24.04.2015, 14:33 Uhr | 0 |

Aus Schiffswrack geborgen Champagner prickelt nach über 170 Jahren immer noch

Champagner hat kein Verfallsdatum: Die Verkostung dreier Flaschen, die aus einem um das Jahr 1840 in der Ostsee vor den finnischen Åland-Inseln versunkenen Schiffswrack geborgen wurden, ergab durchaus noch prickelnde Erlebnisse. Der Geschmack allerdings war gewöhnungsbedürftig.

Gekühlter Champagner
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Heutiger Champagner enthält weniger Kupfer und weniger Zucker, als die aus der Ostsee geborgenen 170 Jahre alte Tropfen – aber mehr Alkohol.

Foto: Britta Pedersen/dpa

Das ist ein vernichtendes Urteil: „tierische Noten“, „nasse Haare“, „Reduktion“ und „käsig“, so kennzeichneten Champagnerexperten bei der Verkostung den edlen Schaumwein. Dabei ist der Champagner ein besonderer Tropfen. Es handelt sich um Erzeugnisse aus den Kellereien Veuve Clicquot Ponsardin, Heidsiek und Juglar. Nur: Die Flaschen für die Verkostung der besonderen Art stammen aus einem um 1840 vor den finnischen  Åland-Inseln versunkenen Schiff. In rund 50 Meter Tiefe fanden Taucher im Juli 2010 das Wrack des Schoners.

Französisch-deutsches Forscherteam untersuchte den Champagner 

„Diese Champagnerflaschen mögen nicht die ältesten sein, die es bis in die Gegenwart geschafft haben, enthalten aber höchstwahrscheinlich den ältesten Champagner, der je gekostet wurde“, sagte Philippe Jeandet von der Universität Reims, der mit Kollegen den edlen Tropfen aus der Vergangenheit analysiert hat.

Veröffentlicht haben sie ihre Erkenntnisse jetzt in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift „Proceedings of the National Academy of Sciences“ (PNAS). Verglichen wurde der Ostsee-Champagner mit drei Tropfen aus den Jahren 1955, 1980 und 2011.

30-mal mehr Kupfer im Champagner als heute

Große Unterschiede zeigten sich beim im Champagner enthaltenen Eisen- und Kupfer. Im Ostsee-Champagner liegen die Eisenkonzentrationen bei 13 bis 118 Milligramm pro Liter, in den neueren Erzeugnissen sind es gerade einmal ein bis knapp fünf Milligramm. Ähnlich drastisch unterscheiden sich die Kupferwerte: Der Ostsee-Champagner bringt es auf 100 bis 1.400 Mikrogramm Kupfer pro Liter.

Heutiger Champagner enthält 27 oder 28 Mikrogramm Kupfer. Die Forscher erklären sich die hohen Kupferwerte vor dem Hintergrund, dass bereits im 19. Jahrhundert Kupfersulfat zum Schutz von Wein gegen Pilzbefall diente. Das Eisen könnte von Nägeln, die bei der Sulfisierung genutzt wurden, in den Wein gelangt sein.

Früher deutlich niedriger Alkoholgehalt

Einen großen Unterschied stellten die Forscher beim Alkoholgehalt fest: Der Ostsee-Champagner hat etwa 9,5 Prozent, während heutiger Champagner mit 12,3 Prozent aufwartet. Diese Differenz erklären die Forscher mit dem kühleren Klima der damaligen Zeit. „Das auffälligste Merkmal des Ostsee-Champagner aber ist sein außergewöhnlich hoher Zuckergehalt“, berichtet Jeandet.

Die Forscher fanden einen Zuckergehalt von mehr als 140 Gramm pro Liter. Ein Champagner von heute kommt auf einen Zuckergehalt von 50 Gramm. Die Wissenschaftler vermuten, dass Traubensaft durch Erhitzen zu Traubensirup mit einem Zuckergehalt von über 700 Gramm pro Liter gebracht wurde. Dieser Sirup kam dann vor dem Verschließen in die Flaschen.

Ziel des Schoners war nicht Russland

„Die Position des Schiffswracks in der Ostsee verführt dazu, anzunehmen, dass die Flaschen auf dem Weg nach Russland waren“, sagen die Forscher. Doch die Russen bevorzugten damals einen doppelt so süßen Champagner. Aus den Archiven der Kellerei Veuve Clicquot geht hervor, dass für die Russen damals sogar eine eigene Champagner-Kategorie, der Champagne á la Russe kreiert wurde.

„Nach den Angaben in den Archiven wünschte man zu jener Zeit in Deutschland und Frankreich einen Zuckergehalt von 150 Gramm pro Liter, Briten und Amerikaner bevorzugten dagegen geringere Werte von 22 bis 66 Gramm pro Liter“, berichten Jeandet und seine Forscherkollegen. Der Schoner hatte neben Champagner auch Bier an Bord. Dieses wurde vor kurzem ebenfalls wissenschaftlich unter die Lupe genommen. Inzwischen braut es eine finnische Brauerei nach dem alten Rezept nach

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Von Detlef Stoller
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