19.07.2013, 15:39 Uhr | 0 |

Tipps zur Geldanlage Börsenexperte Ehrhardt: "China muss nach dem Boom konsolidieren"

Die meisten Privatanleger halten sich mit einem Engagement in Asien zurück. Sie lassen Renditechancen aus, weil sie politische, wirtschaftliche und rechtliche Risiken schlecht einschätzen können. Wie geht es weiter in der Wachstumsregion? Fragen an den Vermögensverwalter Jens Ehrhardt, einem der besten Asienkenner unter Deutschlands Finanzprofis.

Skyline von Hongkong
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Metropole Hongkong: Wohlhabende Chinesen investieren einen Großteil ihres Vermögens in den Immobiliensektor der ehemaligen Kronkolonie.

Bildquelle: Fotolia

VDI nachrichten: Herr Ehrhardt, Sie sind gerade von Ihrem Schreibtisch in Asien zurückgekehrt. Wie ist dort die Stimmung an den großen Börsenplätzen?

Ehrhardt: Auch in Asien ist die Börsenstimmung derzeit eher zurückhaltend. Die realen Wirtschaftszahlen sind im vergangenen Jahr vergleichsweise schlecht ausgefallen. Dennoch ist die Gesamtwirtschaft dort nicht ganz so wachstumsschwach wie beispielsweise die Eurozone.

Aber die Konjunktur in China hat einen kräftigen Dämpfer erhalten.

Das Wirtschaftswachstum hat sich auf gut 7 % verlangsamt, nachdem es jahrelang zweistellig boomte. Diese Abschwächung war von der chinesischen Regierung gewollt. Sie hat eingegriffen, um Blasen zu verhindern und eine wirtschaftliche Konsolidierung herbeizuführen. Staatliche Aufträge wurden eingefroren, die Zinsen heraufgesetzt.

Wie sieht es in anderen Teilen Asiens aus?

Es zeigt sich, dass die meisten asiatischen Volkswirtschaften mittlerweile doch sehr am Tropf Chinas hängen. Stark exportorientierte Länder, wie Korea, Thailand, Taiwan oder Indonesien erleben im Moment eine Flaute, da die chinesische Wirtschaft ihr Wachstum deutlich gedrosselt hat. Das beeinflusst die Entwicklung an den Börsen Asiens allgemein.

China prosperiert, obwohl es nach wie vor kommunistisch regiert wird. Sie reisen häufig durch das Land – mit gemischten Gefühlen?

Zweifellos ist mir ein liberales Wirtschaftssystem stets am liebsten. Für die Börse gilt das alle Male. In China haben wir es aber mit einer vom Staat gelenkten Volkswirtschaft zu tun. Allerdings steht sie nach der wirtschaftlichen Öffnung nicht schlecht da. Nach Jahren des wirtschaftlichen Booms war es jetzt aber dringend geboten, zu konsolidieren.

Einen arabischen Frühling in China sehe ich nicht

Wie sehen Sie das politische Risiko?

Das schätze ich als gering ein: Wir haben in China eine wachsende Wirtschaft. Das erlebt die Bevölkerung als Fortschritt. Einen arabischen Frühling sehe ich dort nicht.

Derzeit wird vor allem das chinesische Bankensystem vom Staat an die kurze Leine genommen.

Zu Recht, denn die Banken sitzen auf vielen faulen Krediten. Vor allem hat sich der Schattenbanksektor, der von der Notenbank schwer zu kontrollieren ist, enorm ausgeweitet. Und Kreditaufnahmen lokaler öffentlicher Stellen sind undurchsichtig.

Á

Vermögensverwalter Jens
Ehrhardt erwartet stark
steigende Kurse in Japan.

Quelle: DJE

Die chinesische Zentralbank hat reagiert und den Geldmarktzins vorübergehend auf 13 % erhöht.

Ja, sie musste das tun, um die aus dem Ruder laufenden Aktivitäten der Banken abzubremsen. Das ist letztlich klassische Geldpolitik, wie sie früher auch von der Bundesbank mit Erfolg betrieben wurde. Allerdings kostet sie Wachstum.

Bei einer Inflationsrate von nur 2 % haben wir in China derzeit einen hohen Realzins. Hinzu kommt eine restriktive Geldversorgung und eine starke chinesische Währung. Kein gutes Börsenumfeld, oder?

Nicht zu vergessen das bereits angesprochene schwächere, aber aus unserer Sicht immer noch hohe, Wirtschaftswachstum. Das alles hat ja die Aktienkurse bereits kräftig nach unten gedrückt. Ich sehe auch für die nächsten Monate noch keine durchgreifende Besserung für die chinesische Börse. Gleiches gilt für die anderen asiatischen Börsen – mit Ausnahme Japans.

Viele Chinesen investieren in Immobilien

Wie investieren Chinesen, die es zu einem gewissen Wohlstand gebracht haben?

