29.06.2013, 08:00 Uhr | 0 |

Börse "Die Deutschen wünschen sich ihre Welt wie eine Modelleisenbahn"

Der Dax hat seinen Wert in 25 Jahren mehr als verachtfacht. Trotzdem misstrauen ihm die deutschen Anleger. Psychologe Hans-Joachim Karopka, Geschäftsführer und Mitinhaber des Marktforschungsinstituts Rheingold, sieht im Selbstbewusstsein der Deutschen und ihrem Wunsch nach Kontrolle Gründe dafür.

Psychologe Hans-Joachim Karopka
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Psychologe Hans-Joachim Karopka: "Das Thema Geldanlage spielt für die Deutschen keine große Rolle. So wurden sie nicht erzogen." 

Foto: Zillmann

VDI nachrichten: Nur 5,5 % des privaten Geldvermögens steckt in Unternehmensanteilen. Warum sind Aktien bei den Deutschen so unbeliebt?

Karopka: Es gab in den 90ern schon mal den Versuch, die Deutschen für Aktien zu begeistern. Telekom und Post führten große Kampagnen und verpassten sich das Image der Volksaktie. Dann platzte 2001 die Dotcom-Blase und 2008 wurden die Börsen durch die Lehman-Pleite erschüttert. So oder so, die beiden Aktien floppten und die Deutschen, die beim Thema Aktien gerade erst Anlauf genommen hatten, waren gleich auf die Nase gefallen.

Gut, die beiden Aktien stehen auch heute nicht besonders gut da. Aber generell ging es nach den Krisen immer schnell wieder bergauf. Und die Börsen-Crashs trafen andere Nationen noch schlimmer. Warum sind gerade die Deutschen so kritisch?

Den Deutschen fehlt der Glaube und der Beweis, dass es wieder aufwärts-geht. Ihnen fehlt auch ein wenig das Selbstbewusstsein dafür. Die Amerikaner im Gegensatz haben ein sehr starkes Selbstbewusstsein. Von einer solchen Basis ist es dann auch leichter, individuelle Risiken einzugehen. Die Deutschen sind auch 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg noch auf der Suche nach ihrer Identität.

Deutsche scheuen das Risiko

Also scheuen wir das Risiko?

Ja, grundsätzlich sind wir so gestrickt, dass wir das Risiko scheuen und alles planen und festschreiben wollen. Die Deutschen wünschen sich ihre Welt wie eine Modelleisenbahn – also voraussagbar, berechenbar und steuerbar. Da passt das Thema Aktien natürlich nicht dazu. Für viele fühlt sich das eher wie ein Gang in die Spielhalle an als eine Geldanlage.

Das erklärt, warum 40 % des privaten Vermögens in Spareinlagen steckt. Bei den momentanen Zinsen und der Inflation verlieren die Deutschen dabei aber real Geld. Wann ist die Schmerzgrenze erreicht?

Meine Prognose ist, dass die Schmerzgrenze noch lange nicht erreicht ist. Da halten die Deutschen einiges aus. Sie haben lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach. Selbst wenn am Ende ein Minus steht.

Beständige Werte statt schneller Erfolg

Mit der Krise wurde auch die Kritik am Kapitalismus in Deutschland größer. Hat sich das Denken geändert?

Definitiv! Die Deutschen sind dabei, sich von der Maximierungskultur, dem schneller, höher, weiter zu verabschieden. Das betrifft Themen wie Körper und Karriere aber auch die Geldanlage. Die Deutschen suchen momentan wieder beständige Werte statt den schnellen und maximalen Erfolg.

Was dem Thema Aktien nicht widerspricht. Denn ist es nicht paradox, dass die Deutschen stolz auf ihre Unternehmen sind, sich aber nicht an ihnen beteiligen wollen?

Das ist immer eine Frage, womit ich mich identifiziere. Sicher sind die Deutschen stolz auf ihren Exporterfolg und made in Germany. Aber ich glaube, es ist nicht so einfach, sich mit einem Unternehmen zu identifizieren bzw. in die Position eines Unternehmers zu versetzen. Als Aktionär bin ich Mitbesitzer eines Unternehmens aber operativ nicht wirklich tätig. Das wird von vielen als zwiespältig erlebt.

Also fällt es den Deutschen schwer, die Zügel aus der Hand zu geben? Denn was dann z. B. ein Peter Löscher bei Siemens macht...

...da hab ich dann keinen Einfluss drauf und bin am Ende wieder den Kräften des Marktes ausgeliefert.

Leute, die Spielgeld haben, setzen auf Aktien

Klingt pessimistisch. Ist das Thema Finanzen nicht sexy genug, um für die Deutschen interessant zu werden?

Das Thema Geldanlage spielt für die Deutschen keine große Rolle. So wurden sie nicht erzogen. Das zeigt sich schon bei der Sozial- und Rentenversicherung. Sie geben den Deutschen das Gefühl, dass sie in ein System hineingeboren werden, das sie im Ernstfall und im Alter absichert. In den USA ist das z. B. ganz anders. Die Amerikaner sind selbst für ihre Absicherung verantwortlich und so gezwungen, Vermögen aufzubauen.

Wer setzt dann in Deutschland auf Aktien? Leute, die dringend Geld brauchen?

Ganz im Gegenteil, nach meiner Erfahrung eher Leute, die Spielgeld übrig haben. Die also Vermögen haben, auf das sie verzichten können. Und das sind dann die Leute, denen es wirklich Spaß macht eigenständig zu investieren und das Schicksal von Aktien zu verfolgen. Man darf aber nicht unterschätzen, dass das einen auch schnell gefangen nehmen kann und man einiges an Zeit investieren muss, um den Markt im Blick zu behalten.

Wie legen Sie eigentlich Ihr Geld an?

Betongold und Fonds.

Also kein Spielgeld übrig?

Leider nein.

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