19.02.2015, 13:40 Uhr | 0 |

Road Movie mit Ansage Projekt hitchBOT: Wissenschaft oder Inszenierung?

Seit einer Woche trampt hitchBOT, der sprechende Roboter, kreuz und quer durch Deutschland. Die Fangemeinde der freundlichen Maschine ist währenddessen rasant gewachsen, aber es mehren sich auch kritische Stimmen. 

Roboter hitchBOT am Straßenrand in München am Straßenrand
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"Nehmt mich mit": Roboter hitchBOT sitzt am 12. Februar 2015 in München am Straßenrand – und lächelt in die Kamera. Denn so allein, wie´s aussieht, ist er nicht. Seit seiner Reise durch Kanada ist er ein Medienliebling. Was seine Fans aber zunehmend stört.

Foto: Sven Hoppe/dpa

Seitdem sich der kleine hitchBOT am letzten Freitag von einer Münchener Tankstelle aus zu seiner Deutschlandtour aufgemacht hat, ist Einiges geschehen. Innerhalb einer Woche hat sich der Roboter per Anhalter über Neuschwanstein nach Frankfurt, Köln und dem Ruhrgebiet bis nach Berlin durchgeschlagen und ist inzwischen in Hamburg angekommen. Am Wochenende soll der Trip an seinem Startpunkt in München zu Ende gehen.

Reise von hitchBOT lässt sich über GPS-Tracker im Internet verfolgen

Begleitet wird hitchBOT nicht nur von seinen Erfindern Frauke Zeller und David Smith, sondern auch von einem Kamerateam der ProSieben-Wissenssendung Galileo. Die Fans lieben den trampenden Roboter, aber der Verdacht, dass es sich hier, statt des angekündigten wissenschaftlichen Experimentes, um inszenierte Realität mit gesteuertem Medienhype handelt, drängt sich auch der Internet-Community langsam auf.

Im Internet lässt sich hitchBOTs Reise quer durch die Republik mühelos verfolgen. Der Roboter hat einen eingebauten GPS-Tracker und zeigt alle 15 Minuten seinen Standort auf einer Landkarte an. Das Road Movie begann an einer Münchner Tankstelle vor einer Woche.

Der Roboter "hitchBOT" wird am 13.02.2015 in München (Bayern) von Martin (l) und Bernd, die den Roboter auf seiner ersten Etappe mitnehmen, in ihr Auto eingeladen. "hitchBOT", der im Sommer gut 6000 Kilometer durch Kanada trampte, startet von München aus per Anhalter eine zehntägige Tour durch Deutschland. Seine erstes Ziel ist Schloss Neuschwanstein in Schwangau. Foto: Sven Hoppe/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Martin (li.) und Bernd laden hitchBOT am 13. Februar in München in ihr Auto ein. Von dort aus startete der trampende Roboter eine zehntägige Tour durch Deutschland. Im Sommer 2014 hatte die Maschine per Anhalter bereits gut 6000 Kilometer durch Kanada zurückgelegt. 

Foto: Sven Hoppe/dpa

Weil Abfahrtszeit und Ort im Netz bekanntgegeben worden waren, konnte der Roboter zwischen einem Dutzend Mitfahrgelegenheiten auswählen. Über Schloss Neuschwanstein ging es nach Frankfurt, wo hitchBOT zum prominenten Gast einer Hochzeit wurde. Danach stand der rheinische Karneval mit dem Kölner Rosenmontagszug auf dem Programm.

Probleme mit seinem technischen Innenleben, die hitchBOT zwischenzeitlich zugesetzt hatten, wurden von einem Robotik-Experten der Universität Duisburg-Essen gelöst. Anschließend wurde die vermenschlichte Maschine in der Hauptstadt vor dem Brandenburger Tor und dem Reichstag gesichtet. Mittlerweile ist sie in Hamburg angekommen.

Mit der Spracherkennung und –verarbeitung tut sich hitchBOT schwer

Der Erfolg, den hitchBOT letztes Jahr bei seiner Tramp-Tour durch Kanada hatte, scheint sich in Deutschland zu wiederholen. Die Menschen reagieren meist positiv auf den freundlich wirkenden Kerl mit der Kuchenglocke über dem LED-Gesicht und den blauen Poolnudeln als Gliedmaßen. An Mitfahrgelegenheiten, ob im Porsche oder auf dem Briefträgerfahrrad, mangelt es nicht. Dass die künstliche Intelligenz des Anhalters arg beschränkt ist, stört die Menschen, die ihm begegnen, offenbar nicht.

Der Roboter hitchBOT steht am 18.02.2015 in Berlin am Brandenburger Tor. Er soll herausfinden, ob ein Roboter auf die Kooperation fremder Menschen vertrauen kann. Er kann Unterhaltungen führen, sich jedoch nicht selbstständig fortbewegen und ist daher darauf angewiesen, von Menschen in deren Autos mitgenommen zu werden. Foto: Jens Kalaene/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Der Roboter hitchBOT steht am 18. Februar 2015 in Berlin vor dem Brandenburger Tor. 

Foto: Jens Kalaene/dpa

Die beiden Erfinder von hitchBOT, die Kommunikationswissenschaftler Frauke Zeller und David Smith, haben den Roboter mit der Spracherkennungs- und Sprachverarbeitungssoftware CleverScript und PocktSphinx gefüttert. Die Maschine soll einigermaßen verstehen können, was man zu ihr spricht und dann aus programmierten Sätzen eine passende Antwort auswählen. Dass das so gut wie gar nicht funktioniert, konnte man allerdings live am Fernsehen verfolgen, als hitchBOT bei Stefan Raab im ProSieben-Studio zu Gast war.

Im Internet nehmen kritische Stimmen zu

Überhaupt entwickelt sich die Medienpräsenz für hitchBOT und seine Erfinder langsam aber sicher zum eigenen Problem. Der Roboter, beziehungsweise sein Team, schreibt nicht nur seinen eigenen Blog, sondern ist auch auf Twitter, Facebook und Instagram äußerst populär. Allein auf Facebook folgen ihm mittlerweile 63.000 Menschen. Dort wird aber auch die Kritik an der gesamten Aktion immer lauter.

Angekündigt worden war ein wissenschaftliches Projekt, oder zumindest ein Experiment mit der Fragestellung, wie die Menschen auf einen Roboter reagieren, der alleine durch Deutschland trampt.

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Hat sich eine Pause verdient: Nach mehr als 6000 getrampten Kilometern durch Kanada ruht sich Roboter hitchBOT am 21. August 2014 im Hafen von Victoria auf einem Stuhl aus. Aktuell tourt er durch Deutschland. 

Foto: Rich Lam/dpa

Was ist davon geblieben, wenn ein Galileo-Kamerateam die Reise hautnah begleitet und für die eigene Sendung vermarktet? Scripted Reality, so vermuten inzwischen nicht wenige. „Hoffentlich ist die PR-Tour bald vorbei“, „Die Mülltonne ist nur so berühmt, weil das Galileo Team 24/7 um ihn steht“, „Ihr habt den Versuch ad absurdum geführt“, „10.000 Euro für den, der die Tupperdose im Schrottplatz entsorgt“. Solche Kommentare häufen sich mittlerweile auf Facebook. Viele hitchBOT-Fans sind enttäuscht.

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Von Gudrun von Schoenebeck
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