Chinesen legen ihr Geld neben Gold vor allem in Immobilien an, meist in China selbst. Wohlhabendere Chinesen tun dies seit längerem in Hongkong. Mittlerweile gibt es in vielen Städten Chinas Wohneigentumsquoten von bis zu 45 %. Die Preise sind bereits kräftig gestiegen. Die Regierung versucht weiteren Preissteigerungen einen Riegel vorzuschieben, etwa durch höhere Zinsen seitens der Notenbank. Aktien als Einzelwerte sind in China weniger beliebt.

Stehen die asiatischen Aktienmärkte grundsätzlich auf stabilerem Fundament als die europäischen und die US-Börse?

Langfristig schon. Die Börsenkurse fußen in Asien weitgehend auf der wirtschaftlichen Entwicklung der einzelnen Länder, weniger auf neuer Verschuldung oder Nullzins-Politik wie im Westen. Und obwohl die anderen asiatischen Länder in ihren Exporten sehr von China abhängig sind, so besitzen sie doch ein durchaus eigenständiges Grundwachstum. Vor allem in Ländern wie Thailand, Malaysia, Indonesien und Philippinen sehe ich auch für die Zukunft gute Wachstumsraten. Das wird sich langfristig auch auf die dortige Börsenentwicklung positiv niederschlagen.

In Europa und den USA werden die Kurse dagegen ausschließlich von der kräftig ausgeweiteten Geldmenge gerieben. Wenn jetzt die US-Notenbank überlegt, die ausgewucherte Geldmenge zurückzuführen, werden die Börsen nervös. Es ist schon paradox, dass die Aktienkurse in Europa und in den USA bei positiven US-Arbeitsmarktdaten negativ reagieren. Sie befürchten halt die US-Notenbank könnte dies als Signal für eine Umkehr ihrer Geldpolitik werten.

Wie haben sich die asiatischen Märkte im vergangenen Jahrzehnt entwickelt – verglichen mit Europa und den USA?

Die Entwicklung war insgesamt wesentlich besser, besonders im Vergleich zu Europa. Allerdings haben sich die alten Börsen inklusive Japan in den letzten zwei Jahren erstmals wieder besser als die asiatischen Wachstumsmärkte entwickelt. Wahrscheinlich, weil zuvor zu viel Kapital in diese Länder gewandert war. Kurzfristig sieht es noch nicht nach einer besseren Entwicklung in Asien als in den USA aus. Das gilt auch für den Währungsblickwinkel.

Welche Börsen hat Ihr Asienfonds im Fokus?

Kurzfristig halten wir uns noch mit Käufen zurück. Die Aktien sind in vielen Asean-Ländern noch zu teuer: Trotz jüngster Kursrückgänge von bis zu 20 % beobachten wir dort ein Kursgewinnverhältnis (KGV) von durchschnittlich ca. 18. Das ist für diese Länder sehr hoch angesichts von politischen Risiken und deutlichen Währungsschwankungen. Uns erscheinen auch die Zinsen noch zu hoch.

Gilt die Zurückhaltung auch für China?

Ja. Die Bewertungen sind dort zwar mittlerweile wieder günstiger, aber die Zinsen sind noch zu hoch, um die Kurse zu beflügeln. Ein Abwarten dürfte sich lohnen – auch wenn die Aktienrenditen schon vielfach hoch sind. In Hongkong etwa werden nicht selten 5 % bis 6 % erzielt.

Eine Asienkrise ist nicht zu erwarten

Derzeit ist also allgemein Vorsicht angesagt?

Ja, aber grundsätzlich bin ich für Asien positiv gestimmt. Eine Krise wie 1997/98 ist nicht zu erwarten. Die Notenbanken der asiatischen Schwellenländer verfügen heute über sehr hohe Devisenreserven. Sie können damit einen Währungssturz verhindern. Dollarverkäufe der Notenbanken zur Stützung der eigenen Währung führen aber in diesen Ländern zum Liquiditätsentzug. Das dürfte die Börsen in den ersten Monaten des zweiten Halbjahres weiter negativ stimmen.

Aber ab dem Herbst geht es aufwärts?

Ja, da setze ich auf Asien, besonders auf China. Die derzeitige Schwäche des chinesischen Aktienmarktes geht auf frühzeitige Vermeidung von Konjunkturrisiken zurück. Diese Politik ist langfristig jedoch gut für die Konjunktur und gut für die Börse. In China warte ich auf sinkende Zinsen. In Hongkong beobachten wir eine zurückgehende Bewertung, so dass auch hier im Verlauf des zweiten Halbjahres antizyklische Käufe lohnend sein könnten. Etwas mehr Zeit sollte man den Börsen in den Asean-Länden Philippinen, Indonesien und Thailand geben. Die sind analytisch noch keineswegs preiswert.

Und was ist mit der japanischen Börse?

Ich bin derzeit ein Japan-Fan. Die japanische Börse ist nicht nur unter den asiatischen Börsen der Favorit sondern auch unter den Weltbörsen die aussichtsreichste.

Ehrhardt rechnet mit starken Kurssteigerungen in Japan

Warum?

