14.06.2014, 09:31 Uhr | 0 |

Kommunikation über Höhlenfunksystem Verletzter Höhlenforscher bereitet sich auf strapaziösen Aufstieg vor

Der verunglückte Höhlenforscher Johann Westhauser wird mittlerweile medizinisch versorgt und soll möglichst schnell seinen Weg an die Oberfläche antreten. Dieser führt den Verletzten durch enge, dunkle Schächte und steile Abstiege – entlang am Schacht der Dröhnung und dem Lets-fetz-Canyon. Die Kommunikation mit der Basis funktioniert während dieser Tortur über das Höhlenfunksystem Cavelink.  

Einsatzkräfte der Bergwacht beraten das weitere Vorgehen
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Einsatzkräfte der Bergwacht beraten das weitere Vorgehen am Untersberg in rund 1800 Metern Höhe beim Eingang in die Riesending-Schachthöhle. In rund 1000 Metern Tiefe sitzt hier in den Berchtesgadener Alpen der schwerverletzte Höhlenforscher fest. 

Foto: Leitner, BRK BGL/dpa

Ulrich Meyer und Herrmann Sommer staunten nicht schlecht, als sie im Herbst 1996 unvermutet die Steilhänge einer bis dahin vollkommen unbekannten Schachthöhle entdeckten: „Was ist das denn für ein Riesending“, riefen die Bad Cannstatter Höhlenforscher und gaben so der längsten und tiefsten Höhle Deutschlands im Untersberg im Berchtesgardener Land ihren sperrigen Namen: Riesending-Schachthöhle.

Erst im Sommer 2002 machten sich die beiden gemeinsam mit dem Höhlenforscher Johann Westhauser daran, das Höhlensystem systematisch zu erkunden. Die Höhle ist 1148 Meter tief und rund 19 Kilometer lang. Dort unten in der Tiefe ist es auch im Sommer mit nur drei Grad Celsius empfindlich kühl. Im Laufe der Jahre haben die Höhlenforscher im Riesending fünf Biwakplätze eingerichtet, die sie mit Essensvorräten, Kochern und Schlafsäcken ausgestatten haben. Denn das gesamte Material bei jeder Expedition neu hinein- und hinauszutragen, wäre unmöglich.

Westhauser müsste schon längst auf der Intensivstation liegen

Dort unten in einer Tiefe von knapp 1000 Metern liegt der 52-jährige Höhlenforscher Johann Westhauser nun schon seit knapp einer Woche, am Kopf verletzt durch einen Steinschlag. Er hat durch den Steinschlag ein Schädel-Hirn-Trauma erlitten. „Es ist so, dass so ein Patient seit mehr als drei Tagen auf der Intensivstation liegen würde“, erklärt der Frankfurter Neurochirurg Michael Petermeyer in Berchtesgarden. „Wir haben recht wenig Vorerfahrung mit einem unbehandelten Schädel-Hirn-Trauma.“

Petermeyer glaubt aber, dass Westhauser das Schlimmste hinter sich hat. Der höhlenerfahrene Arzt ist angereist, um die Einsatzleitung zu verstärken und bei Bedarf selbst in die Höhle zu dem Verletzten hinabzusteigen.

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Der höhlenerfahrene Notarzt Michael Petermeyer verstärkt seit Dienstag das Einsatzteam in Berchtesgaden. Er ist einer von drei Ärzten, die bei einer europaweiten Suche gefunden wurden und fähig sind, in die Riesending-Schachthöhle zu steigen – die tiefste und extremste Höhle Deutschlands. 

Foto: dpa

Die Rettung des Höhlenforschers ist ein extrem aufwändiges Unterfangen. Hubschrauber schafften modernste Technik zum Höhleneingang, der sich in rund 1800 Metern Höhe befindet. Dadurch kann das Team der Höhlenretter vom Höhleneingang aus über das installierte Höhlenfunksystem Cavelink mit den Rettern in der Tiefe kommunizieren.

Am Freitag, 17:28 Uhr, kam die Nachrichten: "Transport startet jetzt"

Die auf Langwellen basierende Funktechnik ermöglicht SMS-ähnliche Textnachrichten zwischen dem Höhleneingang und dem Unfallort. Dabei tippen die Retter ihre Nachrichten auf einer Art Schreibmaschine. Die Übermittlung der Nachricht dauert mehrere Minuten.

