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14.05.2010, 19:46 Uhr | 0 |

Energiepolitik Erneuerbare Energien: Kernkraft als Brücke unnötig

Eine 100 %ige Stromversorgung aus erneuerbaren Energien könnte im Jahr 2050 Realität sein. Zu diesem Ergebnis kommt der Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) in seinem Sondergutachten. Vorausgesetzt, es werde verstärkt in den Infrastrukturausbau investiert und weder neue Kraftwerke gebaut noch Laufzeiten für bestehende Kraftwerke verlängert.

Der Sachverständigenrat (SRU) legte letzte Woche dem Umweltausschuss des Bundestages ein Sondergutachten vor. Der Titel: "100 % erneuerbare Stromversorgung bis 2050: klimaverträglich, sicher, bezahlbar". Eine längere Diskussion im Ausschuss über das Papier habe es nicht gegeben, berichtete der SRU-Vorsitzender Prof. Martin Faulstich anschließend der Presse. Und sein SRU-Kollege Prof. Olav Hohmeyer ergänzte, bei den Abgeordneten der Regierungskoalition seien sie eher auf "eine pauschale Ablehnung" gestoßen.

Das vorliegende Gutachten des SRU ist eine Vorabveröffentlichung. Im Herbst – wenn die Bundesregierung auch ein neues Energiekonzept vorlegen will – möchte auch der SRU die Endfassung dem Bundesumweltminister Norbert Röttgen übergeben.

Doch bereits die vorliegende Fassung ist für den SRU vor allem ein Appell an die Bundesregierung, möglichst schnell eine politische Entscheidung zugunsten des weiteren zügigen Ausbaus der erneuerbaren Energien zu treffen. "Wir wollten nachweisen, dass die Stromlücke eine Fata Morgana ist", betonte Faulstich. Und ergänzte, "Wir meinen dies auch hinreichend gut beweisen zu können." Die Bundesregierung will Ende kommenden Monats erste Ergebnisse der von ihr in Auftrag gegebenen Szenarien vorlegen. Die allerdings auf der Vorgabe unterschiedlich verlängerter Laufzeiten (um vier bis 28 Jahre) der Atomkraftwerke basiert.

Erwartet wird von diesen Szenarien – nach den Vorgaben des Bundeswirtschaftsministeriums –, wie sich der Ausbau der erneuerbaren Energien in einem Energiemix entwickeln müsste, um die Klimaziele zu erreichen. Beteiligt an der Berechnung sind das Energiewirtschaftliche Institut der Universität Köln, die Prognos AG und die Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung.

Doch dieser "Energiemix", der für die schwarz-gelbe Regierungskoalition aus einer Mischung von Laufzeitverlängerung, dem Bau neuer Kohlekraftwerke mit CCS-Technik und erneuerbaren Energien besteht, ist für den Sachverständigenrat der falsche Ansatz. Er orientiere sich "weitgehend" an der Laufzeiten für Kernkraftwerke, dies sei aber "ein untergeordnetes Problem", glaubt Faulstich. Denn als "Brückentechnologie" würden konventionelle Kraftwerke nicht benötigt: "Wir brauchen keine Brücke und wir brauchen auch keine Verlängerung der Brücke."

Die Szenarien des SRU-Gutachtens basieren auf einem Ausbau der erneuerbaren Energien bis hin zur kompletten regenerativen Versorgung. Ein Szenario berechnet eine Vollversorgung Deutschlands ohne Stromimporte. Machbar, aber nicht wünschenswert, kommentierten die Wissenschaftler dieses Ergebnis. Eine solche Lösung werde zu teuer für die Stromkunden. Errechnet wurden hier 9 Cent/kWh bis 12 Cent/kWh.

Erheblich günstiger wäre bereits ein kleiner europäischer Verbund mit Dänemark und Norwegen, um die dort vorhandenen Pumpspeicherkapazitäten mit zu nutzen. Ein weiteres Szenario geht von einem größeren europäischen Stromverbund einschließlich Nordafrika aus. Inklusive der Kosten für den Netzausbau errechneten die Experten in diesem Fall Kosten von 6 Cent/kWh bis 7 Cent/kWh. Dazu würden sich noch 1 Cent/kWh bis 2 Cent/kWh für den innerdeutschen Netzbau addieren.

Die Berechnungen des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt seien, so Hohmeyer, äußerst präzise und "stundengenau". Zudem habe man auch Konkurrenznutzungen wie die Landwirtschaft mit berücksichtigt.

Der Netzausbau ist neben noch fehlenden Speicherkapazitäten die große Hürde für die künftige Stromversorgung. Hier fordern die Experten: "Angesichts langer Vorlaufzeiten (...) sollte umgehend mit den Planungen (...) begonnen werden." Gerade jetzt sei der ideale Zeitpunkt, das Ziel einer regenerativen Stromversorgung anzugehen. Denn bei einer durchschnittlichen Laufzeit von 35 Jahren für konventionelle Kraftwerke könnten die derzeit laufenden und bereits im Bau befindlichen Kraftwerke "entsprechend ihrer Lebensdauer" schrittweise abgeschaltet und durch erneuerbare Energien ersetzt werden.

Dies bedeute, von heute bis zum Jahr 2020 müsste der Zubau regenerativer Energien auf 6 GW jährlich gesteigert werden. Dies sei, so der SRU, von den Branchen leistbar. Würde stattdessen der Bau neuer Kraftwerke forciert und Laufzeiten verlängert, sieht der Sachverständigenrat "Überkapazitäten". Diese führten dann entweder zur zeitweisen Abschaltung regenerativer oder "zu kostspieliger Unterauslastung konventioneller Kapazitäten". Die Kosten des Übergangs würden so unnötig erhöht. BIRGIT BÖHRET

Von Birgit Böhret | Präsentiert von VDI Logo
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