08.10.2014, 15:29 Uhr | 0 |

Ehrgeiziges Öko-Vorhaben Wüstenstromprojekt Desertec droht das Aus

Die Wüstenstromgesellschaft Desertec Industrial Initiative steht vor dem Aus. Das berichtet die Süddeutsche Zeitung. Am Montag werden die Gesellschafter über die Zukunft des vor fünf Jahren so ambitionierten und wegweisenden Ökostrom-Projekts entscheiden. Gefahr droht ihm durch interne Querelen und veränderte Rahmenbedingungen.

Die Sonne scheint über einem Parabolspiegel mit in der Mitte plazierten Solarreceivern eines solarthermischen Parabolrinnenkraftwerks
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Das wegweisende Ökostrom-Projekt Desertec hält offenbar den veränderten Rahmenbedingungen nicht stand und wird zudem durch interne Querelen geschwächt. Möglicherweise beschliessen die Gesellschafter am kommenden Montag das endgültige Aus der Initiative.

Foto: dpa

Eigentlich eine gute Idee, einen Wind- und Solarpark zur Stromerzeugung genau dahin zu setzten, wo beide Voraussetzungen in rauer Menge zu finden sind: in die Wüste. Die Wüstenstromgesellschaft Desertec Industrial Initiative (Dii), die 2009 von der Desertec Foundation gemeinsam mit einer Reihe internationaler Unternehmen aus dem Finanz- und Energiesektor gegründet wurde, hat genau das getan: Bis zum Jahr 2050 sollten in Nordafrika und im Nahen Osten Hunderte Öko-Kraftwerke auf Windkraft-, Photovoltaik- und Solarthermikbasis entstehen, die den Stromverbrauch der jeweiligen Region und zusätzlich bis zu 15 Prozent des europäischen Strombedarfs decken sollten.

Damit galt das Projekt bei seinem Startschuss vor fünf Jahren als eins der weltweit ehrgeizigsten Projekte im Bereich der erneuerbaren Energien. Die Luft ist jedoch inzwischen raus: Nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung steht Dii sogar vor dem endgültigen Aus.

Große Differenzen, veränderte Voraussetzungen

Entscheiden wird sich die Zukunft des einst so hoffnungsgeladenen Vorhabens bei der Jahreskonferenz am Montag in Rom: Neben der eigentlich vorgesehenen Option, die Initiative zur Dauereinrichtung zu machen, könnten die 35 beteiligten Konzerne, darunter die Deutsche Bank, RWE, MunichRe, der ABB-Konzern aus der Schweiz, State Grid aus China, Abengoa aus Spanien oder Acwa Power aus Saudi Arabien, auch die Abwicklung beschließen: Zu groß sind inzwischen die Differenzen, zu sehr hat sich die Energielandschaft verändert. 

Unklar ist nach Informationen der SZ unter anderem die Vorstellung von der Zukunft – und die neuen Konzepte müssen schnell auf den Tisch, weil Ende des Jahres wichtige Verträge auslaufen. Auch die finanzielle Basis sei nicht gesichert – zum unmittelbaren Überleben fehlen derzeit rund zwei Millionen Euro.

Bisher wurde Desertec von Mitgliedsbeiträgen finanziert, doch die wenigsten Unternehmen haben weiter Lust, sich finanziell zu engagieren, und die verbliebenen können oder wollen den notwendigen Betrag nicht allein stemmen. Insgesamt ist von geplanten Investitionen in Höhe von rund 400 Milliarden Euro bis 2050 die Rede

Dezentrale Produktion von Ökostrom ist billiger geworden

Dass das Engagement so deutlich nachgelassen hat, liege zum einen an internen Querelen und Machtkämpfen an der Spitze der Initiative und dem damit verbundenen Rückzug wichtiger Mitglieder wie Siemens, Bosch und E.on. Zum anderen sei der veränderte Strommarkt verantwortlich: So ist es inzwischen leichter und billiger geworden, nachhaltigen Strom dezentral zu produzieren. Deshalb gebe es in Europa mittlerweile ein Überangebot an Strom, schreibt die SZ: Die Zulieferung aus den Wüstengebieten per Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung (HGÜ) sei unnötig geworden.

Gleichzeitig wachsen der Bedarf und das Interesse an nachhaltigem Strom in afrikanischen Ländern. Das gilt zwar gemeinhin als Verdienst der Dii, allerdings machen Länder wie zum Beispiel Marokko derzeit ihr eigenes Ding und realisieren riesige Ökostromprojekte ohne Beteiligung der Initiative.

Alternativplan steht ebenfalls in den Sternen

Noch gebe es die Hoffnung, dass die Dii – falls sich die Mitglieder für die Abwicklung entscheiden und die Zentrale in München ihre Pforten schließe – zumindest als Beratungsinstanz in den nordafrikanischen Ländern und im Nahen Osten weiterbesteht, heißt es. Doch selbst das sei nicht sicher. Wie wahrscheinlich das komplette Aus sei, wollte ein Sprecher der Dii nicht kommentieren, schreibt die SZ: Diese Entscheidung werde erst am Montag getroffen, und dem wolle man nicht vorhergreifen.  

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Von Judith Bexten
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