29.03.2014, 11:38 Uhr | 0 |

Achtung Zeitumstellung Mit dem Frühjahr kommt Sonntagnacht die Sommerzeit

In der Nacht zu Sonntag werden die Uhren von zwei auf drei Uhr vorgedreht. Dann herrscht in ganz Europa wieder die Sommerzeit. Für viele Menschen beginnen dann quälende Tage eines Mini-Jetlags, bis der Organismus sich auf die neue Zeit eingerichtet hat.

Polstab einer Sonnenuhr in den Herrenhäuser Gärten
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Der Polstab einer Sonnenuhr in den Herrenhäuser Gärten in Hannover wirft einen Schatten auf das Zifferblatt. In der Nacht vom 29. zum 30. März 2014 werden die Uhren um 2.00 Uhr um eine Stunde vorgestellt. 

Foto: dpa/Christoph Schmidt

Achtung: Es ist wieder so weit, am Sonntag beginnt die Sommerzeit. Sie kommt so regelmäßig wie die Steuererklärung und ist mindestens genauso erfreulich. In der Nacht von Samstag auf Sonntag werden die Uhren von 2.00 Uhr auf 3.00 Uhr vorgestellt. Somit beschert den Deutschen dieser Stromsparversuch die kürzeste Nacht des Jahres. 

Viele Menschen reagieren auf diesen Schlafentzug äußerst sensibel und schieben tagelang eine Art von Mini-Jetlag vor sich her. Das ist kein Wunder. Denn jeder gesunde Mensch ist mit einer recht genau tickenden inneren Uhr ausgestattet. „Sie sitzt im Gehirn in der unteren Etage, und zwar im Hypothalamus“, erklärt Prof. Horst-Werner Korf, Leiter des Senckenberg-Instituts für Chronomedizin in Frankfurt am Main.

Mit der Zeitumstellung kommt oft Frühjahrsmüdigkeit

Und genau dort sitzt die Steuerung für das vegetative Nervensystem. Der Hypothalamus ist damit unter anderem mit für den Blutdruck, die Nahrungsaufnahme und für den Schlaf zuständig. Genau das macht so vielen Menschen zu schaffen. Denn mit der Zeitumstellung kommt oft auch die Frühjahrsmüdigkeit.

Dagegen hilft ein wenig Natur-Doping für das Herz-Kreislauf-System: „Da gehören der Frühsport wie Kniebeugen dazu, aber auch Wechselduschen oder eine Bürstenmassage“, sagt Hans-Günter Weeß vom interdisziplinären Schlafzentrum am Pfalzklinikum in Klingenmünster in Rheinland-Pfalz.

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Auch der berühmte Londoner Uhrturm Big Ben muss Sonntagnacht die Zeiger nach vorne rasen lassen. Der Durchmesser der vier Zifferblätter beträgt je sieben Meter. Die Minutenzeiger haben eine Länge von 4,3 Metern, die Stundenzeiger messen 2,74 Meter. 

Foto: dpa/Geoff Caddick

Abhilfe gegen den Jetlag kann auch ein sogenannter Lichtwecker schaffen. „Der Wecker macht sonnenlichtähnliches Licht im Zimmer. Darauf reagiert unser Auge, die Produktion des Hormons Melatonin wird unterdrückt“, erklärt Schlafforscher Weeß. „Davon werden wir rascher wach und gewöhnen uns schneller an den neuen Schlaf-wach-Rhythmus." Von anderen Mitteln rät er dagegen ab: „Kein Suchtgift, kein Koffein in gesteigerter Form.“ Das stimuliere zwar kurzfristig. „Aber wenn die Dosis höher als üblich ausfällt, kommt danach ein Tief.“

Russland macht ganzjährig auf Sommer

Wir verlassen am letzten Samstag im März zwar die Winterzeit, wie sie umgangssprachlich genannt wird. Offiziell heißt diese Winterzeit allerdings Normalzeit, im englischsprachigen Raum Standard Time. Und es gibt ein großes weites Land, welches im Jahre 2011 beschlossen hat, sich von dieser Standard Time sogar ganzjährig abzuwenden: In Russland herrscht seit dem 27. März 2011 ewig Sommerzeit. 

Aber so richtig wohl fühlen sich viele Russen mit diesem ewigen vorgeschobenen Sommer nicht. Es gibt mannigfaltige Stimmen, die wieder zurück zur Normalzeit wollen. Vorerst jedoch vergeblich. Und so durfte die Welt im Februar die Olympischen Winterspiele in Sotschi in der Sommerzeit verfolgen. Was im Lichte der Kuriosität betrachtet nur konsequent war: Schließlich waren die Spiele in Sotschi die Ersten in einer Subtropenzone am Schwarzen Meer.

