15.03.2013, 13:59 Uhr | 0 |

Finanzierung Kapitalmarktpanel: Börsenkandidaten müssen sich mächtig abstrampeln

Wer sich an der Börse frisches Kapital beschaffen will, muss sich gedulden. Stark schwankende Kurse machen Erstnotierungen derzeit zum Vabanquespiel. Kurzfristig sind Börsengänge deshalb eher unwahrscheinlich, so das aktuelle Kapitalmarktpanel, das die VDI nachrichten und die Beratungsfirma Cometis erstellen.

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Börsengänge sind für Unternehmen derzeit risikobehaftet.

Foto: dpa

Der Chemiekonzern Evonik nimmt nach drei gescheiterten Versuchen einen neuen Anlauf für den Börsengang – diesmal durch die Hintertür. Die beiden Eigentümer, die RAG-Stiftung und der Finanzinvestor CVC Capital, gaben dafür einen Teil ihrer Aktien an institutionelle Anleger aus dem In- und Ausland ab. "Die Erweiterung des Eigentümerkreises stellt einen ersten Schritt für die angestrebte Börsennotierung dar", erklärten die Eigentümer und Evonik in einer gemeinsamen Erklärung. Nach Informationen des Handelsblatts soll danach in einem zweiten Schritt die Börsennotierung auf dem Weg eines "kalten Listings" – also ohne öffentliches Angebot mit Orderbuch, Preisbildung und Zuteilung – beantragt werden. Dies könnte bis Ende April geschehen.

Dass der Essener Chemieriese so überaus vorsichtig agiert, ist bezeichnend für die Verfassung des deutschen Aktienmarktes. Nachdem es im Herbst 2012 noch vielversprechende Börsengänge gegeben hatte (u. a. Talanx) und mit der LEG Immobilien zu Jahresbeginn ein Milliarden-IPO stattfand, sind Experten inzwischen wieder skeptisch. Die meisten für das Kapitalmarktpanel (siehe Kasten) befragten Banker erwarten maximal einen bis fünf Börsengänge bis Mitte des Jahres.

"Die Investoren sind nach wie vor nervös und zögerlich. Dass nach der Wahl in Italien auch die Eurokrise wieder stärker in den Fokus rückt, sorgt auch nicht gerade für Entspannung", erläutert Ulrich Wiehle, Leiter des Kapitalmarktpanels und Vorstand der Wiesbadener Cometis AG. Erschwerend komme der Skandal um mögliche Bilanzfälschung beim Börsengang der Hess AG im Oktober 2012 hinzu.

Börsengänge sind ein saisonales Geschäft. Meist finden sie im Frühjahr und im Herbst statt. Ob sich die Türen zum Handelssaal öffnen, hängt dabei von verschiedenen Faktoren ab. Laut Panel ist das wichtigste Kriterium derzeit die Volatilität des Aktienmarktes, also die erwartete Schwankungsbreite der Kurse. Je niedriger die Schwankungsbreite, desto geringer das Risiko der Investoren, Verluste zu erleiden.

Förderlich für Börsengänge sind nach Ansicht der Befragten auch "Eisbrecher", also große Emissionen, die für Börsengänge mit kleinerem Volumen den Weg freiräumen. Doch auch die Bereitschaft der Emittenten, Bewertungsabschläge in Kauf zu nehmen, ist für die Umfrageteilnehmer wichtig. Erwartet werden dabei Abschläge zwischen 6 % und 20 %. "Das Management muss die Frage beantworten, ob es die geforderten Preisabschläge in Kauf nehmen will. Evonik hat laut Medienberichten im vergangenen Sommer seinen Börsengang verschoben, weil interessierte Investoren einen Preisabschlag von 20 % forderten", kommentiert Wiehle.

Wenn es in nächster Zeit überhaupt zu Börsengängen kommen sollte, rechnen die befragten Finanzexperten mit vergleichsweise bescheidenen Emissionsvolumina von 100 Mio. € bis 500 Mio. €.

Nach Einschätzung der Panelteilnehmer werden die Börsenkandidaten in diesem Jahr am ehesten aus der Immobilienwirtschaft, der Softwarebranche und traditionellen Industriesektoren wie dem Maschinenbau kommen. Wiehle: "Ein hoch gehandelter Kandidat aus der Immobilienbranche ist etwa die Deutsche Annington. Im Industriesektor setzen viele ihre Hoffnungen auf Osram."

Der Prime Standard in Frankfurt ist aus Sicht des Panels nach wie vor das attraktivste Marktsegment hierzulande. Er bietet Investoren ein hohes Maß an Transparenz und verringert so ihr Risiko.

Gegenüber der Panelbefragung Anfang 2012 ist jedoch auch der Entry Standard bei den Bankern deutlich beliebter geworden. Ein Listing dort ist für die Unternehmen mit weniger Arbeitsaufwand und niedrigeren Kosten verbunden – vor allem bei der Rechnungslegung. "Letztlich hängt die Wahl des Börsensegments auch von den Wünschen der Investoren ab. Ein solide geführtes Unternehmen mit ordentlichem HGB-Abschluss und professioneller Kapitalmarktkommunikation kann sich durchaus an der Börse etablieren", urteilt Kapitalmarktexperte Wiehle.

Welche Anforderungen stellen die Banker an Börsenkandidaten? Am wichtigsten ist dem Panel zufolge das Management des Unternehmens. Es sollte nachprüfbare Erfolge vorweisen können. An zweiter Stelle rangiert die Aussicht auf eine hohe Liquidität der Aktie nach dem Börsengang. Auf dem dritten Platz schließlich wählten die Befragten die Profitabilität des Unternehmens.

Obwohl es nach wie vor attraktiv ist, an der Börse Kapital einzusammeln, entsprechen immer weniger Unternehmen den strengen Kriterien der Banker. Vor einem Jahr trauten die meisten Panelteilnehmer (67 %) noch rund 50 deutschen Unternehmen ein Börsendebüt zu. Nach den ernüchternden Erfahrungen der vergangenen Monate ist diese Zahl inzwischen auf 20 geschrumpft. PETER SCHWARZ/dapd

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Von Schwarz/dapd | Präsentiert von VDI Logo
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