04.06.2015, 13:00 Uhr | 0 |

Organischer 3D-Druck Ausgewachsen – Bäume gedeihen zum Möbelstück

Der britische Künstler und Designer Gavin Munro hat einen langen Atem, wenn es um die Herstellung seiner einzigartigen Möbelstücke geht. Entlang einer vorbereiteten Kunststoffform lässt er Weiden wachsen, aus denen in vier bis acht Jahren elegante und funktionale Stühle werden. Die ersten Baumstühle sollen 2017 erhältlich sein.

Hier wächst ein Stuhl heran...
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Hier wächst ein Stuhl heran...

Foto: Full Grown

Gavin Munro ist ausgebildeter Künstler und Möbeldesigner, er kennt sich mit der Aufzucht von Bäumen aus und er ist vor allem eines – äußerst geduldig. Seit rund zehn Jahren arbeitet und experimentiert der Brite mit Hölzern, um daraus Möbel herzustellen.

Allerdings ohne Säge, Leim oder Verbindungselemente, denn die Stühle von Munro wachsen aus einem Guss und brauchen während des langsamen Entstehungsprozesses Licht, Erde, Wasser und konstante Pflege. Entlang einer Kunststoffform wachsen die jungen Weidentriebe in vier bis acht Jahren zu einem Baum heran, der nicht nur aussieht wie ein Stuhl sondern auch voll funktionstüchtig ist.

Während zahlreicher Operationen an seiner Wirbelsäule lernte Munro Geduld

Munro selbst vergleicht seine Baumstühle mit einem organischen 3D-Druck, der die Ressourcen direkt aus der Natur verwendet. Angefangen habe eigentlich alles schon in seiner Kindheit, als der junge Gavin von einem Bonsai-Bäumchen, der einem Stuhl ähnelte, beeindruckt war. Und zur Geschichte gehört auch, dass Munros eigene Wirbelsäule in etlichen Operationen begradigt werden musste. Eine langwierige Prozedur, die mit eingeschränkter Bewegungsfreiheit verbunden war und bei der Munro, wie er sagt, „Geduld gelernt“ habe. Schließlich studierte er Kunst und Möbeldesign und begann aus Treibholz individuelle Möbelstücke herzustellen.

Daraus entstand die Idee, die Möbel direkt in der gewünschten Form wachsen zu lassen. Dafür werden junge Weidenzweige an der Form eines Stuhles aus recyceltem Kunststoff entlang befestigt. Während sie weiterwachsen, müssen sie an den richtigen Stellen beschnitten und aufgepfropft werden, so dass sie sich miteinander verbinden und dicker werden. Das ist gar nicht so einfach, denn die Baumschule, die Munro angelegt hat, muss strikt organisiert werden.

Aus 100 Bäumen wachsen 1000 Zweige mit 10.000 Trieben

„Ich mache zwar nur 50 Stühle pro Jahr, aber wenn man bedenkt, dass aus 100 Bäumen rund 1000 Zweige mit 10.000 Trieben wachsen, ist es eine echte Herausforderung, den Überblick zu behalten“, sagt Munro. Außerdem habe er gelernt, dass ein Baum auch „unglücklich“ sein kann, wenn seine natürliche Wuchsrichtung durch die menschliche Intervention missachtet wird. „Dann schlägt er einfach in eine andere Richtung aus oder es entsteht ein Trieb direkt neben unserem sorgfältig positionierten Pfropfen.“

Wenn aber alles zu einem „glücklichen“ Baumstuhl heranwächst, wird er noch eine Weile gepflegt, bis das Holz dick und fest ist und im Winter geerntet werden kann. Dann muss das Möbel trocknen, bevor geschliffen und poliert wird.

Munro ist der erste, der Baumstühle in größerer Zahl herstellt

Die ersten Stühle sollen 2017 fertig werden, aber Munro will für Ungeduldige bereits im kommenden Jahr Objekte wie Spiegelumrandungen und Lampenschirme anbieten, die in gleicher Weise entstanden sind. Neben der bisher verwendeten Weide sollen außerdem noch andere Baumarten wie Esche, Hasel, Apfel und Eiche hinzukommen, die dann eine unterschiedliche Maserung, Farbe oder Textur bieten.

Die Idee, Bäume direkt in Möbelform wachsen zu lassen, ist bereits Jahrtausende alt. Schon die alten Griechen und Ägypter ließen Stühle wachsen und auch in China ließ man Bäume rund um stuhlförmige Steine entstehen. Munro selbst sagt, er sehe Chris Cattle, der in den 1970er Jahren mit einem gewachsenen dreibeinigen Hocker bekannt wurde, als sein direktes Vorbild an. Im Unterschied zu seinen Vorgängern ist Munro allerdings der erste, der mit seinem Unternehmen Full Grown gewachsene Möbelstücke nicht nur im privaten Bereich sondern in großem Maßstab anbaut.

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Von Gudrun von Schoenebeck
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