20.06.2013, 09:25 Uhr | 0 |

Umweltpolitik Schiefergas: EU-Staaten entscheiden selbst

Die EU-Kommission werde noch in diesem Jahr einen Vorschlag zum Risikomanagement für Schiefergas vorlegen, um Klarheit für Investoren und die EU-Bürger zu schaffen, erklärte EU-Umweltkommissar Janez Potocnik gegenüber den VDI nachrichten. EU-Mitglieder sollen in eigener Regie entscheiden, ob sie Schiefergas ausbeuten wollen.

Großanlage von ThyssenKrupp Uhde
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Der Rohstoff-Boom in den USA etwa durch die Förderung von Schiefergas wird den deutschen Großanlagenbau beleben. EU-Mitglieder sollen in eigener Regie entscheiden, ob sie Schiefergas ausbeuten wollen.

Foto: ThyssenKrupp Uhde

"Wir sind in vielen Bereichen unseres täglichen Lebens Risiken und sogar Gefahren ausgesetzt. Wir bohren nach Öl und Gas, nutzen Chemikalien, die bisweilen hochgefährlich sind. Industrie, Landwirtschaft und Transportwesen verschmutzen täglich unsere Luft und Gewässer. Aber deshalb unterliegen wir nicht der Versuchung, sie gesetzlich verbieten zu wollen, weil viele dieser Aktivitäten Gesellschaft und Bürgern gleichsam nutzen", sagt Janez Potocnik. Es gehe vielmehr darum, Gesetze auf den Weg zu bringen, die regeln, wann solche Aktivitäten sicher und kollektiv als akzeptabel gelten.

Risiken managen

Mit anderen Worten gehe es darum, Risiken zu managen. Das gelte auch für die Erkundung von Schiefergas und seine Förderung. Jüngste Studien zeigten, dass die Förderung von Schiefergas größere Umweltauswirkungen nach sich ziehe als die konventionelle Gasförderung.

Die Gefahren für Gesundheit und Umweltrisiken durch Schiefergas seien vielfältig, betonte Potocnik im Gespräch. Sie beträfen nicht nur Oberflächen- und Grundwasserkontaminationen sowie Trinkwassergefährdung. Die Schiefergasfördrung würde auch Luft- und Lärmemissionen nach sich ziehen und nicht zuletzt Landnahme beanspruchen und die Biodiversität stören.

Aber bedarf es einer EU-Gesetzgebung oder reichen die nationalen Bergbaugesetze auch für geplante Schiefergasexplorationen aus? "Verschiedene Länder wie Polen und das Vereinigte Königreich unternehmen derzeit aktive Anstrengungen, um Schiefergasressourcen zu erkunden und auszubeuten. Wenn EU-Migliedstaaten dies beschließen, ist es Aufgabe der EU zu gewährleisten, dass dies mit einer für die öffentliche Gesundheit und die Umwelt verträglichen Art und Weise einhergeht", erklärt der EU-Umweltkommissar.

Über Energiemix entscheidet jedes EU-Land in eigener Kompetenz

Es sei nicht Angelegenheit der EU, darüber zu entscheiden, welche Energiequellen ein Mitgliedstaat nutzen wolle. Über den Energiemix entscheide jedes Land in eigener Kompetenz. "Unsere Herausforderung ist es, eine richtige und ausgewogene Wahl zu treffen", betont Potocnik. Die EU-Kommission beabsichtige, noch in diesem Jahr einen Vorschlag zu Risikomanagement und rechtlichen Rahmenbedingungen für Schiefergas vorzulegen.

Bisherige Aussagen über Vorkommen und förderbare Ressourcen von Schiefergas sind bis dato widersprüchlich. Ist die Goldgräberstimmung in den USA auf die Verhältnisse in der EU übertragbar? Potocnik skizziert: Um die wahren ökonomischen Chancen der Schiefergasförderung verlässlich beurteilen zu können, bedürfe es genauerer Analysen über Potenziale und Risiken.

Entscheidende Faktoren für ökonomische Machbarkeit und Wahrscheinlichkeit der Schiefergasproduktion in Europa hängen von technologischen Entwicklungen, öffentlicher Akzeptanz und Zugang zu Bodennutzung und Märkten ab", erklärt der gelernte Wirtschaftswissenschaftler.

