08.04.2013, 13:48 Uhr | 0 |

Leistungschau der Industrie Proteste während der Eröffnung der Hannover Messe durch Merkel und Putin

Begleitet von Protesten haben Bundeskanzlerin Angela Merkel und Russlands Präsident Wladimir Putin am Sonntagabend die Hannover Messe eröffnet. Russland ist Partnerland der weltgrößten Industriemesse. Merkel sprach Klartext und mahnte eine „aktive Zivilgesellschaft“ an. Das Motto der Messe lautet Integrated Industry.

Eine Demonstrantin protestiert auf der Hannover Messe gegen die Menschenrechtsverletzungen in Russland.
Á

Eine Demonstrantin protestiert auf der Hannover Messe direkt vor dem russischen Präsidenten Wladimir Putin gegen die Menschenrechtsverletzungen in seinem Land. Budeszahlerin Angela Merkel hatte die junge Frau beim Eröffnungsrundgang erst gar nicht bemerkt.

Foto: dpa/Jochen Lübke

Der politische Schatten der Durchsuchungen der Büros mehrerer deutscher Nichtregierungsorganisationen und politischer Stiftungen in Russland Ende März lag über der Eröffnungsfeier der weltgrößten Industriemesse. Bundeskanzlerin Angela Merkel setzte sich mit recht klaren Worten von den Durchsuchungen ab, als sie gemeinsam mit Russlands Präsident Wladimir Putin die Messe eröffnete: „Wir müssen diese Diskussionen intensivieren, unsere gegenseitigen Vorstellungen weiterentwickeln und auch Nichtregierungsorganisationen, auch den vielen Vereinigungen, die wir aus Deutschland immer wieder als Innovationsmotoren kennen, in Russland eine gute Chance geben.“ Dafür gab es sogar spontanen Zwischenapplaus, ein auf so spröden Ereignissen wie Messeeröffnungen seltenes Ereignis.

Motto der Leistungsschau heißt „Integrated Industry“

Dabei ist eigentlich schon das diesjährige Motto der Leistungsschau der deutschen Industrie ein sehr integratives. Denn es geht um „Integrated Industry“. Das ist – salopp gesagt – die Idee, dass sich in einem Produktionsprozess alle Maschinen miteinander unterhalten. Messechef Jochen Klöckler erklärt das Motto so: „So können in einer Fertigungsstraße unterschiedliche Produkte gleichzeitig hergestellt werden. Außerdem können Arbeitsschritte ohne Eingriffe von außen korrigiert werden, wenn zum Beispiel ein Roboter selbstlernend feststellt, dass er einen Außenspiegel nicht mehr montiert und dann eigenständig nachjustiert. Das ist ein riesiges Feld auch mit großen Chancen für den Mittelstand.“

Diese „Integrated Industry“ bedeutet allerdings vor allem eine vernetzte Maschinenwelt. Und das bedeutet auch gleichzeitig eine angreifbare Maschinenwelt. Denn jede Netz-Schnittstelle zwischen Maschinen ist gleichzeitig immer auch ein Portal, oft groß wie ein Scheunentor, um darüber Viren, Trojaner oder andere Schadsoftware in die Hirne der Maschinen einzuschleusen. Stuxnet, der Computerwurm, der die Atomanlagen im Iran massiv lahmlegte, ist da ein prominentes Beispiel. Hier war es wohl der amerikanische Geheimdienst, der diese Attacke startete.

Jede der elf Einzelmessen in Hannover versteht sich als Leitmesse

Die Hannover Messe im letzten Jahr stand unter dem Motto der „grünen Technologien“, beleuchtete somit eher einen Randaspekt im Industriegeschehen. „Integrated Industry“ hingegen widmet sich bis zum 12. April als Querschnittsthema allen industriellen Sektoren gleichermaßen. Diesen großen Querschnitt spiegeln auch die insgesamt elf Einzelmessen ab, aus denen sich die große Industrieschau in Hannover zusammensetzt: Industrial Automation, Motion, Drive & Automation, Energy, Wind, MobiliTec, Digital Factory, ComVac, Industrial Supply, SurfaceTechnology, IndustrialGreenTec, Research & Technology. Alle diese elf Messen verstehen sich als Internationale Leitmessen. „Wer in der Industrie etwas auf sich hält, darf in Hannover nicht fehlen“, unterstrich Angela Merkel deshalb auch in ihrer Eröffnungsrede die Bedeutung dieser Messe für Deutschland.

Und es fehlt wohl auch kaum einer aus der Industrie, der was auf sich hält. Die Messe ist bis über das Dach ausgebucht: In 25 Messehallen und zusätzlich auf diversen Freigeländen präsentieren mehr als 6500 Aussteller aus 62 Ländern ihre neuen Produkte und ihre technischen Innovationen. Das Partnerland Russland ist mit mehr als 100 Unternehmen in Hannover dabei, gebündelt vor allem am Zentralstand in Halle 26 (Stand A02). Insgesamt sind aus der Russischen Föderation rund 160 Firmen auf der Messe vertreten, darunter Gazprom (Gas), Rusnano (Nanotechnologie), Russian Railways (Transport), Rosneft (Öl), Transneft (Öl), Uralwagonsawod (Maschinenbau), RAO UES of Russia (Elektrizität), die TMK Group (Stahl) und Metalloinvest (Metalle). Diese Aufzählung zeigt exemplarisch die Bandbreite der in Hannover gebündelten Branchen. Es ist eben ein Querschnitt durch die Industrie, der russischen, der deutschen und der weltweiten.

