Energie- & Umweltpolitik

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30.03.2013, 08:15 Uhr | 0 |

Windkraft Der Ausbau der Windkraft auf hoher See kommt ins Stottern

Es ist still geworden um den Ausbau der Windkraft auf hoher See. Die Diskussion um Strompreisbremse, knappes Kapital und der schleppende Ausbau der Stromnetzes haben den Ausbau ins Stocken gebracht.

Offshore-Windparks Horns Rev 2
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Siemens ist der erfolgreichste deutsche Hersteller von Windturbinen. Allein für den Windpark Horns Rev II in der Nordsee lieferte Siemens 91 Windkraftanlagen.

Foto: Siemens

Das vollmundige Ziel, bis 2020 rund 10 GW Kapazität auf See zu installieren, wird die Branche allem Anschein nach verfehlen. Damit platzen auch vorerst die Träume jener Politiker, die in dieser Technologie eine tragende Säule der Energiewende sehen. "Wir haben uns jeden Offshore-Windpark genau angesehen. Die politische Zielsetzung von 10 GW wird in keinem der aufgestellten Szenarien erreicht", stellt Dirk Briese, Geschäftsführer des Marktforschungsinstituts Trend:research aus Bremen, nüchtern fest.

Die Gründe sind vielfältig. Zuerst waren es die großen Entfernungen zur Küste oder die Frage, wer den Netzanschluss bezahlen muss. Dann fehlten Fachkräfte, Spezialschiffe oder die Infrastruktur in den Häfen. Jetzt funken verzögerte Netzanschlüsse und explodierende Strompreise dazwischen. "Optimismus ist für die Branche Pflicht. Wir brauchen ein klares Bekenntnis zur Offshore-Windenergie und keine Experimente oder Knüppel in den Speichen. Es darf keinen Abbruch des Ausbaus geben", übt sich Jörg Kuhbier, Vorstand der Stiftung Offshore-Windenergie in Durchhalteparolen.

Anfang 2013 waren erst 53 Windräder auf See am Netz

Klammern kann sich die Branche an zwei goldene Jahre und daran, dass trotz aller Unkenrufe tatsächlich gebaut wird. Waren bis Anfang 2013 erst magere 53 Windturbinen mit 208 MW am Netz, werden es bis Ende 2015 wohl 788 Maschinen mit 3228 MW und 13 Windfarmen sein. Zu dieser Bilanz tragen neben den bereits stehenden oder im Bau befindlichen Windparks fünf neue Projekte bei, mit denen in diesem Jahr begonnen wird und bei denen die Investitionsentscheidungen schon getroffen wurden.

Nach diesem kurzen Strohfeuer wird mindestens zwei Jahre nichts kommen, weil der Faden für den Ausbau bereits 2012 gerissen ist. Die Nachrichten über die klamme Kasse des für den Netzanschluss in der Nordsee zuständigen Übertragungsnetzbetreibers Tennet und die erheblichen Verzögerungen bei den seeseitigen Anbindungen hatten die Branche eiskalt erwischt.

Einige Windparks sind auf unbestimmte Zeit verschoben

Folge ist ein fataler Dominoeffekt: EnBW und Dong Energy haben ihre Windprojekte auf unbestimmte Zeit verschoben und Aufträge bei Zulieferern storniert. Andere Marktteilnehmer und Finanzinvestoren warten erst einmal die politischen Debatten ab oder haben wie der Baulöwe Strabag ihren Einstieg schlicht abgeblasen. RWE, Windreich, Trainel und Dong Energy denken dennoch 2013 über Investitionsentscheidungen nach. Und die hängen von den regulatorischen Bedingungen ab. "Die gesamte Diskussion in Deutschland ist hinderlich und trägt nicht dazu bei, den Ausbau zu beschleunigen. Wir können zur Not in andere Länder ausweichen", sagt Volker Malmen, Finanzchef der deutschen Sparte des Energieversorgers Dong Energy.

Damit steht er nicht alleine. Immer mehr Investoren schauen skeptisch auf das, was in der Berliner Politikküche brodelt. Vor allem das Gezerre um die von Bundesumweltminister Peter Altmaier geforderte und derzeit auf Eis gelegte Strompreisbremse macht Sorgen. Eine nachträgliche Reduzierung der Vergügung und eine Stichtagsregel bereits zum 31. Juli 2013 hätte schlimme Folgen gehabt. Danach würde jede Anlage, die später steht, fünf Monate aus der Vergütung fallen und danach eine um 4 % niedrigere Vergütung erhalten. Zu diesen Konditionen wären Offshore-Windparks obsolet. "So etwas macht keiner mit", sagt auch Klaus Horstick von der Trianel Windkraftwerk Borkum GmbH.

