Energie- & Umweltpolitik

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29.05.2013, 10:15 Uhr | 0 |

Energieeffizienz Der Reboundeffekt torpediert in der Praxis oft gewählte Energieeffizienzziele

Energiesparmaßnahmen bringen längst nicht immer die beabsichtigte Ersparnis. Oftmals führen sie nämlich zu einer Änderung des Nutzungsverhaltens und damit nicht zu dem gewünschten geringeren Energieverbrauch. Doch zur Größe dieses sogenannten Reboundeffektes gibt es in der Literatur ganz unterschiedliches Zahlenmaterial.

Produktion von Energiesparlampen bei Osram in Augsburg
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Sparsamere Haushaltsgeräte und Leuchtmittel führen dazu, dass Haushalte sorgloser mit Energie umgehen. Die Folge: Die Einsparmöglichkeiten werden nicht voll erreicht.

Foto: BMU/Thomas Imo, photothek.net

Seitdem es Energiesparlampen gibt, nehmen es manche Menschen mit dem Licht-Ausknipsen beim Verlassen des Zimmers nicht mehr so genau. Und wenn die neue Waschmaschine so sparsam ist, kann man pro Woche ja einmal mehr waschen – bei gleichem Verbrauch. Bei den zahlreichen energieeffizienten Geräten kann man sich jetzt ja auch viel leichter eine elektrische Klimaanlage erlauben als vorher.

"Die versprochenen Stromeinsparungen werden durch den sogenannten Reboundeffekt und die zunehmende Elektrifizierung des Alltags aufgehoben", so Robert Krock, Geschäftsführer der Berliner Strategieberatung SNPC: "Einerseits ersetzen wir alte Strom verbrauchende Geräte zwar durch effizientere, diese sind aber andererseits, wie man am Beispiel Flachbildfernseher sieht, oft deutlich größer und nehmen mehr Leistung auf." Rückpralleffekt heißt das Phänomen auf Deutsch.

SNPC hat dazu kürzlich gemeinsam mit dem Kompetenzzentrum Öffentliche Wirtschaft, Infrastruktur und Daseinsvorsorge an der Universität Leipzig eine Studie veröffentlicht: Danach werden wesentliche Ziele der deutschen Energiewende bis 2023 wohl nicht erreicht. Die Energiewende wird nach Experteneinschätzung daher nicht zu dem erwünschten geringeren Energieverbrauch führen, so die Kernaussage.

Großzügiger Umgang mit Energie

Ein klassisches Beispiel für Rückpralleffekte beim Energiesparen sind die früheren ineffizienten Kohleöfen, die wegen moderner Zentralheizungen verschwunden sind. Doch fortan wurden alle Räume beheizt – und dies bei bis heute steigender Wohnfläche pro Kopf. Man wurde beim Umgang mit Energie nachlässiger, die Energie(kosten)einsparung zum Erreichen anderer Ziele verwendet – nämlich für erhöhten Komfort oder Konsumentennutzen und zur Steigerung der Produktion. Resultat des verursachten Wirtschaftswachstums sind wiederum mehr Konsum, Produktion sowie Energieeinsatz.

"Absolute Energieeinsparungen durch Effizienzgewinne sind in einer stetig wachsenden Volkswirtschaft und in Anbetracht vieler ungesättigter materieller Bedürfnisse schlichtweg eine Illusion", behauptet auch Reinhard Madlener, Leiter des Instituts für Future Energy, Consument Needs und Behavier an der RWTH Aachen.

Der Energieverbrauch steigt trotz enormer Effizienzgewinne bei guter Konjunkturlage weiter munter an. "Reboundeffekte werden in den meisten Modellrechnungen zudem völlig unzureichend oder überhaupt nicht berücksichtigt", so Madlener, "was für eine effektive Energie- und Umweltpolitik fatal sein kann."

Sparsame Geräte werden stärker genutzt

Dies alles hat recht komplexe Gründe: Ein energieeffizientes Auto fördert die Tendenz, wegen der verminderten Treibstoffkosten und des grünen Gewissens mehr zu fahren, im Fachjargon ist dies ein direkter Reboundeffekt. Ein indirekter Reboundeffekt wäre, wenn das durch verminderte Spritkosten eingesparte Geld für zusätzliche Flugreisen ausgegeben würde.

Das sind nicht alle Wirkungen: Fünf verschiedene Reboundeffekte haben Experten identifiziert. Demnach reichen die ermittelten Spannbreiten des Effektes beim Auto von 5 % bis 87 %, bei Heizung von 1 % bis 60 %, bei Klimatisierung bis zu 50 % und beim Warmwasser von 10 % bis 40 %.

Nach Angaben der International Energy Agency (IEA) wurden Reboundeffekte vor allem in Haushalten bei Raumheizung und -kühlung, effizienten Fahrzeugen und Beleuchtung gefunden und bewegen sich dort in der Regel zwischen 10 % bis 30 % der durch effiziente Technik erreichten Energieeinsparung. Eine britische Untersuchung berechnete letztens ein durchschnittliches Niveau von 15 %. Es gibt Studien, die einen sehr hohen Reboundeffekt konstatieren: Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung in Essen hält im Pkw-Verkehr sogar eher 60 % für realistisch.

Weil Rebound-Spannen so unterschiedlich sind und das Thema so komplex ist, hat zum ersten Mal ein Team von Wissenschaftlern um den Umweltforscher Kenneth Gillingham von der Yale-Universität mehrere Studien zum Thema ausgewertet. Das Ergebnis: Der Reboundeffekt scheint zwar geringer als bisher angenommen – aber er stellt sich auch viel komplizierter dar. Generell rät der Aachener Effizienzforscher Reinhard Madlener Entscheidungsträgern, in Anbetracht der großen Bandbreite empirischer Schätzungen in der Praxis besser 30 % für den Reboundeffekt bei Energieeinsparberechnungen anzusetzen.

In Privathaushalten ist der Stromverbrauch pro Jahr um 1,5 % gestiegen

Im Bereich der privaten Haushalte ist der Stromverbrauch in den letzten 30 Jahren trotz Sparmaßnahmen um rund 1,5 % per anno gestiegen, schildert Michael Kopatz vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie. Auch in einer dortigen Studie "Die unerwünschten Folgen der erwünschten Energieeffizienz" wurden vier Metastudien zum Reboundeffekt untersucht.

Quintessenz: Im Detail unterscheiden sich die meisten Studien und deren Methoden erheblich. Danach betragen die direkten Reboundeffekte in Industrieländern etwa für Raumwärme und Pkw-Verkehr zwischen 10 % und 30 %. Gesamtwirtschaftlich sei im Mittel aber sogar mit Reboundeffekten von mindestens 50 % zu rechnen, fasst Studienautor Tilman Santorius die Ergebnisse zusammen: "Mit anderen Worten werden im Schnitt mit Effizienzmaßnahmen nur 50 % der Einsparungen realisiert, die sie versprechen."

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Von Edgar Lange | Präsentiert von VDI Logo
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