07.08.2014, 09:54 Uhr | 0 |

Reisebericht eines Roboters Kleiner Kerl auf großer Tour: hitchBOTs erste Stationen

Seit zehn Tagen ist der trampende Roboter hitchBOT auf seiner Reise durch Kanada. Auf seinen ersten Stationen hat „Hitchie“ schon eine Menge erlebt und viele Freunde gefunden. Das soziale Experiment scheint also zu funktionieren. 

HitchBOT findet überall in Kanada neue Freunde
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HitchBOT findet überall in Kanada neue Freunde: Um seine Sicherheit muss er nicht fürchten, ist seine Mutter Frauke Zeller überzeugt. Kanadier seien hilfsbereit und freundlich. 

Foto: hitchBOT

Québec und Montreal liegen schon hinter hitchBOT, ebenso Toronto: Der kleine Tramp-Roboter hat in den ersten zehn Tagen seiner Reise schon ganz schön Strecke gemacht. Inzwischen ist er auf seiner Tour vom äußersten Osten Kanadas in den äußersten Westen, bei der er allein auf die Freundlichkeit der Autofahrer angewiesen ist, im Bundesstaat Ontario angekommen.

Die Tour ist natürlich kein reiner Transport – vielmehr ist sie als soziales Experiment angelegt, bei dem seine Erfinder Frauke Zeller von der Ryerson University Toronto, David Harris Smith von der McMaster-Universität in Hamilton, Ontario, und ihr Team der Frage nachgehen, ob Roboter den Menschen vertrauen können.

hitchBot hat sich den Daumen eingeklemmt

Bisher sieht es so aus, als könnten sie es: Auf seiner bisherigen Reise hat der trampende Pionier schon eine ganze Menge erlebt und viele Freunde gewonnen – real und virtuell. Nach seiner ersten Fahrt im Auto eines reizenden Pärchens, wie hitchBOT seine erste Mitfahrgelegenheit aufgeregt beschreibt, folgten Fahrten in Familienautos, Wohnwagen, Stops an Freizeitparks und Aussichtsstellen, Erfahrungen mit mitreisenden Hunden und anderen Haustieren und jede Menge interessante Gespräche. Er hat schon gezeltet, in Gästehäusern übernachtet und das für ihn eigentlich überflüssige Sitzen auf einer Toilette ausprobiert.

Kleinere Verletzungen gab es leider auch schon: So hat er sich einmal den Gummihandschuhdaumen in einer Tür eingeklemmt – der Schaden ist aber inzwischen behoben. Schließlich war er sogar Ehrengast bei einem Powwow, einem Indianertreffen in Wikwemikong, und bekam auch gleich einen neuen Namen: Biiaabkookwe – eiserne Frau – wurde er dort vom Stamm der Anishinaabe genannt.

Seine Erfahrungen teilt hitchBOT natürlich mit seinen Followern auf Facebook, Twitter und Instagram sowie seiner eigenen Website, wo täglich mehr Menschen aus aller Welt gespannt auf die Berichte seiner Abenteuer warten. Allein auf Facebook hat er schon über 30.000 Likes – die Menschen hinter diesen Profilen fiebern bei der Reise mit und freuen sich über die Bilder von der Reise des kleinen Gesellen, die da immer wieder in ihrer Timeline auftauchen.

Charme und Freundlichkeit als hitchBOTs Wegbereiter

Aber wie schafft es ein kleiner Roboter, der aussieht wie aus einem wahllosen Einkauf im nächsten Supermarkt gebastelt, die Herzen der Menschen so zu erobern – egal, ob online oder bei realen Begegnungen am Straßenrand? Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus allem. hitchBOT wurde von seinen Forschereltern mit der Fähigkeit ausgestattet, mit seinen Fahrern und anderen Bekanntschaften zu interagieren – zwar vergleichsweise rudimentär und mit auf Wikipedia basierendem Wissen. Dies aber charmant und vor allem höflich.

Das hilft dem kleinen Kerl, wenn er von seinen Abenteuern per Wort und Bild im Internet berichten will, mit dem er per Wifi und Mobilfunk verbunden ist. Dafür fragt er jeweils um Erlaubnis, so dass niemand Angst haben muss, dass sein Fahrgast Geheimnisse verrät.

Das selbstständige Posten, das immer ein wenig entzückt und aufgeregt wirkt, ist ein weiterer Grund für hitchBOTs stetig wachsenden internationalen Freundeskreis. Wer von seinen Followern hat schon Zeit, selbst den Daumen herauszuhalten, um Kanada von Osten nach Westen zu durchqueren und so viele nette Bekanntschaften zu machen?

Ein kleiner Ersatz sind die vielen Bilder und Reiseberichte, die hitchBOT großzügig teilt. Dass das charmante LED-Lächeln des kleinen Roboters selbst auch auf Bildern zu sehen ist, liegt daran, dass auch seine Gastgeber fröhlich mitfotografieren und so zur Bekanntheit ihres Fahrgastes, ihres Landes und der Freundlichkeit der Kanadier beitragen.

Hobbys: Reiten, Backen, Quiz-Spiele – und Musik von Kraftwerk

Der kleine Anhalter macht es den Menschen aber auch leicht, ihn als Individuum wahrzunehmen, schließlich bringt er eine eigene Persönlichkeit mit. Dazu gehört eine große Familie, wie er seine Entwickler nennt, eine Selbstbeschreibung auf Facebook als „Kanadischer Roboter, der sich einfach das Land ansehen möchte“ und Hobbys – darunter Reiten, Backen und Quizspiele. Sogar einen Lieblingsfilm hat er: Wall-E.

Natürlich hört er gern elektronische Musik – aber nicht den modernen Kram, eher Klassiker wie Kraftwerk und Blue Man Group. Bevorzugter Lesestoff: Philosophie und Astrophysik – ein Freigeist eben. Der reisende Roboter ist aber so höflich, nicht nur über sich zu erzählen, sondern auch seine Fahrer und deren Familie nach Lieblingsbüchern, - filmen und anderem zu fragen, so dass sich schnell Gespräche entwickeln.

hitchBOT appelliert an den Nationalstolz der Kanadier

Ein weiterer Grund, dass die Menschen offen auf den kleinen Anhalter reagieren, könnte an der Vorbereitung liegen, die die Forscherfamilie investiert hat – durch Medienberichte in der Heimat war der Roboter schon bekannt, bevor es überhaupt los ging, und manch ein Autofahrer hat extra die Augen aufgehalten. Außerdem, so ist sich seine Mutter Frauke Zeller sicher, ist Kanada das ideale Pflaster für ein solches Experiment. Es appelliere an den Nationalstolz, erklärt sie in einem deutschsprachigen Radiointerview mit dem Mitteldeutschen Rundfunk: Kanadier sehen sich selbst als hilfsbereit und freundlich. „Das Experiment muss funktionieren – wenn, dann in Kanada!“, sei die Meinung vieler.

Wie Menschen mit Robotern umgehen, liege tatsächlich an der Mentalität und Kultur des jeweiligen Landes, glaubt Zeller. Sie sei gespannt, wie der Tramp-Roboter in anderen Ländern aufgenommen werde. In Deutschland könnte es auch klappen, vermutet sie – wenn hitchBOT nur Deutsch könnte. Das aber schafft seine Software noch nicht. Einladungen gibt es auf jeden Fall schon eine Menge – aus Deutschland und von anderen begeisterten Menschen aus der ganzen Welt.

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Von Judith Bexten
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