Die enorme Ankurbelung der japanischen Wirtschaft durch die Politik, die offensive Geldpolitik der Bank of Japan und die deutliche Abwertung des Yen haben ein hervorragendes Wirtschaftsklima erzeugt. Als Folge steigen die Unternehmensgewinne kräftig. Die Unternehmen sind sehr liquide. Sehr günstig ist die Absicherung mit Blick auf die tiefen Kurs/Buchwert-Verhältnisse und die meist guten Unternehmensbilanzen.

Also beste Rahmenbedingungen?

Ja, das alles dürfte im Verlauf des zweiten Halbjahres die Kurse beflügeln. Aber bei Engagements sollten unbedingt die Währung abgesichert und Positionen nur so lange gehalten werden, wie der Yen relativ schwach bleibt.

Welche Rolle spielt die indische Börse für ausländische Investoren?

Indien wurde von den Investoren überschätzt, als man 2010/2011 hohe Wachstumsraten erzielte. Mittlerweile ist Ernüchterung eingetreten. Das Wachstum liegt nur noch bei ca. 4 %. Vor allem die sehr schlechte Infrastruktur des Landes, hohe Inflationsraten von fast 9 % und politische Probleme verhindern eine positive Entwicklung wie in anderen asiatischen Schwellenländern.

Und Singapur?

Auch mit Blick auf die Börse in Singapur rate ich zur Zurückhaltung. Die konjunkturelle Entwicklung ist ausgesprochen schlecht. Am Immobilienmarkt waren die Ausländer früher die treibende Kraft. Erwerbssteuern in Höhe von ca. 20 % haben aber bewirkt, dass ausländische Engagements kräftig zurückgefahren worden sind.

Wie hoch ist der Anteil asiatischer Werte in Ihrem Depot?

Der DJE Concept, den es bereits seit über zwölf Jahren gibt, spiegelt vor allem unsere Hoffnungen auf die japanische Börse wider. Er ist derzeit mit 15,4 % des Fondsvolumens im Land der aufgehenden Sonne investiert. Hongkong folgt – nach den USA – mit 8,9 %. Das begründet im Wesentlichen auch den Erfolg des Fonds, der im bisherigen Jahresverlauf ein Plus von 9% erwirtschaftet hat. Ich meine, auch in Depots engagierter privater Investoren sollten bis zu 30 % der Titel aus asiatischen Ländern stammen vor allem Japan.

Exportindustrie mit guten Aussichten

Welchen Branchen bieten die größten Kurschancen in Asien?

In Japan sind es insbesondere die exportorientierten Branchen, wie die Automobilindustrie. Hinzu kommen Sektoren, die von der Inflation begünstigt werden, etwa Immobilien. Sie profitieren von den niedrigen Zinsen und haben eine Konsolidierung von 23 Jahren hinter sich. Da hat sich ein hoher Bedarf aufgebaut. In anderen asiatischen Ländern sind Immobilienwerte ziemlich gefallen, weil die Regierungen versuchen die Währungen mit Hilfe höherer Zinsen zu stabilisieren.

In Hongkong profitieren in jüngster Zeit nur gute exportorientierte Titel. Immobilienaktien sollte man dort meiden. Ebenso asiatische Rohstoffwerte – vor allem weil sich die Nachfrage aus China kräftig abgeschwächt hat. Zurückhaltend bin ich auch gegenüber Konsumwerten wegen der Margenverschlechterung.

Konkret: Welche asiatischen Aktien würden Sie empfehlen?

Die japanische Autoindustrie hatte ich bereits erwähnt. Auch der Reifenhersteller Bridgestone dürfte sich gut entwickeln, weil er viel in die USA exportiert. Für Japan Tobacco sprechen dessen interessante Randaktivitäten im Pharmabereich aber auch die vergleichsweise günstige Bewertung. Die in Hongkong gelistete Li&Fung-Aktie könnte ein antizyklischer Kauf sein, da die US-Konjunktur hier wichtig ist. Das Unternehmen betreibt als Kernfelder Handel, Logistik und Distribution.

Gibt es für ausländische Investoren an asiatischen Börsenplätzen Beschränkungen?

In Shanghai ist durchaus Vorsicht angebracht. Corporate Governance wird dort weniger gepflegt. Chinesische Titel kaufen wir nur in Hongkong, denn dort herrschen an der Börse strenge Zulassungsbedingungen.

Wie sollten deutsche Anleger in Asien investieren? Einzelne Aktien kaufen oder Fondsprodukte?

Letzteres ist aus Risikogründen – Stichwort Streuung! – auf alle Fälle ratsam. Der private Anleger sollte in Fonds investieren, die vor allem von erfahrenen Asienkennern gemanagt werden.

Woran denken Sie da?

Da gibt es hervorragende Angebote, wie zum Beispiel die von Aberdeen aus London gemanagten Fonds. Aberdeen betreibt eine sehr gute Recherche, hat beste Asienanalysten und ist in Asien die Nummer 1. Aberdeen hat zwei Drittel seiner Gelder in Asien angelegt. Aber auch unser DJE Asia High Dividend hat sich längerfristig gut entwickelt. Er wird von meinem Sohn gemanagt, der häufig in Asien ist.

Von Dieter W. Heumann | Präsentiert von VDI Logo
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