Schaden ist schon da: Produktionsbetriebe vor Hungerjahren

Doch auch wenn Altmaier dauerhaft mit seinen Plänen scheitern sollte, ist der Schaden da und lässt sich nicht reparieren. Schließlich lebt die Industrie von kontinuierlichen Aufträgen: "Schon 2012 ist für alles das, was 2015 an neuen Windparks kommen könnte, ein verlorenes Jahr. Diese Projekte hätten aufgrund der langen Vorlaufzeiten schon in trockenen Tüchern sein müssen. "Dieses Jahr sieht es nicht besser aus. Die Produktionsbetriebe stehen vor Hungerjahren und es wird Entlassungen geben", klagt Ronny Meyer, Geschäftsführer des Branchenverbandes WAB e. V.

Schützenhilfe kommt auch von der Gewerkschaft, die sich sonst mit der Windindustrie eher um faire Löhne streitet. "Der Rotorblatthersteller Power Blades hat angekündigt, 400 Leiharbeiter in Bremerhaven zu entlassen. Die Siag Nordseewerke in Emden und die Sietas Werft in Hamburg sind insolvent und bei anderen Unternehmen wie Bard ist die Zukunft sehr ungewiss. Einige werden die Durststrecke nicht überstehen", warnt Heiko Messerschmidt, Sprecher der IG Metall Küste.

Unangefochtener Marktführer und die erste Wahl für Betreiber ist und bleibt Siemens. Dessen Windsparte liefert für acht der 13 deutschen Windparks 528 Turbinen direkt aus dänischen Werken. Von dort und aus den Niederlanden kommen zudem der Großteil der Stahlfundamente und die maritime Logistik. "Wir arbeiten mit Vestas, aber auch sehr viel mit der Siemens AG zusammen, die offshore quasi ein Monopol hat. Mehr Konkurrenz würde das Geschäft durchaus beleben, um die Kosten zu senken. Wir wollen diese mit der Industrie bis 2015 um 40 % nach unten schrauben", sagt Christian Drepper, Pressesprecher von E.on Renewables.

Die Antwort darauf, zu welchen Stromgestehungskosten offshore produziert werden kann, bleibt nicht nur Drepper, sondern die ganze Offshore-Windbranche bisher schuldig. Zu hoch sind die Renditeerwartungen hinter den Projekten. Dennoch hat E.on-Manager Drepper ein Fass aufgemacht, das man laut Jörg Kuhbier, Vorstand der Stiftung Offshore-Windenergie, nicht vor 2017 öffnen wollte: Wie teuer ist die Offshore-Windkraft und wie viel Förderung braucht sie eigentlich?

Da in der Nordsee 4000 Volllaststunden im Jahr gehandelt werden, muss Holger Krawinkel, Energieexperte des Verbraucherzentrale Bundesverbandes, nicht lange rechnen. "Bei aktuellen Börsenpreisen von 4 Cent/kWh und den Differenzkosten zur Förderung müssten sich Stromkunden bei 10 GW auf Mehrkosten von etwa 2 Cent/kWh einstellen", sagt er. Hinzu kommt noch die Anfang 2013 eingeführte Offshore-Umlage von derzeit 0,25 Cent/kWh, mit der Stromkunden für Haftungsrisiken beim Netzanschluss geradestehen müssen.

Neue Studien: Windkraft an Land ist günstiger

"Bislang war Offshore-Wind im Schatten der Photovoltaik und ist nun der letzte Kostentreiber im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Neue Studien zeigen, dass Windenergie an Land deutlich günstiger ist und es an Standorten nicht mangelt. Dadurch lässt der Ausbaudruck offshore nach. Da Verbraucher für Fehler bezahlen müssen, reicht ein geringeres Tempo", findet Karwinkel.

Die Branche wird wohl kleinere Brötchen backen müssen. Das liegt auch am Flaschenhals Kapital. Umgerechnet würden die Ausbauziele Investitionen von 100 Mrd. € bedeuten. Davon müssten 70 Mrd. € an Fremdkapital von Banken kommen, die aber höchstens mit jeweils 50 Mio. € einsteigen. "Der Kapitalbedarf wächst. Gleichzeitig gibt es europaweit nur 20 bis 25 Banken, die sich überhaupt beteiligen würden. Ich bin pessimistisch, dass sich dieser Markt ausweiten wird", sagt Peter Schäfer, der die Finanzierung erneuerbarer Energien bei dem staatlichen Geldinstitut KfW Ipex leitet.

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Von Torsten Thomas | Präsentiert von VDI Logo
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