13.06.2013, 12:35 Uhr | 0 |

Klimakonferenz in Potsdam Unep: "Beim Klimawandel wissen wir eigentlich genug, um zu handeln"

Auf der ersten Klimafolgen-Konferenz in Potsdam zeigten Wissenschaftler, dass sie immer besser auch die Folgen des Klimawandels voraussagen können. Die sogenannte "Adaption", also die Anpassung der Nationen an sich ändernde klimatische Bedingungen, steht inzwischen im Vordergrund der Klimawissenschaften.

Frau beim Wasserholen in Vietnam
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Frau beim Wasserholen in Vietnam: Während der Klimawandel beispielsweise in Europa für feuchtere Sommer sorgt, kommt es in anderen Regionen der Südhalbkugel zu verstärkten Trockenperioden. 

Foto: Asian Development Bank

"Beim Klimawandel wissen wir eigentlich genug, um zu handeln", meint Joseph Alcamo, Chef-Wissenschaftler der Unep, des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. Steigen die vom Menschen verursachten Treibhausgasemissionen weiter wie bisher, werde sich die mittlere Temperatur auf der Erde bis 2100 um 2,5 °C bis 5,4 °C erhöhen.

Die Klimaverhandlungen sind dennoch festgefahren. Ein Grund: "Politiker brauchen konkrete Daten und dramatische Szenarien", weiß Alcamo. Sie wollen wissen, wie sich der Klimawandel in ihrer Region auf Ackerbau, Stadtplanung oder Wasserversorgung auswirkt, bevor sie Geld in die Hand nehmen, um etwa Deiche zu bauen oder Menschen umzusiedeln.

"Klare Aussagen können Modellierer aber nicht bieten", stellt Pavel Kabat, Direktor des Internationalen Instituts für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Österreich, auf der ersten "Internationalen Klimafolgen-Konferenz" klar, zu der Ende Mai in Potsdam rund 280 Wissenschaftler aus 40 Ländern zusammenkamen. Auch Politiker, Industrievertreter und Umweltschützer nahmen teil. Allen Szenarien der Forscher haften Ungenauigkeiten an, da etwa die CO2-Emissionen auch davon abhängen, wie die Wirtschaft wächst und sich die Klimapolitik entwickelt. Doch die Schlussfolgerung dürfe nicht sein, so Kabat, sich nicht mehr an den Klimawandel anzupassen. "Die Klimaentwicklung können wir zwar schon gut abbilden", erklärt Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des gastgebenden Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK). "Die Wirkungsforschung steht aber am Anfang."

Es gibt Unsicherheiten – doch der Trend ist klar

Computersimulationen auf der Grundlage von Daten und Gleichungen können keine punktgenauen und eindeutigen Aussagen liefern, betont das PIK, sondern es blieben immer – so sei Wissenschaft – "Bandbreiten". Die Forscher selbst sprechen von "Unsicherheiten", wobei dies nicht bedeute, dass sie nichts wüssten, sondern dass sich Trends und Wahrscheinlichkeiten aufzeigen lassen – "vor allem aber Risiken".

Wer etwa abschätzen wolle, wie viel Mais, Weizen oder Hirse künftig in welchen Gegenden angebaut werden könne, muss viele sozioökonomische Aspekte berücksichtigen. Die Wissenschaftler haben das erkannt und wollen jetzt eine wissenschaftliche abgesicherte "Landkarte der Verwundbarkeit" erstellen.

"Wir wollen zeigen, wo der Klimawandel wirklich wehtut", so PIK-Direktor Schellnhuber. Er hofft, dass Modelle, die zeigen, wie eine Welt mit 2 °C, 3 °C oder mehr Grad Celsius zusätzlicher globaler Erwärmung aussehen kann, Politikern die Auswirkungen ihrer Entscheidungen klar vor Augen führen werde.

