02.07.2013, 13:14 Uhr | 0 |

Minus 145 Grad Große Kälte lindert Schmerzen und hilft Hochleistungssportlern

Für schmerzgeplagte Patienten sind sie ein Segen: Kältekammern mit Temperaturen von Minus 110 Grad sorgen für ein starke Linderung der Schmerzen. Doch es geht noch kälter: Die Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim hat jetzt eine Kältekammer in Betrieb genommen, bei der die rheumageplagten Patienten bei Minus 145 Grad den Schmerz bekämpfen. Auch Fußball-Bundesligisten nutzen das Verfahren.

Prof. Lange in der Kältekammer
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Nur wenige Minuten wird der Körper in einer Kältekammer Temperaturen von bis zu Minus 145 Grad ausgesetzt. Das lindert vor allem Schmerzen bei Rheuma-Erkrankungen und erhöht die Regeneration der Muskeln. Hier testet Prof. Müller-Ladner von der Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim  das Verfahren am eigenen Leib.

Foto: Kerckhoff-Klinik

Drei Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Rheuma, rund 800 000 davon unter der häufigsten Form, der rheumatoiden Arthritis. Das Schicksal dieser Menschen: Jeder Schritt, jeder Griff schmerzt. Kältekammern haben sich in den vergangenen Jahren als wirksame Therapie entwickelt, um die Schmerzen zu lindern. Das Prinzip der Kammern: Durch die ziehen sich die Gefäße zusammen, wodurch kurzfristig Durchblutung und Stoffwechsel vermindert werden. Doch das bewirkt, dass der Körper anschließend richtig auf Touren kommt.

Die Kälte von in der Regel bis zu Minus 110 Grad Celsius, denen die Patienten zwei bis drei Minuten ausgesetzt sind, reizt Haut und Gefäße so intensiv, dass im Körper zahlreiche schmerz- und entzündungshemmende Mechanismen in Gang gesetzt werden. Ein Effekt, der auch bei chronischen Schmerzen oder Atemwegserkrankungen einsetzt.

Extreme Kälte blockiert die Schmerzrezeptoren im Gehirn

Noch 35 Grad drauf setzt jetzt die Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim in Hessen. Das Zentrum für Herz-, Thorax- und Rheumaerkrankungen hat zum 50-jährigen Jubiläum der Rheumatologie eine neue Kältekammer in Betrieb genommen, bei der die Körper der Patienten sogar kurzfristig Minus 145 Grad ausgesetzt werden. „Die kurzzeitige Kälteanwendung führt zur Hemmung der Schmerzreizung und -weiterleitung bis zum Gehirn, da die Schmerzrezeptoren durch die Kälte blockiert werden“, erläutert Prof. Dr. Uwe Lange, Direktor der Abteilung für Physikalische Medizin und Osteologie. „Gleichzeitig werden die entzündungsvermittelnden Botenstoffe – die so genannten Zytokine – vermindert, so dass es zur Hemmung der entzündlichen Prozesse zum Beispiel in den Gelenken kommt.“

Prof. Lange und sein Team haben in einer Pilotstudie die Wirksamkeit, Verträglichkeit und Akzeptanz der eiskalten Behandlung untersucht. Teilgenommen an der Pilotstudie haben 10 stationäre Patienten der Kerckhoff-Klinik mit akut entzündlichen Erkrankungen. Die Teilnehmer waren im Schnitt 48 Jahre alt und laborierten schon mehr als 5 Jahre an ihrer Krankheit herum. Die Patienten wurden behutsam an die Kälte herangeführt. In der ersten „Sitzung“ im Stehen mussten sie nur 90 Sekunden aushalten, danach wurden die Kältebehandlungen auf bis zu 2,5 Minuten erweitert.

Bis zu 12 Stunden Schmerzlinderung

Der Erfolg erstaunt: Bis zu 12 Stunden hielt die Schmerzlinderung an, die CRP-Werte – das sind Eiweiße im Blut, deren Konzentration bei entzündlichen Prozessen steigt – sind signifikant gesunken. Und die gesamten funktionellen Parameter verbesserten sich. „Während andere Kälteanwendungen wie beispielsweise Fango und Kälte lokal wirken, hat die Kältekammer positive Auswirkungen auf den ganzen Körper“, erklärt Prof. Lange.

Die Kältekammer in Bad Nauheim ist eine mobile Anlage, in der eine Person Platz findet. Die Criostream genannte Kältekammer betritt der zu behandelnde Patient in Badekleidung und Schutzkleidung für Hände und Füssen. Der ganze Körper des Patienten ist dann in der Kammer, nur der Kopf schaut oben heraus. Es besteht während der ganzen Anwendung Sicht- und Sprachkontakt zum Physiotherapeuten. Dann wird die Anlage angeschaltet und flüssiger Stickstoff kühlt die Luft in der Kammer auf die klirrende Temperatur von Minus 145 Grad Celsius herunter. Dadurch kühlt sich die Haut des Patienten auf etwa fünf Grad ab, während die Körpertemperatur konstant bleibt.

Kälte verbessert auch die Muskelleistung

Erfolgreich eingesetzt wird die Kältetemperatur bei rheumatischen Erkrankungen wie der entzündlichen rheumatoiden Arthritis. Aber auch bei den so genannten degenerativen rheumatischen Erkrankungen wie dem Gelenkverschleiß, bei chronischen Schmerzsyndromen, bei Regulationsstörungen der Muskulatur und sogar bei der Schuppenflechte wird die Kryotherapie erfolgreich angewendet. Effekte der Kälte, die schon die alten Griechen kannten. Sie behandelten Gelenkschwellungen und Verrenkungen mit Schnee vom Olymp.

Neben den therapeutischen Effekten führt die Kryotherapie auch zur Stabilisierung des Herz-Kreislauf-Systems und zur Verbesserung der Muskelleistung. „Im Leistungssport führt die Anwendung von Kälte beispielsweise dazu, dass die Muskulatur schneller wird“, erläutert Prof. Lange. Fußball-Bundesligisten wie Bayer Leverkusen und das Bundesleistungszentrum Kienbaum bei Berlin nutzen Kältekammern, um die Leistung von Sportlern zu steigern. Vor allem führt die Anwendung dazu, dass sich die Muskeln nach körperlicher Anstrengung schneller regenerieren. Außerdem werden Sportler, die vor einer Höchstleistung in die Kältekammer steigen, schneller und spritziger. Legales Doping.

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Von Detlef Stoller & Axel Mörer-Funk
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