Deutschland liefert Waren und Dienstleistungen für 38 Mrd. Euro nach Russland

Der russische Präsident Putin betonte, dass die Arbeitslosigkeit in seinem Land nur noch bei 5,5 Prozent liege und das rund 6000 deutsche Firmen in Russland aktiv seien. „Und wenn wir weiter zusammenarbeiten, können wir auch neue Erfolge erreichen“, sagte Putin vor Prominenz aus Politik und Wirtschaft. Die neue Bundesministerin für Bildung und Forschung, Johanna Wanka, Niedersachsens Ministerpräsident Stefan Weil sowie Friedhelm Loh, Präsident des Zentralverbandes Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI), betonten ebenfalls die glänzenden Perspektiven der Industrie. So hob ZVEI-Chef Loh hervor, dass Russlands Exporte nach Deutschland heute mehr als 41 Milliarden Euro betragen. Dabei bilden Rohstoffe allerdings einen wesentlichen Anteil. In die andere Richtung fließen Waren und Dienstleistungen in einer Größenordnung von 38 Milliarden Euro. „Die deutsche Wirtschaft sucht starke und attraktive Märkte für Investitionen. Bei vielen Unternehmen ist es deshalb an der Zeit, in Russland Vertriebsorganisationen und moderne Produktionsstätten aufzubauen“, betonte Friedhelm Loh.

Fabrik 4.0 als vierte industrielle Revolution

Gerne wird auf der großen Leistungsschau der Industrie von der Fabrik 4.0 gesprochen. „Damit ist die so genannte vierte industrielle Revolution gemeint, der Datenaustausch zwischen Werkstücken und Maschinen in der Produktion“, erläutert Messechef Klöckler. „Künftig wird zum Beispiel eine Karosserie dem Roboter mitteilen können, wo die Schweißpunkte zu setzen sind oder welche Lackfarbe zum Einsatz kommen soll.“ Es liegt auch auf der Hand, wenn künftig jede Jacke oder Unterhose mit intelligenten Chips ausgestattet sind, dass da die fertigende Industrie nicht hinten anstehen will. Wenn bald die Leberwurst im Kühlschrank intelligent ist und den Leberwurstbesitzer auf seinem Smartphone informiert, dass in drei Tagen das Ende der Genießbarkeit erreicht ist, sollte der Industrie etwa daran gelegen sein, die gesamte Fertigungskette hinsichtlich ihres Energieverbrauches zu kennen.

Die vernetzte Fertigung wird helfen, Energie einzusparen

Deshalb werden intelligente Erfassungssysteme auf der Ebene einzelner Maschinen immer wichtiger, um die kleinen Energieschleudern im großen Fertigungsprozess entlarven zu können. Ein Beispiel ist das Projekt Ewotek aus dem Werkzeugmaschinenlabor der RWTH Aachen. Im Rahmen von Ewotek hat das Labor die Energieflüsse zweier typischer Maschinen bilanziert. Im Ergebnis zeigte sich, dass Hilfsaggregate wie die Kühlschmiermittelzufuhr und -aufbereitung, das Hydrauliksystem oder die Kühlung insgesamt mehr als zwei Drittel der Energie verbrauchen. So läuft zum Beispiel die Pumpe für das Kühlschmiermittel zumeist auf maximaler Fördermenge, der nicht benötigte Teil fließ einfach über einen Bypass zurück in den Tank. Solche Steinzeittechnologie schießt mit Kanonen auf Spatzen.

Optimiert fördert im Projekt Ewotek nun eine Hochdruckpumpe mit variabler Drehzahl immer nur so viel Kühlschmiermittel, wie die aktuelle Bearbeitung des Werkstückes gerade benötigt. Einsparung bis zu 45 Prozent, beim Hydraulikaggregat sogar bis zu 60 Prozent, sind die Ergebnisse der Prozessanalyse. „Die vernetzten Maschinen sind kein Hype, sondern ein unaufhaltsamer Trend“, verspricht deshalb auch Messechef Klöckler.

VWs Ökosprinter XL1 verzichtet auf die Außenspiegel

Auch Volkswagen setzt voll auf das Thema Energiesparen und präsentiert in Hannover erstmals in Deutschland sein Ein-Liter-Auto XL1. Der XL1 kommt als futuristisch anmutender Zweisitzer mit Flügeltüren und Hybridtechnik auf Basis eines 2-Zylinder-Dieselmotors mit 35 KW Leistung plus Plug-in-Elektromotor mit 20 KW Leistung angerollt. Der Konzern aus Wolfsburg brüstet sich damit, dass der XL1 „das sparsamste und umweltschonendste Automobil der Welt ist“ und gibt als Reichweite immerhin „rund 500 Kilometer“ im kombinierten Elektro- und Dieselantrieb an. Auch der Öko-VW spart nicht mit Integrated Industry, um im Motto der Messe zu bleiben und verzichtet ganz auf Außenspiegel, die dann auch kein Roboter mehr justieren muss. Der XL1 kommt mit zwei Kameras daher, deren Bilder auf kleine Monitore in den Türverkleidungen übertragen werden.

Dumm nur, wenn dann die Bordelektronik streikt und die Mattscheibe in der Türverkleidung schwarz bleibt. Vielleicht ist dem Volkswagen-Konzern die ganze Integrated Industry in seinem sparsamen Zweisitzer selbst nicht ganz geheuer. VW will nach eigenen Angaben zunächst 300 der Leichtgewichte mit den Flügeltüren, die nur 800 Kilogramm auf die Waage bringen, bauen. Danach werde man weiter sehen.

Anzeige
Von Detlef Stoller
Zur StartseiteZur Startseite
schlagworte: 
kommentare

Aktuell wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben. Loggen Sie ich ein oder melden Sie sich neu an, wenn Sie noch keine Zugangsdaten haben
> Zum Login     > Neu anmelden