19.07.2013, 10:59 Uhr | 0 |

50 % Atomstrom bis 2025 Paris und Berlin planen engere Zusammenarbeit bei der Energiewende

Eine konkrete Zusammenarbeit in der länderübergreifenden Energiepolitik wollen Frankreich und Deutschland einleiten. Den Startschuss dazu gaben die beiden Umweltminister Peter Altmaier und Delphine Batho auf einem bilateralen Energie-Gipfel in Paris. Die Energiepolitik soll zu einem "neuen großen Identifikationsprojekt" der beiden Nachbarländer werden.

Umweltminister Altmaier
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Umweltminister Peter Altmaier beim Besuch der  europäischen Strombörse EPEX SPOT in Paris.

Foto: BMU

Im Rahmen des 50. Jahrestages des Deutsch-Französischen Freundschafts- und Kooperationsvertrages hatten beide Umweltminister zur 1. Deutsch-Französischen Energiekonferenz Anfang Juli nach Paris eingeladen. Für die Teilnehmer hatte Präsident François Hollande, wohl eher unfreiwillig als geplant, eine Überraschung parat: Gleich am ersten Tag der Tagung führender Energieexperten musste die französische Umweltministerin Delphine Batho zurücktreten: Öffentlich kritisierte sie, dass ihr Einzelhaushalt für 2014 um 7 % gekürzt werden sollte – deutlich mehr als andere Ressorts. Batho protestierte, Hollande entließ und ersetzte sie flugs durch Philippe Martin. Das Erstaunen der Gäste über den "nicht sehr eleganten Zeitpunkt der Entlassung" war entsprechend.

Frankreich will Atomstromanteil bis 2025 auf 50 % senken

In der über achtstündigen, teils kontrovers geführten Fachdebatte stand die Skepsis im Mittelpunkt, die Atommacht Frankreich werde zwar den Kernkraftanteil an der nationalen Stromproduktion bis 2025 von derzeit 75 % auf 50 % zurückfahren, aber die Nuklearversorgung bleibe noch lange bestehen, weil keine französische Regierung – auch aus Exportgründen – auf die Kernkraft verzichten wolle. Deutschland steige bis 2022 aus der Kernkraft aus, erinnerte Altmaier. "Es bleiben dann fossile und erneuerbare Energien."

In der Mehrheit der Beiträge wurde von "komplementären Ansätzen" bei "ähnlichen Zielen" in der deutschen und französischen Energiepolitik gesprochen. Die Franzosen nennen den Umbau der Energieversorgungssysteme die "transition énergé-
tique". Seit Februar 2013 gibt es ein "Gemeinsames Büro für Erneuerbare Energien", das helfen soll, bilaterale Vorhaben besser abzustimmen. Beabsichtigt wird von beiden Seiten eine "verstärkte Abstimmung auf politischer und gesetzlicher Ebene, eine Intensivierung der Zusammenarbeit von Unternehmen und die Einrichtung eines deutsch-französischen Forschernetzwerkes im Bereich der Energiewende".

Doch es kamen Zweifel auf, ob Frankreich seinen vollen Part beim energetischen und ökologischen Umbau spielen könne und auch wolle. Die plötzliche Abberufung der französischen Ministerin während der Konferenz verstärkte die Zweifel. Das Land steckt überdies in einer schweren Wirtschaftskrise. Die Kürzung im Umweltetat von 500 Mio. € spiegelt die Entschlossenheit der Regierung wider, in den Staatsausgaben dramatische Einschränkungen vorzunehmen.

Die"Energiewende" ist französisch die "transition énergétique"

Jan Horst Keppler, Wissenschaftlicher Direktor und Inhaber des Lehrstuhls für Europäische Strommärkte an der Pariser Universität Dauphine, lobte den Willen der Diskutanten, "die wirklichen Probleme anzusprechen" und nicht im Nebulösen zu bleiben. Er verhehlte nicht die Unterschiede zu Deutschland: Bedeutung der Kernkraft, auch für die Exportwirtschaft, Budgetkürzungen, billiger Strom und Ausnutzung der Meeresenergie sind Kernpunkte der französischen Umweltpolitik. Aber, so Keppler: "Die Wunschlisten sind hüben und drüben vergleichbar: mehr erneuerbare Energien, weniger Energieverbrauch bei gleichem Komfort, geringere Kosten und mehr Wettbewerbsfähigkeit!"

Einige Beispiele ermutigen zu weiterer konkreter Zusammenarbeit. Der Anlagenbauer Alstom erhielt Ende Februar vom Netzbetreiber Tennet den Zuschlag für den Netzanschluss von Offshore-Windparks in der deutschen Nordsee. Alstom wird deutsche Offshore-Windenergieprojekte in Höhe von 900 MW an das Festland anschließen. Der E.On-Konzern wird im südfranzösischen Gardanne das größte Biomassekraftwerk Frankreichs aufbauen. 150 MW sollen zur Deckung eines Jahresstromverbrauchs von 440 000 Haushalten (ohne Heizung) reichen.

Die französische Air Liquide, Weltmarktführer für Industriegase, hatte im September 2012 ihre erste Wasserstofftankstelle für Pkw in Düsseldorf eröffnet in den drei kommenden Jahren werden zehn weitere Wasserstofftankstellen entwickelt, drei in NRW, zwei in Hessen, zwei in Sachsen, zwei in Süddeutschland und eine in Niedersachsen. Der deutsche Windenergiespezialist Enercon hat in Frankreich 1000 Windanlagen errichtet und betreibt in der Picardie ein Betonwerk.

Der französische Strommarkt gilt immer noch als schwierig

Als schwierig erweist sich das französische Stromeinspeisegesetz. Es gilt als kompliziert. Genehmigungsverfahren sind langwierig, heißt es, bestimmte Zonen werden gefördert, aber die sozialistische Regierung will hier in der "Entbürokratisierung" ihrem Partner entgegenkommen.

Um die Energiepartnerschaft mit mehr Leben zu erfüllen, müssen die Franzosen beim Umbau der jeweiligen Energiesysteme – ob Energiewende oder "transit énergétique" – kräftig anpacken. Ein wenig Skepsis klang bei Jan Horst Keppler an, als er meinte: Wenn Frankreich entschlossen mitziehen wolle, müsse es sich dazu die Mittel geben. Der Rauswurf der Umweltministerin Batho aus der Regierung war da kein guter Auftakt.

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Von Lutz Hermann | Präsentiert von VDI Logo
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