19.04.2013, 13:59 Uhr | 0 |

Inflation wird steigen Beumer: "Wir halten für unwahrscheinlich, dass Eurozone auseinander bricht"

Die Commerzbank rechnet aufgrund der Geldpolitik der EZB mit einer zunehmenden Inflation. „Die Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen. Die Volkswirte bei uns im Haus rechnen mit steigender Inflation – wenn auch nicht kurz- oder mittelfristig“, sagte Commerzbank-Vorstand Markus Beumer den VDI nachrichten.

Ein Mitarbeiter der Hoppe AG in Crottendorf (Sachsen) bereitet frisch gegossene Rohlinge von Türgriffen für die Weiterarbeitung vor.
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Die Commerzbank rechnet mit steigender Inflation und höheren Kosten für Kredite. Vor allem die Finanzierung langfristiger Investitionen werde schwerer, so Vorstand Beumer. Darunter könnten besonders mittelständische Unternehmen leiden, die keinen Zugang zum Kapitalmarkt haben.

Foto: dpa/Jan Woitas

Ein schwacher Euro, verbunden mit höherer Inflation, sei „eine denkbare Entwicklung“, so Beumer. „Ob es so kommt, und wenn ja in welcher Ausprägung, das ist derzeit noch mit einem Fragezeichen versehen. Aber vieles spricht im Moment für eine langfristig höhere Inflation.“ Dabei könnte sich die Inflationsrate in Deutschland sogar verdoppeln. „Wir werden in Deutschland vermutlich deutlich über 2 % liegen, vielleicht auch mal bei 3 % oder 4 %.“

Belastend besonders für mittelständische Unternehmen wirke künftig auch eine Verteuerung der Kredite. „Je länger die Laufzeiten der Projekte, desto schwieriger werden künftig Finanzierungen. Das hängt mit den Liquiditätsregeln zusammen, die durch Basel III auf die Banken zukommen. Die Fristentransformation wird erschwert. Das schlägt auf die Unternehmensfinanzierung durch.“

Deshalb werden künftig staatliche Förderkredite und Kapitalmarktfinanzierungen eine größere Rolle spielen. „Wer den Kapitalmarkt anzapfen kann, um lange Laufzeiten zu finanzieren, wird das nutzen“, erwartet Beumer. „Außerdem werden die KfW und andere regionale Förderbanken wichtiger, weil sie uns Banken Refinanzierungen für langlaufende Kredite bereitstellen.“ Eine Kreditklemme erwartet Beumer allerdings nicht.

Hier lesen Sie das Interview im Wortlaut.

VDI nachrichten: Herr Beumer, laut Ihrer Studie sehen deutsche Unternehmer schwarz für Europa. Sie rechnen mit Staatspleiten und glauben nicht an eine wirtschaftliche Erholung in absehbarer Zeit. Überrascht Sie das Ergebnis?

Beumer: Nein. Solche Befürchtungen höre ich auch immer wieder in meinen Gesprächen mit Mittelständlern. Was Unternehmer grundsätzlich nicht mögen, ist Unsicherheit und mangelnde Planbarkeit. Und aktuell erleben wir Europäer leider heftige Erschütterungen auf dem Währungssektor und Rezessionen in vielen großen Euroländern. Das erklärt nicht nur die Skepsis, die sich in unserer Studie äußert, sondern auch, warum die Geschäftsklimaindizes so stark schwanken. Es wird nämlich immer schwerer einzuschätzen, wie lange die Turbulenzen noch anhalten.

Jeder fünfte Unternehmer erwartet inzwischen, dass die Währungsunion platzt. Ist das nicht ein Alarmsignal?

Sicher, das ist ein Alarmsignal. Das zeigt das Ausmaß der Verunsicherung.

Aber Sie teilen diese Angst nicht?

Nein. Wir halten es für sehr unwahrscheinlich, dass die Eurozone auseinanderbricht. Die Europäische Zentralbank hat klar gemacht, dass sie dies verhindern wird. Und das aus gutem Grund. Es mag sein, dass sich manche Euroländer im Moment ein schöneres Bild davon malen, wieder eine nationale Währung zu haben – so könnten sie diese abwerten. Aber der Weg dahin wäre ein Problem. Die unmittelbare notwendige Folge wäre die Einführung von Kapitalverkehrskontrollen, um den Abfluss von Kapital zu stoppen. Dann werden Rechnungen nicht mehr bezahlt, exportierende Firmen geraten in Schieflage, der Handelsaustausch schrumpft dramatisch.