Und es war gestern am späten Nachmittag, am Freitag, 17:28 Uhr, als über Cavelink die gute Nachricht gekabelt wurde: "Transport startet jetzt".

„Vergleichbar mit einer unteririschen Himalayabesteigung“

Am Anfang geht es gut 350 Meter senkrecht in die Tiefe. Das Gelände stürzt sich über frei hängende, steinschlaggefährdete Abseilpassagen – so einladend beschreibt die Bergwacht Bayern das Höhlensystem. Enge, dunkle Schächte, steile Abstiege, Bäche sowie Schlick und Schlamm an den Felswänden machen die Erkundung der Riesending-Schachthöhle zu einer Herausforderung selbst für erfahrene Höhlenforscher. „Die drei Forscher, die neue Teile der Höhle vermessen wollten, waren Profis, die Forschungsaktion absolut seriös“, urteilt Friedhart Knolle vom Verband der deutschen Höhlen- und Karstforscher (VdHK), dem auch der verletzte Westhäuser angehört. „Wer kein Profi ist, würde die Höhlenbesteigung wahrscheinlich nicht überleben. Der Abstieg in die Höhle ist vergleichbar mit einer unterirdischen Himalayabesteigung.“

Engste Stelle hat einen Durchmesser von nur 30 Zentimetern

Umgekehrt ist der Transport des verletzten Höhlenforschers dann noch komplizierter. Für den Aufstieg ist es nötig, dass Westhauser mithelfen kann. So gibt es eine Engstelle, die nur passierbar ist, wenn man den Kopf schräg legt und mit entsprechender Atemtechnik arbeitet. An der engsten Stelle beträgt der Durchmesser nicht einmal 30 Zentimeter. Einen Menschen mit Trage bekommt man da nicht durch. Manche Passagen sind zudem geflutet, müssen durchtaucht werden. Unter anderem mit Hilfe von Flaschenzügen könnte der Verletzte über senkrechte Stellen gebracht werden. Das Rettungsteam ist jedoch zuversichtlich, dass Westhauser körperlich in der Lage ist, an kritischen Stellen bei der Bergung mitzuhelfen.

Durch den Schacht der Dröhnung und den Lets-Fetz-Canyon

Auf ihrem Weg nach oben kommen die Retter an Streckenabschnitten vorbei, deren Namen Abenteuer pur versprechen: Es gibt den Lets-Fetz-Canyon, den Donnerbach, den Schacht der Dröhnung, einen Monsterschacht, einen Nirvana-Schacht oder die Wind-Weg-Kammer. Waschsalon heißt eine kleine Höhle, in die zwei Wasserfälle stürzen. Ein Schacht trägt den Namen „Schluss mit lustig“.

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Rettungskräfte und ein Hubschrauber am Untersberg bei Marktschellenberg in der Nähe des Eingangs der Riesending-Schachthöhle: Sie kommunizieren mit dem Verletzten über das Höhlenfunksystem Cavelink.

Foto: dpa

Die Rettungsaktion ist ein kompliziertes Manöver. Der Weg hinab bis zur Unfallstelle dauert etwa 12 Stunden und ist um die sechs Kilometer lang. Die Rettungskräfte brauchen während des komplizierten Abstiegs immer wieder Pausen. Die Rettung soll abschnittsweise über die installierten Biwaks geschehen. Ein Aufstieg in einem Rutsch mit dem Verletzten ist nicht möglich. „Wenn wir eine Etappe pro Tag schaffen, ist das, denke ich, eine gute Leistung“, sagte der Sprecher der Bergwacht, Klemens Reindl.

Die Biwaks sind von einem Rettungsteam mit Nahrungsmitteln und scheuerfesten Schlafsäcken ausgestattet. Ein weiteres Team sichert die Höhle weitgehend gegen weitern Steinschlag ab, um den Transport vorzubereiten und die Rettungskräfte selbst zu schützen. Insgesamt sind es sechs Teams, die jeweils aus vier Höhlenrettern bestehen, die an der Aktion beteiligt sind. Sie alle riskieren ihr Leben, um das von Johann Westhauser zu retten.

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Von Detlef Stoller
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