Hightech-Start-ups können auf die geballte Finanzkraft des Schwarms setzen. Sie müssen allerdings die Phase der Grundlagenforschung hinter sich haben. Die Kölner Plattform Innovestment legt ihren Schwerpunkt auf Technologieunternehmen und hat bereits vier erfolgreich finanziert. Eine Besonderheit hier: Die Anteile werden ersteigert. Das kann die Gesamtbewertung einer Firma drastisch erhöhen.

75 % mehr wert als ursprünglich gezeichnet war den Anlegern etwa die Particular GmbH aus Hannover. 66 Investoren boten für die Anteile mit, 25 kamen schließlich zum Zuge und brachten 100 000 € zusammen. Das 2010 gegründete Unternehmen trägt Nanopartikel mit Laser ab und bindet sie in Kolloide ein. Diese vertreibt es an Kunden aus Forschung und Industrie. Durch das Programm Exist-Forschungstransfer wurde die Ausgründung des Laser-Zentrums Hannover bereits mit 330 000 € gefördert.

"Nach Ende der Förderung passte die neue Finanzierungsform sehr gut zu unserer Situation", sagt Geschäftsführer Niko Bärsch. Die Firma sei nun in der Lage zu produzieren, aber in den relevanten Branchen noch zu wenig bekannt. Mit dem eingeworbenen Geld will Bärsch einen Marketing-Spezialisten einstellen. Dadurch werden sich die Umsätze innerhalb eines Jahres mindestens verdoppeln, hofft der Ingenieur.

Businessplan-Wettbewerbe kosten mehr Zeit als Crowdfunding

Ein Business Angel hätte es zwar auch getan: Die Particular-Gründer haben solche über Businessplan-Wettbewerbe kennengelernt. Aber es sei sehr zeitaufwendig, den Richtigen zu finden. Die Auktion bei Innovestment wurde dagegen in nur einem Monat abgewickelt. Seinen stillen Teilhabern will Particular quartalsweise berichten und künftig ca. 7 % der Jahresgewinne auszahlen. Und wenn sich weiterer Kapitalbedarf ergibt, würde Bärsch jederzeit wieder auf die Plattform zurückgreifen.

Beim Kölner Vermittler müssen die Investoren mindestens 1000 € mitbringen. "Wir möchten, dass sie sich intensiv mit dem Start-up und dem zugrunde liegenden Geschäftsmodell auseinandersetzen. Diese Detailprüfung macht erst ab einem gewissen Mindestbetrag Sinn", sagt Innovestment-Mitgründer Daniel Appelhoff. Außerdem hält das den Personenkreis überschaubar: 25 bis 40 Geldgeber pro Unternehmen. Nach drei Jahren haben sie die Möglichkeit, ordentlich zu kündigen und den Buchwert des Anteils ausgehändigt zu bekommen. Der Start-up darf sich frühestens nach sieben Jahren vom Anleger trennen und entschädigt ihn mit dem Verkehrswert.

Unternehmen können einen Teil ihres Geschäftsmodells auf Crowdfunding aufbauen, ohne dafür Anteile abzutreten. Beispiel VerbaVoice, das Sprache in Text für mobile Geräte umwandelt. Die Zielgruppe sind Hörgeschädigte. Neben seiner eigentlichen Dienstleistung will die Münchener Firma Live-Untertitelungen bestimmter Filme oder Fernseh-Shows anbieten. Allerdings dann, wenn sich genug Interessenten zusammenfinden, denen dies ein paar Euro wert ist.

Von Matilda Jordanova-Duda | Präsentiert von VDI Logo
schlagworte: 
kommentare

Aktuell wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben. Bitte loggen Sie sich ein, um den ersten Beitrag zu verfassen.