09.07.2013, 07:00 Uhr | 0 |

Tresor geknackt Kakadus beweisen technische Intelligenz

Eine verführerische Nuss hinter der transparenten Türe eines Tresors, die nur dann aufgeht, wenn alle fünf verschiedenen Schlösser in der richtigen Reihenfolge geöffnet werden: Für indonesische Goffini-Kakadus ist das kein großes Problem.

Experiment: Kakadu versucht verschlossene Box zu öffnen.
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Clever: Mit körperlichen Einsatz auf dem Weg zur Nuss.

Foto: Universität Wien/Alice Auersperg

Wer aktuell gerade mit der Planung eines Bankraubes beschäftigt ist, sollte sich mit dem klugen Pippin zusammensetzen, um an den begehrten Inhalt des Tresors zu gelangen. Pippin knackt mühelos einen fünffach gesicherten Safe. Und das nicht nur einmal, sondern in Serie. Keine zwei Stunden brauchte der kluge indonesische Goffini-Kakadu in einem Tierexperiment an der Universität Wien, um an die Nuss zu kommen, die ihn durch die verglaste Tresortüre anlachte.

Und das war nicht ganz trivial und die Reihenfolge musste auch noch exakt stimmen. Zuerst musste Pippin einen Pin am oberen Ring packen und nach oben ziehen. Dann galt es, eine Schraube aufzudrehen. Dazu musste der kluge weiße Vogel 25- bis 30-mal mit dem Fuß oder den Schnabel die Schraube in die richtige Richtung drehen. Danach musste der Kakadu den Schnabel unter einen Bolzen stecken und ihn durch einen Befestigungsring drücken. Im Anschluss musste Pippin ein Rad um 90 Grad drehen und es dann auf seinen Körper zu durch einen T-Balken ziehen. Als krönenden Abschluss galt es , einen Riegel durch eine Schlaufe zu drücken.

Kakadu Pippin löste die Aufgabe ohne jede fremde Hilfe

Nur wenn alle diese Schritte in der richtigen Reihenfolge hintereinander erfolgten, öffnete sich die Tresortüre und es gab für Pippin die Nuss als Belohnung. Besonders bemerkenswert an diesem Experiment: Pippin löste dieses Problem als untrainierter Kakadu vollkommen selbstständig – ohne jede fremde Hilfe und in weniger als zwei Stunden. Fünf Kollegen Pippins konnten den Tresor ebenfalls öffnen. Allerdings nicht so souverän wie der Ober-Tresorknacker Pippin. Die Kollegen mussten zunächst jedes Schloss einzeln nacheinander öffnen oder einem anderen Kakadu beim Öffnen des Tresors in der richtigen Schloss-Reihenfolge zugesehen haben, um den Tresor dann erfolgreich selbst öffnen zu können.

„Außer im Fall von Werkzeugsets bei Schimpansen gab es bisher keine Berichte von Tieren, die so wie Pippin ohne Vorerfahrung ein fünfteiliges Problem lösen können, das bei jedem Schritt unterschiedliche Handlungen erfordert“, sagt Studienleiterin Alice Auersperg vom Department für Kognitionsbiologie der Universität Wien. Die Kakadus merkten sich ihren jeweiligen Fortschritt: Einmal geknackt, immer geknackt. Das jedenfalls galt für die Mehrheit der Vögel. Alice Auersperg schließt daraus, dies die Kakadus eine gewisse Vorstellung ihres Ziels haben, das heißt, dass sie das Verkürzen der Kette an Hindernissen an sich schon als belohnend empfinden.

Vögel arbeiten nicht nur eine gelernte Verhaltensreihe ab

Im zweiten Schritt der Studie, deren Ergebnisse jetzt aktuell im Fachjournal „Plos One“ veröffentlicht worden sind, untersuchten die Wissenschaftler um Alice Auersperg, ob die Vögel einfach eine unflexible Reihe von gelerntem Verhalten durchlaufen, oder ob sie den Effekt, den die Schlösser auf die Erreichbarkeit des Futters haben, verstehen. Dazu änderten die Forscher die Sequenz der Schlösser in einem sogenannten „Transfer-Test“. „Wir haben die sechs erfolgreichen Vögel vor sogenannte ‚Transfer Tests‘ gestellt, in denen Teile der Sequenz unfunktionell gemacht wurden. Zum Beispiel haben wir einzelne Schlösser innerhalb der Struktur entfernt, um zu sehen, ob die Vögel den jetzt ineffektiv gewordenen Teil oberhalb der Lücke auslassen würden. Die Kakadus reagierten spontan sowohl flexibel als auch sensibel auf Änderungen in der Sequenz und Funktion der Schlösser. Sie ließen die meisten irrelevanten Teile aus, sogar wenn die gesamte Konstellation der Schlösser durchgemischt wurde“, erklärt Alice Auersperg.

