25.07.2013, 08:59 Uhr | 0 |

Diskussion über die Forschung In Lindau: Nobelpreisträgern ganz nah im Gespräch

Es gibt eine Währung in der Wissenschaft. Statt um Euro geht es um Anerkennung. In Lindau tauschten sich kürzlich junge Forscher wie Skander Elleuche mit gestandenen Nobelpreisträgern aus – über große Forschung und alltägliche Nöte.

Nobelpreisträger Richard Ernst in Lindau
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Bloß nicht der Streber sein: Wie in der Schule blieben auch in Lindau die vordersten Reihen leer. Der Nobelpreisträger Richard Ernst erwartete jedoch keine ehrfürchtige Bewunderung seiner Arbeit. Er sprach vom Leben außerhalb des Labors und seiner Liebe zur tibetischen Malerei.

Foto: Lindau Nobel Laureate Meetings

Wer elf Stunden mit dem Zug quer durch Deutschland fährt, um sich eine Woche lang jeden Tag ebenso lange in eine Kongresshalle zu setzen, der hat dafür einen guten Grund. Für Skander Elleuche war das die Lindauer Nobelpreisträgertagung, auf der er 35 Nobelpreisträger und 624 Kollegen kennenlernen durfte. Er wurde von seinem Arbeitgeber, der TU Hamburg-Harburg, als Teilnehmer vorgeschlagen und über den VDI nominiert. Obwohl die Veranstaltung der Chemie gewidmet war, verbuchte der promovierte Biologe seine Dienstreise als vollen Erfolg: "Viele der Themen sind mir näher als so manchem Chemiker."

Nobelpreisträger mit Stadtplan auf der Suche

Denn die geladenen Nobelpreisträger sprachen nicht nur über den Teil ihrer Forschung, der ihnen einst den begehrtesten Preis der Wissenschaft einbrachte. Sie referierten und diskutierten auch über die Notwendigkeit, eigene Forschungsergebnisse Kollegen aus aller Welt und der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Mit einem Stadtplan in der Hand versucht Elleuche, sich in den Gassen Lindaus zurechtzufinden, doch der Weg zum nächsten Vortrag erschließt sich ihm noch nicht. Direkt neben ihm steht ein Nobelpreisträger, gleicher Plan, gleiches Problem. Es ist diese Nähe, die das Treffen auf der 3000-Seelen-Insel Lindau ausmacht. Die großen Helden einer Fachrichtung sind plötzlich greifbar – und sie verteilen in ihren Vorträgen geradezu väterliche Ratschläge an die jungen Kollegen.

Hershko: "Macht das, wofür ihr euch begeistert"

Avram Hershko, seit neun Jahren Träger des Nobelpreises, riet dem Nachwuchs, nicht nur Daten zu sammeln, um der Karriere willen Aufsätze zu veröffentlichen. "Macht das, wofür ihr euch begeistert", rief der 75-Jährige, um leiser hinzuzufügen: "Obwohl ihr natürlich veröffentlichen müsst, um einen Job zu bekommen." Der Biochemiker spricht damit zwei entscheidende Dinge an. Zum einen geht es bei Veröffentlichungen um weit mehr als den Austausch von Wissen. Zum anderen stehen junge Wissenschaftler wie Elleuche vor einem Dilemma, das ausgezeichnete Forscher wie Hershko nur noch peripher zu interessieren hat.

Der Wissenschaft ist die Diskrepanz zwischen Veröffentlichung und Geheimhaltung inhärent. Oder anders: Manchmal scheint es rational, Publizierenswertes unter Verschluss zu halten. Dabei geht es um zutiefst menschliche Motive: Veröffentliche Artikel in anerkannten Fachzeitschriften kann sich ein Forscher auf die Vita schreiben. Sie steigern den eigenen Marktwert. Sie bringen Anerkennung.