Die Potsdamer Konferenz zeigte, die Modellierer sind auf dem richtigen Weg. "Die Auswirkungen des Klimawandels lassen sich immer besser voraussagen", sagt PIK-Agrarökonom Hermann Lotze-Campen. So startete das PIK Ende 2011 das sogenannte "Intersectoral Impact Model Intercomparison Project" (ISI-MIP). In diesem Projekt arbeiten weltweit 30 Gruppen von Wissenschaftlern zusammen. Sie verwenden alle die gleichen Klimaszenarien und modellieren mit ihnen die möglichen Folgen steigender Temperaturen für die Vegetation, die Wasserressourcen, den Ackerbau sowie für die Infrastruktur an den Küsten und für die Gesundheit.

Ökosysteme in weiten Teilen der Welt verändern sich

Einig waren sich die Klimaforscher darin: Abwarten ist keine Option. "Wir wissen, die negativen Auswirkungen des Klimawandels übertreffen im Schnitt die positiven", so Lotze-Campen. Seine Kollegin Lila Warszawski wird konkret: "Die Landfläche, auf der sich Ökosysteme verändern, nimmt mit dem Grad der Erwärmung der Erde drastisch zu." Steige die globale Mitteltemperatur bis 2099 um 4 °C, sind dramatische Änderungen der natürlichen Ökosysteme auf bis zu 45 % der Landfläche zu erwarten.

Die Forscher haben auch die Regionen ermittelt, die sehr wahrscheinlich gleichzeitig von Änderungen in den Bereichen Landwirtschaft, Wasserverfügbarkeit und Ökosysteme betroffen sein werden: Dazu zählen das Amazonasgebiet, Ostafrika sowie die Mittelmeerregion.

Einige Regionen werden von den Änderungen profitieren können. "Die Welt wird wohl an einigen Stellen grüner", sagt Tim Rademacher von der Cambridge University. Steigen CO2-Konzentration und Temperaturen, würden Pflanzen oft besser gedeihen. So werden wohl auf den Tundren Sibiriens und Kanadas Büsche und Bäume wachsen, wie auch in einigen Bereichen der Sahel-Zone und den Steppen Patagoniens.

Im Rahmen des ISI-MIP-Projekts haben Fachleute die Folgen des steigenden Meeresspiegels modelliert. Es sei kostenwirksam, Deiche zu bauen, meint Jochen Hinkel vom Global Climate Forum in Berlin. Das koste zwar weltweit jährlich 60 Mrd. €, diese Ausgaben sind jedoch um zwei Größenordnungen niedriger als die Kosten durch schwere Fluten. Doch es müssten nicht immer Deiche sein, ergänzt Schellnhuber. "Breite Mangrovengürtel können die Folgen heftiger Stürme für das Binnenland in den Tropen abmildern." Vor Ort müssten also die besten Lösungen gesucht werden.

Die ISI-MIP-Ergebnisse sind nicht für die Schublade gedacht. Sie sollen die Klimaverhandlungen beeinflussen. Der UN-Klimarat IPCC muss die Forschungsergebnisse dazu in seinem nächsten Bericht, der ab Ende 2013 veröffentlicht wird, aufnehmen. Das sei auf dem Weg, so Lotze-Campen. Unep-Experte Alcamo ergänzt: "Auch Ökonomen sollten die möglichen Folgen der Klimaerwärmung in ihren Modellen berücksichtigen."

Bei allen Fortschritten der Modellierer, die letzte Sicherheit kann es nicht geben. Dennoch sind international agierende Unternehmen heute schon an Orientierungshilfen interessiert, wie sie zum Beispiel das Hamburger Climate Service Center (CSC) anbietet. Jede Firma kann beim CSC, das zum Helmholtz-Zentrum für Material- und Küstenforschung in Geesthacht gehört, anfragen, wie sich das Klima in und außerhalb Deutschlands nach dem aktuellen Stand des Wissens in den nächsten Jahrzehnten entwickeln wird. Leicht abrufbare Informationen gibt es beim CSC sogar umsonst.

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Von Ralph H. Ahrens | Präsentiert von VDI Logo
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