25.06.2013, 07:00 Uhr | 0 |

Social Trading Investieren in die Intelligenz der Anderen

Was im Alltag mit Facebook und YouTube klappt, soll mit Social Trading auch bei der Geldanlage funktionieren: Am Wissen der Community teilhaben. Anleger können über Mitmachfonds oder Zertifikate von der kollektiven Intelligenz oder Erfolgsstrategien von Top-Tradern profitieren. Noch aber steckt das Konzept in den Kinderschuhen.

Investieren in die Intelligenz der Anderen - Teaser
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Anlageentscheidungen werden beim Social Trading entweder im Kollektiv getroffen oder die Community orientiert sich an Tradern mit überlegener Performance. 

Foto: iStock

Brauchen wir noch Fonds-Manager und Analysten? Nein, meinten mehrere Finanzfachleute, die auf der diesjährigen Anlegermesse Invest in Stuttgart über diese Frage diskutierten. Denn immer mehr Anleger setzen im Internet auf die Weisheit der Masse oder das Know-how erfolgreicher Trader.

Auf Plattformen mit exotischen Namen wie Wikifolio, Sharewise oder Investor können sie in Fonds oder Zertifikate investieren, die die Schwarmintelligenz nutzen oder Erfolgsstrategien anderer Anleger nachahmen.

Portfolios klonen

"Banken verkaufen einen für dumm", ärgert sich Andreas Kern, Gründer von Wikifolio. Sie seien nur daran interessiert, Produkte mit der höchsten Provision zu vertreiben. Kern wollte einen anderen Weg gehen. Deshalb hat er mit Wikifolio eine Plattform geschaffen, auf der Anleger ihre Portfolios offenlegen, damit andere diese klonen können.

Das Interesse ist groß: Mehr als 4000 Privatanleger stellen momentan ihre Anlagestrategien auf Wikifolio dar. Wer es besonders gut macht, kann ein Zertifikat auflegen. Voraussetzung: Die Anleger müssen eine gute Performance nachweisen, eine dreiwöchige Testphase bestehen und zehn Fans ("Follower") mit einer Anlagesumme von mindestens 2500 € finden.

Wikifolio-Konzept scheint aufzugehen

625 haben es bislang geschafft: Ihre Wikifolios sind als Zertifikate (von Lang & Schwarz) mit eigener ISIN handelbar. Dabei fällt eine Zertifikate-Gebühr von 0,95 % p.a. und eine Performance-Gebühr von 5 % bis 30 % vom Gewinn an. Das Konzept scheint aufzugehen. Nach Angaben von Wikifolio-Macher Kern liegen gut 80 % der handelbaren Wikifolios momentan im Plus.

Beispiele wie Wikifolio zeigen, dass sich die Anlagekultur demokratisiert. "Früher musste man einem Fondsmanager fast blind vertrauen. Man durfte ihm nicht über die Schulter schauen und konnte ihn nicht zu seiner Anlagestrategie befragen", weiß Social-Trading-Experte Andreas Braun.

Ratgeber "Social Trading simplified"

Der Finanzjournalist und Trader hat den ersten umfassenden Ratgeber "Social Trading simplified" geschrieben, der im August erscheint. Dort analysiert und vergleicht er die zahlreichen Social-Trading-Plattformen. "Es gibt ein riesiges Spektrum – von Plattformen, wo hemmungslos gezockt wird, bis zu solchen, die auch für den langfristigen Investor interessant sind."

An börsenaffine Privatanleger richten sich die sogenannten Mitmach-Fonds, die nach dem Motto handeln "zusammen geht es besser". In Deutschland gibt es aktuell zwei Fonds: der "Multi Structure Investor Aktien Global" von Investtor sowie der "H&A Sharewise Community Fonds" von Sharewise.

An Stimmungssignalen der Anleger orientiert sich der Sentix Fonds 1. Je nachdem wie eindeutig die Signale sind, wird in Anleihen oder Futures und Optionen auf Aktienindizes investiert. Ein weiterer Fonds von Intelligent Recommandations, der die kollektive Intelligenz nutzt, soll in Kürze aufgelegt werden.

