15.05.2013, 13:00 Uhr | 0 |

Aus dem Netz entsprungen Bitcoins – eine Währung aus dem Nichts

Währungsexperiment? Hochrisikoanlage? Oder ernst zu nehmendes Zahlungsmittel, das Finanzwirtschaft und Geldpolitik untergräbt? - An Bitcoins scheiden sich die Geister. Auf jeden Fall ist das digitale Geld in aller Munde und wächst über seine Ursprünge im Netz hinaus. Berliner können Bier, Kaffee und Schallplatten damit bezahlen.

Bitcoins
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Die virtuelle Währung Bitcoin wird inzwischen auch mancherorts als Zahlmittel akzeptiert.

Foto: ulifunke.com / bitcoin.de

Mittagszeit in Berlin. Im Floor´s Café trifft sich typische Kreuzberger Mischung. Englische, niederländische und deutsche Sprachfetzen überlagern ruhige Popmusik. Ein ganz normales kleines Café – hinge nicht dieser QR-Code mit dem Schriftzug "bitcoin" am Eingang.

Inhaberin Florentina Martens akzeptiert jene virtuelle Währung als Zahlungsmittel, deren Kurs binnen drei Jahren von 0,049 $ je Bitcoin (BTC) auf zwischenzeitlich 266 $/BTC stieg und aktuell zwischen 100 und 120 $/BTC schwankt.

Heute allerdings klimpern nur Euros in der Kasse. "In den vier Wochen, seit wir das anbieten, hat erst ein Gast mit Bitcoins bezahlt", räumt Martens ein. Sie ist aber gespannt, wie es weitergeht. Denn eine Reihe von Läden im Kiez hat QR-Codes an den Verkaufs- und Kneipentresen, die das Überweisen von Bitcoins per Smartphone ermöglichen. Apps erkennen in den Codes das "Konto" des Ladens, rechnen den Kaufpreis von Speisen, Getränken oder Schallplatten zum jeweils aktuellen Kurs in BTC um – und veranlassen die Buchung. Auch B2B rollen die virtuellen Münzen: Die Neuköllner Brauerei Rollberg beliefert Bars und Kneipen gegen Bitcoins.

Einige Unsicherheiten

Als noch immer unbekannte Programmierer das Währungsexperiment 2008 unter dem Pseudonym Satochi Nakamoto vorstellten, war nicht absehbar, dass Bitcoins so schnell den Weg in die Realwirtschaft finden. Jetzt zweifeln viele, ob die wertvollen Bits sich überhaupt als Zahlungsmittel eignen.

Neben starken Kursschwankungen gibt es weitere Unsicherheitsfaktoren. So gab es in der kurzen Historie der Währung reihenweise Hackerangriffe und Cyber-Diebstähle, von denen Nutzer und große BTC-Börsen gleichermaßen betroffen waren. Mehrere Fälle sind bekannt, in denen Diebe neben Kundendaten jeweils Bitcoins im Wert von Hunderttausenden Dollar entwendeten. Auch flogen Schneeballsysteme auf, wobei sich Experten streiten, ob nicht die ganze Währung ein solches System ist.

Offene steuerliche Fragen und wenig transparente Anbieterstrukturen säen ebenfalls Zweifel. Und obendrein kann niemand ausschließen, dass das Experiment im Absturz des Bitcoin-Netzwerks durch Software-Bugs oder Datenverstopfung endet. Einzelne Nutzer müssen zudem mit der Tatsache leben, dass einmal getätigte Transaktionen nicht rückgängig zu machen sind. Und wer seine Daten nicht anständig sichert, kann bei Datenverlust sein BTC-Vermögen unwiderruflich verlieren. Entsprechend mahnt das Portal bitcoin.org, nur Geld zu investieren, dessen Verlust verschmerzbar ist. "Bitcoins sollten als Hochrisikoanlage betrachtet werden", heißt es dort.

Bundesverband Digitale Wirtschaft rät von Bitcoin ab

Der Bundesverband Digitale Wirtschaft rät ganz von BTC ab. "Durch Nutzung von Bitcoins als Zahlungsmittel wird notwendige staatliche Kontrolle in Fällen von Steuerhinterziehung oder Geldwäsche unmöglich", warnte Verbandsvize Christoph v. Dellingshausen schon 2011. Die automatisierte Geldmengensteuerung des Bitcoin-Systems ist ihm ebenfalls ein Dorn im Auge, da sie Konjunkturpolitik unmöglich macht. Geldpolitische Eingriffe oder auch nur die Existenz von Zentralbanken sind in dem dezentralen Peer-to-Peer-System nicht vorgesehen.

Genau das macht für Kritiker des Keynesianischen Finanzsystems den Reiz dieser Währung aus. Die virtuelle Währung entzieht sich politischer Einflussnahme. Durch die Software ist eine maximale Geldmenge festgelegt, die nicht überschritten werden kann (s. Kasten und Nebentext). Bis zum theoretischen Maximum von 21 Mio. Bitcoins werden diese automatisch erzeugt, dann ist Schluss. Allerdings sind Bitcoins bis auf ein 100-Millionenstel teilbar. Wenn voraussichtlich in den 2030er Jahren keine neuen BTC mehr erzeugt werden, wird allein Angebot und Nachfrage ihren Kurs bestimmen.

Der Entzug ihres Geldes aus staatlichen Einflusssphären ist für viele Nutzer ein zentrales Motiv. So ist augenfällig, dass die Bankenkrise die Bitcoin-Nachfrage angefacht hat – erst recht nach der Enteignung zypriotischer Sparer. Auch der Enthüllungsplattform Wikileaks kommt die "rechtsfreie" Währung zupass. Sie konnte sich durch Bitcoins jenem Bann entziehen, den Banken, Kreditkartenanbieter und Webbezahldienste ihr auf Druck der US-Regierung auferlegt haben, indem sie keine Spenden mehr an die Organisation weiterleiteten. Spender unterstützen Wikileaks nun mit Bitcoins.

Währung zieht auch dunkle Kreise an

Neben Sparern und NGO zieht die Währung dunkle Kreise an. So bieten Dealer auf dem Marktplatz "Silk Road" im anonymisierten Tor-Netzwerk gegen Bitcoins alle erdenklichen Drogen an. Mit Bekanntwerden des Marktplatzes stieg der BTC-Kurs 2011 steil an. Nicolas Christin von der Uni Pittsburg hat errechnet, dass im ersten Halbjahr 2012 bis zu 9 % aller Transaktionen im Bitcoin-Netzwerk auf "Silk Road" zurückgingen.

Aus dem Nichts ist binnen drei Jahren ein auf derzeit rund 11 Mio. Bitcoins verteilter Wert von mehr als 1 Mrd. € entstanden. In den Anfängen 2010 wechselten Pizzen und Socken für Tausende BTC die Besitzer. Wer die damals noch fast wertlosen Bits gut verwahrt hat, kann sich nun über ein Millionenvermögen freuen.

Davon ist Florentina Martens in ihrem kleinen Kreuzberger Café noch weit entfernt. Aber wenn mehr Gäste mit BTC bezahlen, will sie diese auf jeden Fall lange halten. Denn auch wenn noch die ein oder andere Spekulationsblase platzen wird, erwartet sie noch kräftige Kursanstiege des virtuellen Geldes – sofern das System nicht vorher kollabiert.  PETER TRECHOW

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Von Peter Trechow | Präsentiert von VDI Logo
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