07.11.2013, 15:15 Uhr | 0 |

Fahrverbote ab 2014 Venedig macht seine Lagune für Kreuzfahrtriesen dicht

Noch ein Jahr dürfen große Kreuzfahrtschiffe in direkter Sichtweite zu Markuskirche und Dogenpalast durch den Canale della Giudecca hindurch zum Hafen von Venedig fahren. Dann ist damit Schluss. Für kleinere Kreuzfahrtschiffe gelten schon ab Januar 2014 Beschränkungen. Nur noch fünf von ihnen dürfen dann pro Tag passieren. Und Fährschiffe dürfen gar nicht mehr in die sensible Lagune einfahren.

Canale della Giudecca
Á

Durchfahrt künftig verboten: Riesen-Kreuzfahrtschiffe wie die MSC Divina dürfen den Canale della Giudecca in einem Jahr nicht mehr passieren.  

Foto: dpa

Der Markusplatz in Venedig gilt als der „Salon Europas“. Hier an den Tischen der vielen Straßencafés sitzen die Touristenscharen und wollen den Blick aufs historische Zentrum genießen. Immer wieder wird dieses Bild allerdings getrübt von den schwimmenden Hochhäusern, die sich durch den Canale della Giudecca hindurch zum Hafen von Venedig schieben. Es sind knapp 1700 Kreuzfahrtschiffe im Jahr, die Venedig heimsuchen.

Rote Karte für schwimmende Hochhäuser

Damit soll schon bald Schluss sein. Venedigs Oberbürgermeister Giorgio Orsoni hat jetzt den schwimmenden Hochhäusern die rote Karte gezeigt. Ab November 2014 dürfen Kreuzfahrtschiffe ab 96 000 Bruttoregistertonnen nicht mehr den Canale della Giudecca durchfahren. Orsoni erklärte, die Kreuzfahrtriesen seien schlichtweg „nicht kompatibel mit Venedig und seiner Lagune“. Als Alternative soll eine andere Wasserstraße in der Lagune, der Canale Contorta, für die Riesenschiffe befahrbar gemacht werden. Bis diese Wasserstraße soweit ausgebaut ist, wird es wohl noch mindestens zwei Jahre dauern.

Es könnte also eng werden für die Kreuzfahrtindustrie, für die eine Passage durch den Canale della Giudecca ein touristisches Highlight der besonderen Art darstellt. Knapp 300 Meter nur ist der Markusturm und der ehrwürdige Dogenpalast bei dieser Vorbeifahrt von den Passagieren in ihren Liegestühlen auf dem Sonnendeck entfernt und so förmlich zum Greifen nah.

Kreuzfahrtriesen schlagen gewaltige Wellen

Manche dieser Kreuzfahrtschiffe sind mehrere hundert Meter lang und schlagen gewaltige Wellen, die an den Fundamenten der auf Pfählen errichteten und ohnehin schon durch steigenden Meeresspiegel extrem in der Substanz gefährdeten historischen Lagunenstadt nagen. Dazu kommen die wabernden Dämpfe der Abgase, die durch die Lagune wehen. Die Anwohner Venedigs sind die schwimmenden Hochhäuser schon lange leid.

Silvio Testa: „Unkontrollierte Giftfabrik im Herzen der Stadt“

Erst Ende September schwammen rund 30 Kreuzfahrtschiffgegner unter dem Applaus hunderter Unterstützer eine Stunde lang im Kanal, um ihn zu blockieren. „Das war ein erster Sieg, aber der Kampf geht weiter“, sagte Silvio Testa von der Bürgerinitiative No Grandi Navi, was mit „keine großen Schiffe“ zu übersetzten ist. Jedes dieser großen Schiffe verursacht so viel Umweltverschmutzung wie 14 000 Autos. „Diese Schiffe sind eine unkontrollierte Giftfabrik im Herzen der Stadt“, so Umweltschützer Testa, der mit einem Buch über die Kreuzfahrtindustrie die Initialzündung für den Widerstand der Venezianer gegen die großen Schiffe gegeben hat.

Venedig sagt jetzt nicht nur den extremen Kreuzfahrtriesen der Marke Costa Concordia den Kampf an. Auch die Klasse darunter wird deutlich reduziert. Es werden vom ersten Tag des Jahres 2014 nur noch fünf mittelgroße Kreuzfahrtschiffe ab 40 000 Bruttoregistertonnen den Canale della Giudecca passieren dürften. Fährschiffe dürfen dann überhaupt nicht mehr in den Kanal einfahren.

Aufwind der Proteste durch die Havarie der „Costa Concordia“

Die Regierung erhofft sich von dieser Beschränkung eine Reduzierung des Schiffsverkehrs um 25 Prozent und eine um 50 Prozent geringere Verschmutzung. Venedigs Bürgermeister Giorgio Orsoni begrüßte die Entscheidung. „Endlich hat sich der Trend hin zu immer mehr gigantischen Schiffen in der Lagune gedreht“, sagte er. „Wir hatten genug von diesen Mega-Kreuzfahrtschiffen nur wenige Meter vom Markusplatz entfernt.“ Von nun an werde es klare Limits geben. Die Proteste gegen die Schiffsdurchfahrten in Venedig hatten auch durch die Havarie der "Costa Concordia" vor der italienischen Insel Giglio am 13. Januar 2012 zusätzliche Nahrung bekommen. Damals wurden den Menschen die Risiken, die von den Kreuzfahrtriesen ausgehen, nochmals deutlich vor Augen geführt.

Massimo Bernardo ist der Präsident einer Initiative, die für die Kreuzfahrtindustrie in Venedig wirbt. Seiner Auffassung nach verliert Venedig drastisch an Attraktivität als Ausflugsziel, wenn die schwimmenden Städte nicht mehr direkt am Markusplatz vorbeigondeln können. Bislang sei die Stadt „der erste Hafen im Mittelmeer. Vermutlich werden sich die Reedereien neue Anlaufpunkte suchen.“ Der Präsident der Region Venetien Luca Zala hält dagegen. Die Lösung sei ein guter Kompromiss, der keinen Verzicht auf die Kreuzfahrt bedeute. Vielmehr bleibe Venedig „ein Referenzpunkt in der Adria.“ Damit hätten mehr als 3000 Beschäftigte weiter eine Perspektive und auch der Kreuzfahrtterminal.

Umweltschützer Silvio Testa will weiter dafür kämpfen, dass die schwimmenden Städte völlig aus der Lagune verbannt werden. Nicht nur wegen ihrer Größe, dem Gestank und der Unfallgefahr. Sondern auch wegen ihrer negativen Auswirkung auf den Tourismus. Denn der habe Venedig bereits, so Testa, „in eine Art Themenpark, in eine Art Disneyland“ verwandelt.

Anzeige
Von Detlef Stoller
Zur StartseiteZur Startseite
schlagworte: 
kommentare

Aktuell wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben. Loggen Sie ich ein oder melden Sie sich neu an, wenn Sie noch keine Zugangsdaten haben
> Zum Login     > Neu anmelden