Das heißt, der Euro ist unser Schicksal? Es gibt keinen Weg zurück?

Wir sehen, dass gerade auch der industrielle Mittelstand massiv von einer einheitlichen Währung in Europa profitiert. Es erleichtert die Geschäfte, wenn es keine Währungsrisiken mehr gibt – übrigens nicht nur im Euroraum. Es gibt deutsche Mittelständler, die heute ihr gesamtes Auslandsgeschäft in Euro abwickeln können. Schließlich ist der Euro nach dem Dollar die zweite globale Reservewährung. Diesen Vorteil sollte man nicht leichtfertig aus der Hand geben.

Leichtfertig sicher nicht. Die Frage ist nur, ob der Euro politisch zu halten ist. Wie sehen Sie die Entwicklung in den Krisenstaaten?

Ich glaube, wir unterschätzen, dass in diesen Ländern schon vieles getan worden ist. In Italien hat es binnen kurzer Zeit eine Steuerreform gegeben und in Frankreich wurden die Arbeitsmarktregeln gelockert.

Reicht das wirklich?

Es dauert ein bis zwei Jahre, um ein Unternehmen zu sanieren, das in Schieflage geraten ist. Doch hier geht es um Volkswirtschaften. Deshalb reicht es vermutlich noch nicht, wie auch? Es wird gewiss weitere Maßnahmen geben müssen. Aber wir dürfen auch nicht so tun, als gäbe es in den Krisenländern nur Stillstand. Da ist etwas in Bewegung gekommen. Und das sollte uns Mut machen.

Aber der Mut wird Ausdauer benötigen. Vermutlich wird es eine Dekade brauchen, bis die jetzigen Krisenländer wirtschaftlich wieder auf starken Beinen stehen, oder?

Ja, das ist ein realistischer Zeitraum. Das gilt nicht zuletzt für die Anpassung der Löhne an die Produktivität. Auch in diesem Bereich sehen wir eine positive Entwicklung. Die Lohnstückkosten in den Krisenländern sinken – und zwar durchaus dramatisch. In Deutschland steigen sie derweil deutlich an, drei Viertel der Unternehmen aus dem verarbeitenden Gewerbe fordern in unserer Studie schon moderate Löhne im Sinne der Wettbewerbsfähigkeit. Es findet also eine gewisse Konvergenz statt. Meine Prognose: Wir werden uns irgendwo in der Mitte treffen.

Commerzbank-Vorstand Markus Beumer erwartet eine Verschärfung der Inflation in der Eurozone.

Das klingt, als wären Sie rundum optimistisch, was den Euro betrifft.

Keineswegs, ich bin nicht naiv optimistisch. Weitere Turbulenzen sind nicht ausgeschlossen. Nur wir sollten auch nicht schwarzmalen. Wenn wir uns die Fakten in den Krisenländern anschauen, so läuft dort bereits vieles in die richtige Richtung. Hinzu kommt, dass die EZB durch ihre Politik den Ländern Luft verschafft, sodass diese folglich ihre Staatsschulden zu akzeptablen Konditionen refinanzieren können. Man hat ihnen für die nächsten Jahre eine Brücke gebaut, über die man gehen kann.

Aber die Geldpolitik der EZB nährt Inflationssorgen. Fast zwei Drittel der Unternehmer fürchten laut Ihrer Studie eine starke Teuerung im Euroraum. Zu Recht?

So ist es. Die Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen. Die Volkswirte bei uns im Haus rechnen mit steigender Inflation – wenn auch nicht kurz- oder mittelfristig.

Ihr Chefvolkswirt Jörg Krämer erwartet, dass der Euro zu einer "italienischen Währungsunion" wird. Das heißt schwache Währung, hohe Inflation. Keine schöne Aussicht, oder?

Die "italienische Währungsunion" ist eine denkbare Entwicklung. Ob es so kommt, und wenn ja in welcher Ausprägung, das ist derzeit noch mit einem Fragezeichen versehen. Aber vieles spricht im Moment für eine langfristig höhere Inflation.