In Europa völlig andere geologische Verhältnisse als in den USA

"Dabei müssen wir uns jedoch im Klaren sein, dass die geologischen Verhältnisse in Europa sich völlig anders darstellen und die USA über unvergleichlich größere Infrastrukturen von Bohr-, Transport- und Lagerkapazitäten aufweist." Hinzu komme, dass es in Europa erhebliche Probleme bei der Landnahme zur bergbautechnischen Ausbeutung vorhandener Ressourcen gebe.

British Petrol (BP) habe unlängst Schätzungen vorgelegt, wonach das förderbare Schiefergasvorkommen in der EU bis 2030 rund 2,4 % des derzeit verbrauchten Erdgasvolumens Europa substituieren könne. Das würde eine tägliche Fördermenge von 2,4 Mrd. m3 bedeuten – im Vergleich zu einer Tagesförderleistung von derzeit 20 Mrd. m3 in den USA, rund die achtfache Menge.

Doch die Shalegas-Problematik ist nur eine Baustelle für den Umweltkommissar. Klassische Umweltthemen wie die Luftreinhaltung sind für die EU-Bürger immer noch ein großes Thema. Das zeigt eine EU-Umfrage: Danach empfinden 90 % der EU-Bürger die Luftqualität in Europa mit Blick auf Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen als besorgniserregend. Was kann da ein EU-Umweltkommissar verbessern?

Potocnik: Anstrengungen der EU zur Luftreinhaltung sind Erfolgsgeschichte

Die Luftschadstoff-Grenzwerte und Umweltinnovationen, die die EU-Kommission vor Jahren eingeführt und auf den Weg gebracht habe, zeitigen spürbare Ergebnisse, sagt Potocnik. In Wirklichkeit seien die Anstrengungen der EU zur Luftreinhaltung eine Erfolgsgeschichte, betont Potocnik. Die Luft, die wir heute einatmen, sei viel gesünder als in vorherigen Jahrzehnten.

"Aber wir dürfen nicht nachlassen, damit das Erreichte nicht von neuen Belastungen für menschliche Gesundheit und Umwelt aufgesogen wird", sagt Potocnik. So müssen etwa im Transportsektor und Straßenverkehr die bereits vereinbarten Euroabgasnormen für Kraftfahrzeuge und Nutzfahrzeuge sowie Bulldozer und schwere Landmaschinen umgesetzt und der Schadstoffausstoff weiter reduziert werden.

Ebenso müsse im Energiesektor darauf geachtet werden, dass Emissionen aus Kleinfeuerungsanlagen sowie Verbrennungsanlagen reduziert werden. In der Landwirtschaft gelte es Ammoniakemissionen herunterzufahren. "Parallel dazu brauchen wir verbindliche Vereinbarungen bis 2020 für nationale Emissionsobergrenzen. Dazu werde ich eine entsprechende EU-Richtlinie vorlegen", kündigte der Kommissar an.

Die Euro-VI-Abgasnormen für Pkw und leichte Nutzfahrzeuge werden heftig kritisiert von der europäischen Automobilindustrie. Potocnik sieht hingegen angesichts der weltweit zunehmenden Luftverschmutzung in Ballungsräumen zukünftig weltweit eine Nachfrage nach Niedrigemissionsprodukten und Dienstleistungen. "Dies ist nicht nur eine ökologische Notwendigkeit, sondern auch eine enorme wirtschaftliche Chance", betonte der Slowene.

Damit die EU als Avantgarde für ökologische Innovationen auf dem Weltmarkt auftreten und Lösungen anbieten könne, seien ingenieurtechnische Innovationen und ökologische Hightechprodukte zur Energiegewinnung, Abwasser- und Luftreinhaltung äußerst gefragt. Potocnik ist sich sicher: "Eine ambitionierte EU-Luftreinhaltepolitik wird die Wettbewerbsfähigkeit der EU nur beflügeln können."   

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Von Thomas A. Friedrich | Präsentiert von VDI Logo
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