06.06.2014, 15:47 Uhr | 0 |

Internet-Pionier Jaron Lanier Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht an einen Nerd

Der mit 25.000 Euro dotierte Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geht in diesem Jahr zum ersten Mal an einen Informatiker. Jaron Lanier, ein Internet-Pionier der ersten Stunde, warnt  beharrlich vor der Machtkonzentration von Internet-Riesen wie Google oder Facebook.

Jaron Lanier
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 Der amerikanische Informatiker, Musiker und Schriftsteller Jaron Lanier erhält in diesem Jahr den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. 

Foto: Wikipedia/Allan J. Cronin

„Den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verleiht der Börsenverein im Jahr 2014 an Jaron Lanier und ehrt mit dem amerikanischen Informatiker, Musiker und Schriftsteller einen Pionier der digitalen Welt, der erkannt hat, welche Risiken diese für die freie Lebensgestaltung eines jeden Menschen birgt“, heißt es in der Begründung des Stiftungsrats. Laniers jüngstes Werk „Wem gehört die Zukunft“ werde zu einem Appell, wachsam gegenüber Unfreiheit, Missbrauch und Überwachung zu sein.

Rockstar der aufbrechenden Computerkultur

Jaron Lanier kann getrost als Internet-Pionier bezeichnet werden. Der 54-Jährige gilt als Vater des Begriffs „Virtuelle Realität“ und entwickelte den ersten Avatar. Er propagierte bewusstseinserweiternde Reisen in den gerade erst vom Science-Fiction-Autor William Gibson erfundenen Cyberspace. Jaron Lanier, der auch heute noch lange, helle Dreadlocks trägt, war der Rockstar dieser neuen aufbrechenden Computerkultur der 1980-er Jahre.

HANDOUT - Der US-amerikanische Informatiker, Musiker, Schriftsteller und Pionier der digitalen Welt, Jaron Lanier. Foto: Insightfoto.com/dpa (zu dpa-Meldung "Jaron Lanier erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2014" vom 05.06.2014) - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung und nur bei vollständiger Nennung Insight Foto Inc. - +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Seine Erfindungen und Entwicklungen brachten Jaron Lanier bereits zwei Ehrendoktortitel ein.

Foto: dpa/Insight Foto Inc.

Als vor acht Jahren alle Welt vom Web 2.0, von der Weisheit der Vielen schwärmte, vom Internet als ausgelagertes Kollektiv-Gehirn der ganzen Menschheit, stänkerte dieser Internet-Pionier und kanzelte das als „digitalen Maoismus“ ab. Er stellte die ketzerische Frage:“ Was hält eigentlich eine Online-Masse von anonymen, aber miteinander vernetzten Menschen davon ab, sich plötzlich in einen bösartigen Mob zu verwandeln?“ Genau dies sei doch mit Massen in der Geschichte jeder menschlichen Zivilisation immer wieder passiert.

„Die Macht hat, wer über den größten Computer verfügt“

Auch zu den Forderungen der Piraten-Partei, dass alle Daten im Netz offen für alle sein müssten, wusste Lanier im Februar 2014 der „Zeit“ einige kluge Sätze zu sagen: „Das würde uns aber nicht helfen. Wir haben nämlich nur unsere Laptops, um die Daten zu nutzen. Die Banken, Google und die NSA hingegen verfügen über Computer in der Größe von Städten. Die Macht hat, wer über den größten Computer verfügt.“

„Ich hatte keine Freunde“

Lanier kam 1960 in New York auf die Welt. Seine Mutter, eine Künstlerin aus Wien, emigrierte nach ihrer Befreiung aus dem KZ in die USA. Sein Vater, ebenfalls Jude, war vor den Pogromen aus der Ukraine geflohen. Bald nach seiner Geburt zog die Familie nach El Paso. Lanier besuchte eine Schule auf der anderen Seite der mexikanischen Grenze, in Ciudad Juárez. „Schokolade essen, Bach hören und Bilder von Hieronymus Bosch ansehen: Das war für mich das Größte“, erzählte er dem „New Yorker“. „Ich hatte keine Freunde.“

Lanier lebte mit seinem Vater jahrelang in einem Zelt

Leicht hatte er es auch nicht. Als Lanier zehn Jahre alt war, starb seine Mutter bei einem Unfall. Etwas später brannte das Haus der Familie ab. Er lebte mit seinem Vater jahrelang in einem Zelt. Trotzdem startete Jaron Lanier mit 13 Jahren durch und nahm an der New Mexico State University ein Mathematikstudium auf und lernte programmieren. Dann folgte eine Blitzkarriere: Er komponierte unter anderem bei Atari Soundtracks für Videospiele und vertiefte sich in die virtuelle Realität. Als Berater der Forschungsabteilung für Microsoft, war er an der Entwicklung des millionenfach verkauften Videospielsystems Kinect beteiligt, bei dem Kameras die Bewegungen der Spieler in Maschinenbefehle übersetzen.

Für seine Erfindungen und Entwicklungen wurde er mit zwei Ehrendoktortiteln ausgezeichnet und hat 2001 den CMU’s Watson Award sowie 2009 den Lifetime Career Award der IEEE, dem weltweit größten Berufsverband für Ingenieure, erhalten.

Arbeit muss entlohnt werden

Seit einigen Jahren schert nun dieser so eng mit dem Internet verbundene Lanier aus. Er kritisiert vehement die heute vorhandene Digitalkultur mit ihren kulturellen und ökonomischen Grundlagen und wettert gegen das Geschäftsmodell von Google, Facebook und all den anderen Internet-Riesen, den Tausch von Nutzerdaten gegen kostenlose Dienste wie die Internetsuche. Für ihn verletzt dieser Deal das elementare Prinzip des Kapitalismus: Arbeit muss entlohnt werden. Auf Dauer, so Lanier, wird das zu einer immer unangefochteren Macht der „Herrscher der Cloud“ führen – und zur Verarmung der Mittelschicht. Heute, so schreibt er, leiden Musiker oder Journalisten unter dem Wertverfall ihrer Arbeit, morgen werden es Ärzte und Architekten sein.

Der erste Nerd in der Paulskirche

Dieser kluge Mahner findet sich nun plötzlich in einer humanistisch geprägten Reihe von Preisträgern mit Albert Schweitzer, Hermann Hesse, Astrid Lindgren, Jürgen Habermas und Swetlana Alexiijewitsch (2013). Und wird der erste Nerd sein, der am 12. Oktober in der Frankfurter Paulskirche geehrt wird. 

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Von Detlef Stoller
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