Das funktioniert bis zu dem Punkt, an dem ein Versuch besonders erfolgreich verläuft. Skander Elleuche forscht gerade an Mikroorganismen aus Quellen, die 90° C warm und mit einem pH-Wert von zwei extrem sauer sind. Angenommen er generiert mittels Mutation enorm leistungsfähige Enzyme, die für industrielle Anwendungen von großem Interesse sein könnten, dann würde es für den 32-jährigen Forscher Sinn machen, seine Ergebnisse so lange für sich zu behalten, bis er neben einem reinen Erkenntnisgewinn den endgültigen Beweis für eine mögliche Anwendung führen kann.

Studenten stoßen in der Literatur immer wieder an "Bezahlschranken"

In Lindau erhebt sich ein junger Mann aus den Zuschauerreihen. Er ist Anfang 20 und Student. Ob es nicht an der Zeit sei, wissenschaftliche Ergebnisse für alle zugänglich zu machen, fragt er. Wenn er in der Bibliothek seiner Universität den aktuellen Stand der Forschung nachvollziehen möchte, stoße er ständig an Bezahlschranken. Allgemeines Nicken. Die Young Researchers der Lindauer Nobelpreisträgertagung sind zum Großteil so jung, dass sie sich eher über die Verfügbarkeit fremder Literatur als über die Sichtbarkeit eigener Ergebnisse den Kopf zerbrechen.

Bei der Fülle an wissenschaftlicher Literatur kann keine Bibliothek der Welt alle Zeitschriftenzugänge finanzieren. Wenn aber der Leser nicht für die Beiträge zahlen kann oder will, muss es häufig der Autor tun. "Open Access gestaltet sich schwierig", sagt Elleuche, "da es uns zwischen 1500 € und 2500 € kostet, einen Aufsatz kostenfrei zur Verfügung zu stellen." Diese Gebühren fallen in den Biowissenschaften zumindest bei den Zeitschriften an, denen trotz Open Access ein hoher Einflussfaktor zugeschrieben wird. Da die meiste Forschung in Deutschland mit Steuermitteln finanziert wird, wäre es nur logisch, würde der Staat auch die Veröffentlichung des auf seine Kosten erlangten Wissens fördern.

Zwang zu Open Source ist umstritten

Die erste Fördereinrichtung, die Wissenschaftler zur kostenfreien Veröffentlichung verpflichtete, war die britische Wellcome Trust. Die private Stiftung ist in der Biomedizin tätig. In Lindau gehen die Meinungen über den Zwang zu Open Access auseinander. Viele Nobelpreisträger befürworteten ein solches Vorgehen, es würde den Verlegern "die Macht über unsere Forschung nehmen", wie Sir Harold Kroto sagte. Der 73-jährige Chemiker, der vor 17 Jahren einen Nobelpreis erhielt, muss sich auch wahrlich keine Sorgen um Aufmerksamkeit machen.

Die Jüngeren im Saal äußerten allerdings Bedenken, ob das Web nicht überschwemmt würde mit guten und schlechten Beiträgen, mit tatsächlichen Ergebnissen und wertlosen Zufallsresultaten. "In der Wissenschaft", sagte eine junge Frau aus Kanada, "geht es schließlich nicht nur um Erfolge."

In Lindau verbuchte der junge Biologe Skander Elleuche einen ganz persönlichen Erfolg, als er Werner Arber kennenlernte. Auf den Schweizer Mikrobiologen hatte er sich schon vor der Tagung gefreut: "Weil er ebenso wie seine Kollegen Walter Gilbert und Martin Chalfie Entwicklungen vorangetrieben hat, die mir selbst beinahe täglich im Labor begegnen wie Restriktionsenzyme, DNA-Sequenzierung oder das grün fluoreszierende Protein."

Arber referierte über die Genetik und die Molekularbiologie der letzten 70 Jahre. "Das ist zwar nichts Neues", sagt Elleuche, "aber er hat es eben selbst erlebt." Für einen kurzen Moment scheint es, als blitzten die Augen des besonnenen Mannes vor Freude auf. Das ist es, wofür er hierher gefahren ist. Das sind die Informationen, die – unabhängig von jedem Bibliotheksetat – nur in Lindau erhältlich sind.

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Von Lisa Schneider | Präsentiert von VDI Logo
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