Figaro bastelte sich Werkzeug zum Angeln einer Nuss

Offenbar helfen den Goffini-Kakadus ihre große Neugierde und ihr ausgeprägter Spieltrieb. Schon im vergangenen Herbst machte die Kognitionsbiologin Auersperg mit einem ihrer Schützlinge bemerkenswerte Experimente. Sie konnte zeigen, dass Kakadus sich Werkzeug selber herstellen, um zum Beispiel an eine Nuss zu kommen. "Wir konnten filmen, wie der Kakadu 'Figaro' seinen kräftigen Schnabel geschickt einsetzte, um längliche Splitter aus einem Holzbalken zu beißen oder aus einem verzweigten Ast Stöckchen zurecht zu brechen, um damit eine Nuss zu holen, die außerhalb seiner Reichweite lag", berichtet Alice Auersperg, Leiterin der Studie. Ihre Forschungsergebnisse sind ein Teil des Puzzles in der Entwicklung von Intelligenz. "Lange Zeit schrieb man solche Talente nur unseren nächsten Verwandten, den Menschenaffen, zu. Inzwischen gibt es auch Beispiele von Werkzeuggebrauch bei Kapuzineraffen, Krähenvögeln und sogar einigen Wirbellosen", so Auersperg.

Vor allem überraschte die Forscher, dass Figaro, nachdem er einmal ein Werkzeug gebaut und erfolgreich die Nuss damit geangelt hat, sich in späteren ähnlichen Experimenten sofort daran machte, ein Werkzeug herzustellen. Vergebliches Bemühen nur mit dem Schnabel ließ der kluge Kakadu fortan bleiben. Im Experiment mit dem fünffach gesicherten Tresor ist das Verhalten der Vögel ganz ähnlich. Sie merken sich die erfolgreichen Strategien.

„Wir können natürlich nicht beweisen, dass die Vögel die physikalische Struktur des Problems auf einer Ebene verstehen, wie es erwachsene Menschen tun würden – wir schließen aber daraus, dass sie fähig sind, ihr Lernen auf ein entferntes Ziel zu organisieren“, sagt der Co-Autor der Studie, Alex Kacelnik von der Universität Oxford. Auguste von Bayern vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen ergänzt: „Die plötzliche und fehlerfreie Verbesserung der Vögel deutet auf eine extrem ausgeprägte Verhaltensplastizität und praktisches Erinnerungsvermögen hin. Kakadus erforschen ihre Umwelt mit Schnabel, Zunge und Füssen. Wir glauben, dass gewisse Eigenschaften ihrer Spezies, wie ihre starke Neugierde, dabei von Vorteil sind.“

Warten können ist gut für die Entwicklung

In den 1970er Jahren sorgte der Persönlichkeitspsychologe Walter Mischel mit seinem Stanford Marshmallow Test für Aufsehen. Vier Jahre alte Kinder aus der Vorschule des Stanford Campus wurden begehrte Objekte, Marshmallows, Kekse oder auch Salzgebäck gezeigt. Der Versuchsleiter erklärte dem jeweiligen Kind, dass er für einige Zeit den Raum verlassen würde. Das Kind könne ihn aber durch Klingeln einer Glocke zurückholen, um den Marshmallow zu erhalten. Warte das Kind jedoch ab, bis der Versuchsleiter von selbst zurückkehre, bekäme es gleich zwei Marshmallows. Nachbeobachtungen zeigten, dass die Kinder, die das Warten wählten mehr Erfolg im Erwachsenenleben hatten, als jene, die den Marshmallow sofort aßen.

Die Kognitionsforschung weiß, dass die Fähigkeit, auf eine verspätete Belohnung warten zu können, eine höchst anspruchsvolle kognitive Leistung ist. Die Goffini-Kakadus aus Wien haben in einem dem Marshmallow-Test ähnlichen Experiment bewiesen, dass sie warten können, wenn sich dies lohnt. Sie bekamen ein Stück Futter angeboten, dass sie in den Schnabel nehmen sollten. Sie hatten die Gelegenheit, dieses Futter nach einem länger werdenden Zeitintervall direkt in die Hand des Experimentators zurückzugeben, um dann ein besseres Futter zu bekommen. Die Tiere bekamen als erstes Futter Pekannüsse, die die Tiere sehr gerne mögen. In dem Experiment warteten aber alle 14 Vögel bis zu 80 Sekunden, um dadurch das noch bessere Futter, etwa Cashewnüsse, zu bekommen.

„Goffinis handelten wie Wirtschaftsagenten“

Alice Auersperg, Leiterin des Goffin Lab am Department für Kognitionsbiologie der Universität Wien, sagt: "Die Goffinis handelten erstaunlicherweise wie Wirtschaftsagenten und entschieden sich sorgfältig und flexibel zwischen sofortigen und zukünftigen Gewinnen. Wesentlicher Faktor war dabei nicht nur die Länge der Wartezeit, sondern auch die Wertdifferenz zwischen dem 'Zahlungsmittel' und den zu erwerbenden 'Gütern': Sie tolerierten längere Wartezeiten und tauschten das erste Futter deutlich lieber gegen ihr Lieblingsfutter als gegen eines mit mittlerem Präferenzwert. In einem Kontrollversuch, in dem sie das bessere Futter zuerst bekamen, verweigerten sie den Handel."

Ein weiterer Faktor scheint Auersperg bemerkenswert: "Menschen oder Affen hatten in ähnlichen Aufgaben den Vorteil, dass sie das erste Futter in der Hand halten konnten. Die Goffinis mussten das Futter jedoch in ihrem Schnabel aufbewahren – also direkt neben ihren Geschmacksorganen. Stellen Sie sich vor, Sie würden einem Kleinkind einen Keks in den Mund legen und ihm ein Stück Schokolade dafür in Aussicht stellen – und das Kind dürfte über eine Minute nicht an dem Keks knabbern“, schmunzelt sie.

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Von Detlef Stoller
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