Deutsches Reich begann mit Sommerzeit

Vorreiter für die Unsitte, die Menschen aus dem gewohnten Tritt der Normalzeit zu bringen, war das Deutsche Reich, das erstmals am 30. April 1916, somit mitten im Ersten Weltkrieg, die Uhren vordrehte. Natürlich dicht gefolgt vom treuen Österreich-Ungarn, dem sich dann auch noch das Vereinigte Königreich von Großbritannien und Irland anschlossen. Die damals im Englischen für diese künstliche Zeit gebräuchliche Bezeichnung lautete Daylight Saving Time, also Tageslicht sparende Zeit. Genau darum ging es: Die Zeitspanne des nutzbaren Tageslichts zu vergrößern.

Doch schon drei Jahre später schaffte man die Sommerzeit wieder ab, um sie in den ersten Jahren des Zweiten Weltkrieges wieder einzuführen. Von 1950 bis 1979 gab es in Deutschland keine Sommerzeit mehr. Seit 1980 wird hierzulande wieder zweimal im Jahr die Zeit verschoben. Seit 2001 geschieht dieses gleichgeschaltet in der gesamten Europäischen Union.

Viele Länder stellen Uhr nicht um

Es gibt viele Länder, die sich diesen Stress mit der Umstellung auf eine wie auch immer geartete Sommerzeit schlicht ersparen. Alphabetisch kann man beginnen bei Ägypten und Äthiopien, streift die Volksrepublik China und Indien, besucht kurz Japan und den Jemen, steigt hoch nach Nepal auf das Dach der Welt, kommt in Peru vorbei, um sich nach einer Stippvisite in Ruanda, Thailand und Uganda in der Zentralafrikanischen Republik wieder zu finden.

Danach kommt im Alphabet der Staaten dieser Welt nur noch Zypern und dort gilt natürlich wieder die Mitteleuropäische Sommerzeit. Übrigens auch in der Türkischen Republik Nordzyperns. Selbst eine Flucht nach Nikosia, der Hauptstadt dieses von der internationalen Staatengemeinschaft nicht anerkannten Konstrukts einer Republik, hilft also nicht, der Sommerzeit zu entkommen.

Physikalisch Technische Bundesanstalt sorgt für richtigen Zeittakt

Herrscher über die Zeit und deren Verbreitung ist die Physikalisch Technische Bundesanstalt (PTB) in Braunschweig. Die Verbreitung der jeweils richtigen Uhrzeit gehört zu den gesetzlichen Aufgaben dieser im Jahre 1887 auf Initiative von Werner von Siemens und Herman von Helmholtz gegründeten Physikalisch-Technischen Reichsanstalt.

Die PTB verbreitet die gesetzliche Zeit über den Langwellensender DCF77 der Media Broadcast GmbH als Steuersignal für die allermeisten Uhren im öffentlichen Raum und in der Industrie – aber auch für all die privaten Funkuhren. In einem sehr weiten Bereich von 2000 Kilometern rund um den Standort des Senders in Mainflingen bei Frankfurt können dessen kodierten Signale 24 Stunden am Tag empfangen werden. 

Das Langwellensignal hat einen entscheidenden Vorteil gegenüber den alternativen Zeitübertragungsverfahren mit Satelliten: Es dringt in Gebäude ein und der Empfang wird durch Hindernisse wie Bäume oder Hochhäuser nicht nennenswert beeinträchtigt. Die langen Wellen lassen sich ohne Außenantenne mit in Funkuhren eingebauten kleinen Ferritantennen empfangen. Selbst kompakte, mit Batterie oder Solarzelle betriebene Funkuhren ohne Kabelanschluss können das starke Langwellensignal empfangen. 

Das Steuersignal wird dabei nicht - wie oft angenommen - von Braunschweig aus über Leitungen zur Sendefunkstelle übertragen, sondern es wird in Mainflingen mit einer eigenen Steuereinrichtung direkt erzeugt. Die Steuereinrichtung ist in einem gegen hochfrequente Störungen abgeschirmten Raum der Sendefunkstelle untergebracht und wird von Braunschweig aus überwacht. Die Stände der Sekundenmarken werden dabei permanent mit den durch die primären Atomuhren der PTB vorgegebenen Sollwerten verglichen. Ergeben sich dabei Abweichungen, werden die notwendigen Korrekturen unverzüglich und automatisch vorgenommen. 

Am 26. Oktober ist dann wieder Normalzeit angesagt

Denn in der heutigen hektischen Zeit kommt es nun wirklich auf jede Sekunde an. Nur zweimal im Jahr gibt Deutschland sich lässig im Umgang mit der Zeit. Jetzt, am Sonntag verschwindet gleich eine ganze Stunde, um uns müde in die Sommerzeit zu entlassen. Und in der Nacht auf den 26. Oktober taucht diese verschwundene Stunde einfach wieder auf, indem – gesteuert von der PTB – alle Uhren zwischen zwei und drei Uhr angehalten werden. Dann ist wieder Normalzeit in Deutschland. Und abends ist es plötzlich wieder ziemlich früh dunkel.

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Von Detlef Stoller
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