Konkret: Mit welchen Raten rechnen Sie?

Wir werden in Deutschland vermutlich deutlich über 2 % liegen, vielleicht auch mal bei 3 % oder 4 %.

Die Probleme des Euro wirken sich offenbar auch auf die Internationalisierungsstrategien aus. 85 % der Befragten fordern, dass Deutschland seine Geschäfte mit Nicht-Euro-Ländern verstärkt. Nimmt die deutsche Industrie schleichend Abschied vom Euro, von Europa?

Keine Frage – die schwierige Lage in Südeuropa hemmt die Absatzchancen für Exporteure. Deshalb intensivieren viele Unternehmen ihr Geschäft außerhalb Europas. Aber ich sehe darin nichts Negatives. Es ist doch eine Stärke des deutschen Mittelstandes, sich in den Wachstumsregionen Lateinamerika und Asien zu etablieren.

Das verarbeitende Gewerbe ist besonders stark in den dynamischen neuen Märkten aktiv – 58 % der Unternehmen dieser Branche bedienen auch Kunden in den BRIC-Staaten und anderen Schwellenländern. Das stabilisiert die Ausfuhren. Branchenübergreifend gilt: Je breiter wir weltweit aufgestellt sind, desto weniger können uns Krisen erschüttern.

Also keine Absage an Europa – auch wenn der Euroraum inzwischen weniger als 40 % der deutschen Exporte aufnimmt?

Nein, überhaupt nicht. Die meisten Unternehmen wären sicher froh, wenn sie wieder mehr innerhalb des Euroraums verkaufen könnten. Und dazu wird es ja auch kommen, wenn sich die Südländer wieder fangen. Doch was mir in diesem Zusammenhang deutlich mehr Sorgen macht, ist etwas anderes. Die Zahl der exportierenden Firmen stagniert bei uns. Nur noch 9 % geben in unserer Studie an, dass sie Auslandsmärkte erschließen wollen. 2007 waren dies noch 23 %, während der Anteil der international aktiven Unternehmen nahezu gleich ist.

Schlecht für Ihr Geschäft...

Nicht nur schlecht für Banken. Auch für Deutschland ist es nicht gut, wenn Unternehmen die Internationalisierung zurückstellen.

Wie erklären Sie sich diese Tendenz?

Es fehlt an Planungssicherheit in Europa. Die Rezession in Südeuropa und die Angst um den Euro lähmen offenbar. Denn erste Exporterfahrungen wollen Mittelständler vor ihrer Haustür sammeln, also im Euroraum – und nicht in China oder Indien. Auch deshalb ist es wichtig, dass Europa wirtschaftlich wieder auf die Beine kommt. Das würde wieder mehr Unternehmer ermutigen, ins Auslandsgeschäft einzusteigen.

Die meisten befragten Mittelständler fürchten außerdem, dass sich Projekte künftig schwieriger finanzieren lassen. Können Sie ihnen diese Sorge nehmen?

Je länger die Laufzeiten der Projekte, desto schwieriger werden künftig Finanzierungen. Das hängt mit den Liquiditätsregeln zusammen, die durch Basel III auf die Banken zukommen. Die Fristentransformation wird erschwert. Das schlägt auf die Unternehmensfinanzierung durch.

Was heißt das konkret für Ihre Kunden?

Wer den Kapitalmarkt anzapfen kann, um lange Laufzeiten zu finanzieren, wird das nutzen. Außerdem werden die KfW und andere regionale Förderbanken wichtiger, weil sie uns Banken Refinanzierungen für langlaufende Kredite bereitstellen. Wir nutzen diese Mittel bereits intensiv. Es wird also Verschiebungen geben durch die veränderte Regulierung…

…aber keine Kreditklemme?

Nein, keine Kreditklemme. Aber es wird künftig sicher nicht einfacher, Projekte von zehn bis 15 Jahren zu finanzieren. Nur das ist erstens regulatorisch so gewollt, um das Bankensystem sicherer zu machen. Und zweitens sind solche langen Finanzierungen im Mittelstand ohnehin eher die Ausnahme als die Regel.

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Von Peter Schwarz | Präsentiert von VDI Logo
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