03.07.2013, 15:25 Uhr | 0 |

Wachstum "Der Positionskampf wird zu unserem Schicksal"

Die Fixierung auf ein immer höheres Sozialprodukt führt in den reichen Ländern nicht zu mehr Wohlstand, sagen Robert und Edward Skidelsky. Sie plädieren für ein "gutes Leben".

Robert Skidelsky
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Keynes hatte in vielem Recht. Aber bei der Arbeitszeit lag der bedeutende Ökonom deutlich daneben, meint der britische Autor Robert Skidelsky.

Foto: Robert Skidelsky

"Unsere Entdeckung von Mitteln zur Ersparung von Arbeit schreitet schneller voran als unsere Fähigkeit, neue Verwendung für die Arbeit zu finden". Diese Einsicht des englischen Ökonomen John Maynard Keynes bildet den Ausgangspunkt der Überlegungen, die Robert und Edward Skidelsky, Ökonom und Philosoph, in ihrem Buch mit dem provozierenden Titel "Wie viel ist genug?" anstellen.

Keynes ging bereits Ende der 20er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts davon aus, dass die Wirtschaft so produktiv wird, dass alle menschlichen Bedürfnisse befriedigt werden könnten, ohne dass jemand länger als drei Stunden am Tag arbeiten müsste.

Was ist aus dieser Spekulation geworden? Nach Ansicht von Skidelsky wurde Keynes teilweise bestätigt. Das Pro-Kopf-Einkommen in den Industrieländern ist um annähernd das Fünffache gestiegen und der Produktivitätszuwachs war sogar noch höher als von Keynes erwartet.

Bei der Wochenarbeitszeit von 15 Stunden lag Keynes daneben

Eine andere Voraussage ist jedoch nicht eingetroffen: Die Wochenarbeitszeit lag 2010 nicht, wie von Keynes erwartet, bei 15 Stunden, sondern tatsächlich bei knapp 40 Stunden. Heute arbeiten hoch Qualifizierte und gut Verdienende, im Unterschied zu Keynes’ Zeiten, mehr als schlecht Ausgebildete. Was sind die Gründe für diesen Irrtum? Keynes ging davon aus, dass die Menschen ab einem bestimmten Punkt genug hätten – eine Sicht, die zu seiner Zeit nicht ungewöhnlich war.

Er übersah jedoch, so die beiden Autoren, dass Menschen auch von Begierden angetrieben würden, und Begierden seien unendlich – der Menge wie der Qualität nach. Augenfällig werde dies an der Rolle des Konsums. Er diene vielfach nur dazu, mit anderen gleichzuziehen, sich von anderen abzusetzen oder schlicht zur Demonstration von Reichtum.

Dass Begierden so wirkungsmächtig werden konnten, hat nach Skidelsky auch damit zu tun, dass in der Wirtschaftspolitik seit Langem eine Maxime dominiert: Wachstum. Nachdem in der langen Prosperitätsphase nach dem Zweiten Weltkrieg in den westlichen Industrieländern Vollbeschäftigung erreicht war, wurde Wachstum zum Selbstzweck.

Aber es hatte auch eine soziale Funktion. Im Kalten Krieg waren Wachstum und Vollbeschäftigung für den Westen von zentraler Bedeutung, weil damit die Überlegenheit über die kommunistischen Länder demonstriert werden konnte. Durch Wachstum und Vollbeschäftigung wurden die Länder im Inneren befriedet, weil der "latente Klassenkonflikt um die Verteilung des Nationalprodukts" nicht befeuert wurde.

Streben nach Wohlstand ohne Beschränkungen

Mit der Fixierung auf ein immer höheres Sozialprodukt wurde Wettbewerb zum Selbstzweck, sagen Robert und Edward Skidelsky. "Der Positionskampf wird zu unserem Los und Schicksal." Grundlage für die Ökonomie wurde fortan ein "kruder Individualismus", in dem das Streben nach Wohlstand kaum noch Beschränkungen unterliege.

Zum Durchbruch verhalfen diesem Individualismus Ronald Reagan und Margaret Thatcher. Von der britischen Premierministerin ist die Aussage überliefert, dass es so etwas wie Gesellschaft gar nicht gebe. Thatcher und Reagan machten den Keynesianismus für die Krise der 70er-Jahre sowie für das schwache Wachstum mit steigender Arbeitslosigkeit und höherer Inflation verantwortlich.

Diese Krise wurde genutzt, um die Gewinne der Unternehmen wieder in die Höhe zu treiben. Die "Verpflichtung zur Vollbeschäftigung" wurde aufgegeben, die Macht der Gewerkschaften eingeschränkt, der Dienstleistungssektor wurde zulasten der Produktion ausgebaut. Doch das Wachstum hat nicht wieder das Niveau der Nachkriegsjahrzehnte erreicht.

Kritische Gedanken zum Wachstum als Selbstzweck

Robert und Edward Skidelsky lehnen Wachstum nicht ab, sie sehen jedoch ein solches Wachstum kritisch, das zum Selbstzweck geworden ist. Sie fragen, was wachsen soll und nicht nur, wozu etwas wachsen soll. In den hoch entwickelten Industrieländern sei fraglich, ob weiteres Wachstum das Leben verbessern könne, dagegen sei in armen Ländern genau das wahrscheinlich.

Auch in Deutschland soll nun Wachstum hinterfragt werden. Kürzlich hat eine Enquete-Kommission des Bundestages vorgeschlagen, das Bruttoinlandsprodukt als wichtigstem Indikator für Wachstum durch andere Kriterien zur Wohlstandsmessung zu ergänzen.

Vater und Sohn Skidelsky plädieren für ein "gutes Leben", das sich nicht in einem Mehr an Gütern erschöpft. Zu diesem guten Leben gehören Gesundheit, Respekt, Schutz der Persönlichkeit, Harmonie mit der Natur, Freundschaft, Muße. Eine Idee, die in der europäischen Antike wie in anderen Kulturkreisen eine wichtige Rolle spielt.

Wer eine Antwort auf die Frage erwartet, wie viel denn genug ist, der wird notwendigerweise enttäuscht. Denn eine solche Antwort kann es nicht geben, weil sie nicht quantifizierbar ist und weil sie je nach Lebensstandard unterschiedlich ausfallen müsste. Die Autoren jedenfalls geben eine Richtung vor: weniger arbeiten und sich weniger dem Konsumzwang aussetzen. Ein Grundeinkommen und eine andere Verteilung der Wertschöpfung sollen die Voraussetzung dafür verbessern.

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Von Hartmut Steiger | Präsentiert von VDI Logo
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