17.10.2014, 09:46 Uhr | 2 |

EXPERTEN ZWEIFELN AN EU-PROGNOSE Gasversorgung in Deutschland doch nicht so sicher: Speicher in ausländischer Hand

EU-Energiekommissar Günther Oettinger wollte die Bürger in Europa beruhigen: Auch wenn Russland für sechs Monate seinen Gashahn zudreht, muss keiner frieren. Daran gibt es allerdings Zweifel. Denn die deutschen Energiespeicher gehören zum Teil ausländischen Gashändlern. Gerade hat Gazprom den größten Gasspeicher Westeuropas gekauft – in Rehden in Niedersachsen.

Gerade erst hat der russische Präsident Wladimir Putin wieder damit gedroht, die Gaslieferungen in die EU zu drosseln. Was lange als unrealistisches Szenario galt, ist inzwischen nicht mehr so unwahrscheinlich. Wenn es der EU in den nächsten Wochen nicht gelingt, im politisch befeuerten Gas-Streit zwischen Russland und der Ukraine zu vermitteln, könnte ein zeitweiliger Lieferstopp folgen. Etwa die Hälfte des für die EU bestimmten russischen Gases fließt durch die Ukraine.

Die EU hat deshalb einen sogenannten Gas-Stresstest durchführen lassen, der von der extremen Annahme ausgeht, dass Russland sechs Monate lang überhaupt kein Erdgas in die EU liefert. Dazu sagte Energiekommissar Günther Oettinger: „Der Bericht zeigt, dass wir vorbereitet sind. Wenn wir zusammenarbeiten, Solidarität zeigen und den Empfehlungen dieses Berichts folgen, wird kein Haushalt in der EU im kommenden Winter der Kälte ausgesetzt sein.“

Manchen Ländern könnten 60 Prozent der Gasversorgung wegbrechen

Die EU geht in diesem Szenario davon aus, dass EU-Staaten sich gegenseitig mit überschüssigem Gas versorgen und dass dann immer noch bestehende Engpässe durch den Ankauf von Flüssiggas, das mit Tankern transportiert wird, ausgeglichen werden können. Sollte das nicht geschehen, wären die Folgen eines Lieferstopps vor allem in den östlichen EU-Ländern allerdings verheerend: In Finnland, Estland, Mazedonien, Bosnien-Herzegowina und Serbien würden mindestens 60 Prozent des Gasbedarfs fehlen, haben die EU-Experten errechnet.

Ob kurzfristige Lieferungen zwischen EU-Staaten möglich sind, ist indes zweifelhaft. Experten halten die vorhandenen Pipeline-Kapazitäten für zu gering, um den Durchfluss massiv steigern zu können.

Gasspeicher in Deutschland gehören privaten Händlern

Einige Länder haben zudem das Problem, dass sie nur über geringe Speicherkapazitäten verfügen, um kurzfristige Engpässe ausgleichen zu können. Dazu gehört etwa Griechenland. Deutschland soll über Monate hinweg Engpässe aus seinen Gasspeichern kompensieren können. Diese Hoffnung könnte allerdings trügen. Denn die Speicher gehören privaten Unternehmen.

Die zum Teil im Ausland ansässigen Gashändler kauften Gas günstig an und spekulierten auf steigende Preise.

Deutsche Speicher in russischer Hand: Gazprom kauft Speicher Rehden

Zum Teil im Ausland ansässig? Nicht nur das: zunehmend auch in Russland. Unternehmen wie Gazprom sind gerade dabei, bis zu einem Fünftel der deutschen Speicherkapazitäten zu übernehmen. Gerade erst hat Gazprom von BASF den größten Gasspeicher Westeuropas im niedersächsischen Rehden übernommen. Ausgerechnet Gazprom.

Davor hatte schon im Frühjahr die Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) gewarnt. „Deutschland sollte im Rahmen einer strategischen Gasreserve direkten Zugriff auf die Gasspeicher haben. Den Verkauf an russische Unternehmen sollte Deutschland zur Erhöhung der Versorgungssicherheit unterbinden“, schrieb Kemfert in einem Beitrag für die Zeitung Die Welt. Das allerdings ist nicht geschehen, und auch die EU sah bislang keine – etwa kartellrechtlichen – Gründe, diese Übernahmen zu verhindern.

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Von Werner Grosch
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kommentare
18.10.2014, 09:57 Uhr maspr
Das Thema ist nicht neu. Seit Jahren kauft Gazprom und andere Unternehmen Gasspeicher in Europa und befüllt diese. Dem Zugriff der Deutschen sind diese wirklich entzogen. Warum denkt man nicht über eine Staatsreserve nach - wo der Staat auch Unbedingten Zugriff hat? Jetzt heisst es aber abwarten und hoffen, dass die Wohnungen einigermassen warm bleiben. Die angesprochenen Flüssiggas-Tankerlieferungen bringen Deutschland relativ wenig. - wir haben in Deutschland kein Flüssiggas-Terminal.

18.10.2014, 10:00 Uhr maspr
.... und zudem keine Anlagen, die eine Umwandlung des Flüssiggases in Leitungsgas vorsieht auch nicht. Da hat Deutschland auch geschlafen. Woher käme dieses Flüssiggas dann überhaupt? - Ganz sicher vom grössten Flüssiggas-Exporteur: Katar. Die USA dürfen nach Europa, aufgrund eigen auferlegter Bestimmungen, kein Flüssiggas liefern, da es kein Freihandelsabkommen gibt. Das jedoch ist Voraussetzung dafür laut eben dieser Bestimmungen des DoE (Department of Energy).

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