19.01.2015, 15:18 Uhr | 0 |

Vom Einzelobjekt zum System Ausstellung System Design: 100 Jahre Chaos im Alltag

Das Kölner Museum für Angewandte Kunst zeigt in einer neuen Ausstellung, wie wichtig der Systemgedanke im Design der letzten 100 Jahre geworden ist. „System Design. Über 100 Jahre Chaos im Alltag“ stellt die unterschiedlichsten Systeme vor und wie sie unseren Alltag strukturieren. Das Chaos hält sich trotzdem hartnäckig.

Regalsystem „606“ von Dieter Rams
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Regalsystem „606“ von Dieter Rams, entwickelt in den Jahren 1959/60.

Foto: Wiese-Vitsoe © MAKK / Foto: Jonas Schneider, Gabriel Richter

Was für die Einen das pure Chaos darstellt, ist für die Anderen systematisch geordnet. Ein Blick in den nächtlichen Sternenhimmel genügt, um das nachvollziehen zu können. Ob etwas zu einem System gehört oder nicht, ist also zunächst einmal eine Frage der Perspektive, des Standortes.

Dass es diese Systeme überhaupt gibt, weil wir uns ständig welche ausdenken, scheint in der Natur des Menschen zu liegen. Es ist das Bedürfnis, uns sowohl im kosmischen als auch im alltäglichen Chaos zurechtzufinden und letztlich unser Leben einfacher, planbarer und teamfähiger zu machen.

Vom Bauklötzchen zum Legostein

Das Museum für Angewandte Kunst in Köln hat sich nun in einer größeren Museumsausstellung – es ist überraschenderweise die erste, die sich dem Thema widmet – mit dem Systemgedanken im Design beschäftigt.

Was sich auf diesem Gebiet in den letzten 100 Jahren getan hat, ist auch für unsere Gesellschaft recht aufschlussreich. Sicher ist das Unikat nicht ausgestorben, aber inwieweit Systeme zunehmend unseren Alltag bestimmen und dabei vielfach immer intransparenter für uns werden, könnte uns nachdenklich machen.

Was macht überhaupt ein System aus? Die sogenannte Konturflasche, die Alexander Samuelson 1904 für Coca-Cola entworfen hat, ist jedenfalls kein System, sondern eher das Gegenteil davon. Ein unverwechselbarer Gegenstand, ein autonomes Objekt, das keinen Bezug zu anderen Objekten aufnimmt.

Anders einsetzbar sind da schon die klassischen Holzbauklötze, mit denen die unterschiedlichsten Formationen errichtet werden können. Zu einem richtig gut designten System werden sie allerdings erst dann, wenn man sie auch systematisch verbinden und so stabilisieren kann. So wie der Legostein mit seinen Noppen, der 1958 in seiner heutigen Form zum Patent angemeldet wurde und sich als erfolgreiche Designidee entpuppte.

Banale, einfache, unschlagbare Systeme: Getränkekasten und Euro-Palette

Bei den Designern wurde der Systemgedanke in den 1950er und 60er Jahren so richtig populär, aber auch schon früher wurden Systeme erdacht. Marcel Breuer entwarf in den 1920er Jahren nicht nur Beistelltische in variablen Größen, sondern gleich ein stilistisch einheitliches Büroprogramm. 1931 zeichnete Henry C. Beck den schematischen U-Bahnplan von London, der sich so oder ähnlich bis heute gehalten hat und dank dem wir uns relativ schnell in so gut wie allen Metros der Erde zurechtfinden.

Verschiedene Büro- und Regalsysteme haben es ebenfalls zum Klassiker gebracht, wie das Regalsystem „606“ von Dieter Rams (1959/60) oder das populäre System „USM Haller“ von Fritz Haller 1963. Wesentlich banaler, dafür unglaublich praktisch, wäre der stapelbare Getränkekasten als System zu nennen, den Hans Gugelot 1958 erfunden hat. Auch die Euro-Palette, 1966 von Julius Hofer entworfen und patentiert, ist Teil eines Systems und in ihrer Einfachheit unschlagbar.

Die Gefahr im Systemgedanken

Diese Reihe ließe sich fast beliebig fortsetzen. Und hier hat die Kölner Ausstellung mit über 150 Exponaten und Entwürfen von mehr als 80 namhaften Designern einiges zu bieten. Von dem 18-seitigen Design-Manual der Olympischen Spiele in München über das Gartengerätesystem der Marke Gardena bis zu den Uniformen der Flugbegleiterinnen der Deutschen Lufthansa. Da ist viel Vertrautes dabei, was uns Orientierung und Ordnung gibt.

Zugleich liegt im Systemgedanken aber auch immer eine Gefahr. Dann nämlich, wenn das System übermächtig wird und den Menschen normiert und in vorgegebene Ordnungen zwängt. So wurde aus den Büromöbelsystemen, die der Nutzer noch frei im Raum platzieren konnte, das „Action Office“, das George Nelson 1964 erfand. In dessen Nachfolge arbeitet der Büromensch in genormten würfelförmigen Cubicles in Großraumbüros ähnlich den Legebatterien.

Jedes System versucht marktbeherrschend zu sein – und vergrößert das Chaos

Inzwischen, das macht die Ausstellung deutlich, schlägt das Design-Pendel aus in Richtung Individualisierung, aber auch in Richtung Intransparenz. Die Funktionsweise eines Smartphones, das wie bei Apple Teil eines ineinander greifenden Systems an Hard- und Software darstellt, durchschauen die Wenigsten.

Während wir einerseits im Fahrwasser der Industrie 4.0 auf dem Weg sind, individuelle Einzelstücke statt genormter Massenproduktion einfach und preiswert herstellen zu können, nimmt die Zahl der komplexen Systeme ständig zu. Die Absicht ist klar: Wer es schafft, sein System am Markt durchzudrücken, beherrscht das Feld. So hat fast jeder Drucker sein eigenes Farbpatronensystem und immer noch warten wir sehnsüchtig auf ein System, in dem wir für alle unsere elektronischen Geräte nur noch ein Ladekabel brauchen.

SYSTEM DESIGN. Über 100 Jahre Chaos im Alltag

Ausstellung im Museum für Angewandte Kunst in Köln, geöffnet vom 20. Januar bis 7. Juni 2015

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Von Gudrun von Schoenebeck
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