20.10.2014, 12:51 Uhr | 0 |

Großes Kamera-, Sonden- und Satellitenaufgebot Komet Siding Spring raste dicht am Mars vorbei

Nur knapp ist der Komet Siding Spring am Sonntagabend am Mars vorbeigerauscht. Dieses buchstäbliche Geschenk des Himmels wollte sich die versammelte Wissenschaft nicht entgehen lassen: Mindestens 16 Sonden, Rover, Satelliten und Teleskope sperrten Spektrometer und Linsen weit auf. Ganz ungefährlich war der Einsatz nicht: Deshalb war im Moment des Vorbeiflugs Verstecken angesagt.

Komet Siding Spring streift den Mars
Á

Die künstlerische Darstellung zeigt den Kometen Siding Spring, der am 19. Oktober 2014 in knapp 140.000 Kilometern Entfernung am Mars vorbeiraste. Die US-Raumfahrtbehörde NASA beobachtete das astronomische Ereignis mit mehr als einem Dutzend verschiedener Raumsonden, Teleskope und Marsfahrzeuge.

Foto: NASA/dpa

Ein Auflauf wie bei einer Filmpremiere: mengenweise Kameras im Anschlag, und das Objekt der Begierde rauscht schneller vorbei als man gucken kann. Allerdings ist der Star in diesem Fall ein echter Himmelskörper, und an die Stelle des roten Teppichs tritt der Rote Planet: Die Rede ist vom Vorbeiflug des Kometen Siding Spring am Mars.

Das Kamera-, Sonden- und Satellitenaufgebot war tatsächlich beeindruckend. Sämtliche Gerätschaft, die derzeit auf und um den Mars unterwegs ist, wurde für den spektakulären Vorbeiflug auf den mit über 200.000 Kilometern pro Stunde vorbeirasenden kosmischen Brocken gerichtet. Kein Wunder: So nahe kommen Kometen Planeten extrem selten – leider und zum Glück gleichermaßen.

Gerade mal 139.500 Kilometer Abstand

Am nächsten war der Besucher mit einem Durchmesser von rund 1,5 Kilometern dem Mars am Sonntagabend gegen 20.27 Uhr mitteleuropäischer Zeit: Gerade mal 139.500 Kilometer lagen nach NASA-Berechnungen zwischen den Himmelskörpern – etwa ein Drittel der Distanz zwischen Mond und Erde und nach kosmischen Maßstäben quasi gar nichts: Der nächstnähere gemessene Vorbeiflug eines Kometen an einem Planeten hatte einen rund zehnmal so großen Abstand.

 

Entsprechend neugierig war die versammelte Wissenschaft auf den himmlischen Besucher mit der offiziellen Bezeichnung C/2013 A1, der im Januar 2013 von Robert H. McNaught am Observatorium Siding Spring in Australien entdeckt worden ist – daher auch der Name des Kometen. Alles, was verfüg- und steuerbar war, war an der Beobachtung und den Analysen beteiligt: Die Marsrover Curiosity und Opportunity, das Weltraumteleskop Hubble, die US-Raumsonden Maven, Mars Reconnaissance Orbiter und Mars Odyssey, die ESA-Sonde Mars Express mit dem Teilchendetektor Aspera-3 aus Deutschland und ein paar mehr: Allein NASA und ESA kamen auf mindestens 16 einzelne Einheiten.

Entdeckung ist „Geschenk für die Wissenschaft“

Kein Wunder: So eine Begegnung ist extrem selten und verspricht jede Menge wissenschaftliche Erkenntnisse. Als ein „Geschenk für die Wissenschaft“ bezeichnete NASA-Astronaut John Grunsfeld die Entdeckung daher bereits. Vor allem die Zusammensetzung des Kometen und die Auswirkungen der von ihm hinterlassenen Teilchen auf die Mars-Atmosphäre interessieren die Wissenschaftler. Daher soll die NASA-Sonde Mars Reconnaissance Orbiter unter anderem mit ihrem Neutronenspektrometer Gas- und Staubproben von der Atmosphäre des Roten Planeten nehmen und untersuchen.

Vorab-Bilder, aufgenommen von Hubble, zeigen einen langen Schweif, den der Komet hinter sich herzieht. Laut NASA besteht er aus Talkumpuder-artiger Konsistenz: rund 20.000 Kilometer lang, gespeist von Fontänen aus Staub und Gas, die aus dem Kometen schießen. Dieser Schweif weckte Begehrlichkeiten.

Teilchendetektor soll Proben der Schweif-Partikel nehmen

Der Komet ist über 4,5 Milliarden Jahre alt und stammt aus der Oortschen Wolke am äußeren Rand des Sonnensystems, die als seit der Entstehung des Planetensystems nahezu unverändert gilt. Daher erhoffen sich die Wissenschaftler weitreichende Rückschlüsse auf die damals existierenden Stoffe. Vor allem die ESA-Sonde Mars-Express sollte daher ihre Nase oder vielmehr ihren Teilchendetektor Aspera-3 in die Partikelwolke stecken, die der Komet hinterlassen hat, und möglichst einzelne Atome und Ionen einfangen.

Gleichzeitig bargen genau diese Partikel aber auch hohe Risiken für die Gerätschaften auf und am Mars, die nicht nur teuer, sondern auch einzigartig sind: Schließlich rast nicht nur der Komet selbst mit gut 200.000 Kilometern pro Stunde durchs All, auch die Teilchen in seinem Schlepptau erreichen eine irrwitzige Geschwindigkeit und stellten somit eine ernstzunehmende Bedrohung für die Instrumente dar.

Sonden gingen in Deckung

Die NASA hatte daher eine einfache Taktik entwickelt, kurz umschrieben mit „Duck and Cover“ – ducken und schützen – im Moment des Vorbeiflugs. Etwas ausführlicher: Die Raumsonden und Satelliten machten ihre Beobachtungen, gingen während der ganz heißen Phase auf der abgewandten Seite des Mars in Deckung und setzten ihre wissenschaftliche Arbeit fort, sobald die größte Gefahr gebannt war. Den Marsrovern dagegen habe keine besondere Gefahr gedroht, da sie  durch die Mars-Atmosphäre geschützt gewesen seien, so die NASA.

Erste Daten und Bilder, aufgenommen mit dem Thermal Emission Imaging System (THEMIS), hat die Sonde Mars Reconnaissance Orbiter bereits kurz nach dem Vorbeiflug zur Erde geschickt. Diese lassen die beteiligten Wissenschaftler aufatmen: Das Gerät ist schon mal unbeschädigt, ebenso die anderen beiden NASA-Sonden, von denen es auch schon Rückmeldung gab. Das hätte auch durchaus anders kommen können: Kurz nach Entdeckung des Kometen war ein Einschlag des Kometen auf dem Mars noch für möglich gehalten worden. Das hätte deutlich heftigere Auswirkungen gehabt. 

Anzeige
Von Judith Bexten
Zur StartseiteZur Startseite
schlagworte: 
kommentare

Aktuell wurden noch keine Kommentare zu diesem Artikel abgegeben. Loggen Sie ich ein oder melden Sie sich neu an, wenn Sie noch keine Zugangsdaten haben
> Zum Login     > Neu anmelden