Prämie für erfolgreiche Tippgeber

Als erster Aktienfonds zum Mitmachen ging der Multi Structure Investor im Juni 2010 an den Start. Dort bestimmen Anleger die Zusammensetzung des Portfolios. Sie stimmen ab, welche Aktien ge- oder verkauft werden. Erfolgreichen Tippgebern winkt eine Prämie.

Seit Oktober 2012 gibt es den Community-Fonds von Sharewise, der von der Baader Bank und Hauck & Aufhäuser verwaltet und betreut wird. Er bildet die Empfehlungen der besten 100 Tippgeber der Plattform ab, die unter den 150 000 registrierten Nutzern ausgewählt werden. Das Portfolio des Fonds besteht aus 25 Aktien auf Basis der Top-Kaufempfehlungen. Hinzu kommen als Short-Positionen die fünf am stärksten zum Verkauf empfohlenen Titel.

Sharewise-Geschäftsführer Michael Mellinghoff schwört auf die Schwarmintelligenz: "Bei uns kann man vom Wissen gleich gesinnter Anleger profitieren." Doch der große Profit steht noch aus. Der Sharewise-Community-Fonds hat seit seiner Auflegung gerade mal 3,5 % zugelegt. Damit hinkt er den meisten Indizes hinterher. Der Dax stieg im selben Zeitraum um gut 14 %. Auch der Multi Structure Investor brachte es in den ersten drei Jahren seiner Existenz nur auf ein Plus von 13 %. Der Dax gewann auf Drei-Jahres-Sicht rund 35 %.

"Wir stehen erst am Anfang", gibt Sharewise-Manager Mellinghoff zu. "Ob Social Trading funktioniert, wird sich in zwei oder drei Jahren zeigen." Tatsächlich sind bereits mehrere Plattformen verschwunden, die auf Schwarmintelligenz gesetzt hatten. Dazu zählen Myratings, Stockflocks und Tradingbird.

Als Social-Trading-Plattformen sehen sich auch Ayondo, eToro oder Zulutrade. Ayondo verspricht den Anlegern großartige Performance, wenn sie den besten Tradern folgen – unter dem Motto "Mehr Social Trading geht nicht". Die Ayondo-Trader müssen einen komplizierten Zertifizierungsprozess durchlaufen – und werden dann je nach Erfolg in fünf Klassen eingeteilt. "Riskante Trader werden so ausgesiebt", meint Alexander Surminski, Geschäftsführer von Ayondo.

Nur 20 Prozent der Anleger machen Gewinne

Surminski weiß: "Ein Großteil der Anleger erleidet an der Börse Verluste." Nur 20 % machen Gewinne. An deren Erfolg zu partizipieren, sei für ihn das Ziel von Social Trading. Immerhin: Von den bei Ayondo zertifizierten Tradern erzielte gut die Hälfte bislang eine positive Performance. Ayondo plant nun, einen Index auf die besten Trader aufzulegen, in die man über ein Zertifikat oder ETF investieren kann.

Mehrere Plattformen, besonders Zulutrade und eToro, belohnen Trader, die besonders viel handeln. Social-Trading-Experte Braun sieht das kritisch. Fairer findet er Regelungen, bei denen Trader an ihrer Performance und an der Einhaltung von Risiko-Kennziffern gemessen werden.

Auch die Transparenz hält Braun bei einigen Plattformen für ungenügend. Die Trader blieben anonym und legten ihre Anlagestrategien nicht detailliert offen. "Als Anleger will ich doch genau wissen, mit wem und mit welcher Strategie ich es zu tun habe." Noch würden Trader und Follower zu sehr auf die schnelle Rendite achten. "Viele sehen Social Trading eher als Zock und nicht als langfristiges Investment", moniert der Buchautor. Er hofft darauf, dass sich die Anlagekultur verbessert.

Daran arbeiten die Macher der Plattformen – und buhlen auf Anlegermessen um neue Kunden. "Social Trading wird zunehmend salonfähig", meint Ayondo-Geschäftsführer Surminski. Und Wikifolio-Gründer Kern prophezeit: "In ein paar Jahren wird Social Trading eine eigene Anlageform sein."

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Von Notker Blechner | Präsentiert von VDI Logo
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