„Wir haben das Licht eingeschaltet“

Frachtkosten | Die traditionell eher intransparente Preisgestaltung in der Seefracht hat ein Ende gefunden. Wie in anderen Bereichen und Branchen auch, ergreifen clevere Start-ups ihre Chance – die Digitalisierung macht es möglich. Das norwegische Unternehmen Xeneta bietet mit seiner Online-Plattform mittlerweile mehr als 23 Mio. Seefrachtkontraktdaten und Raten im Abo (Bild). Das Geschäft boomt.


Mit der Online-Plattform des Anbieters Xeneta können Versender bis zu 50 % Frachtkosten sparen.

Mit der Online-Plattform des Anbieters Xeneta können Versender bis zu 50 % Frachtkosten sparen.

Unternehmen, die ihre Waren per Seefracht versenden, stehen vor einem Berg an Fragen: Was sind die besten Transportpreise, die ich heute oder in nächster Zeit für meine Frachtrouten bezahlen werde? Wie kann ich das exakt herausfinden? Welche Faktoren beeinflussen diese Preise? Wie wird sich eine einzelne Route saisonal entwickeln? Wann ist der beste Zeitpunkt, um meine Seefrachten neu auszuschreiben? Bekomme ich auch morgen die Kapazitäten, die ich brauche? Kurz: Die Analyse von Seefrachtraten ist ein mühevolles Geschäft.
Um Antworten zu finden, sind intensive und umfangreiche Recherchen erforderlich. Doch bisher scheiterten diese zumeist daran, dass verlässliche und aktuelle Daten nicht verfügbar waren. Dennoch wurden und werden auf dieser Basis Entscheidungen getroffen und Aufträge vergeben. Dabei bleibt stets das unbehagliche Gefühl, ob man etwas übersehen hat, wie belastbar die Entscheidungen wohl sein werden und ob die gewählten Vertragslaufzeiten die richtigen waren. Und mit jeder weiteren Seefrachtroute steigt die Komplexität.
Das norwegische Unternehmen Xeneta hat sich diesen Prozess angeschaut und festgestellt, dass es eine Plattform, auf der relevante Informationen versammelt sind, bisher nicht gibt, sie aber Verladern und ebenso den Carriern und Spediteuren einen großen Nutzen bringen würde – in sowohl informativer, zeitlicher als auch finanzieller Hinsicht. 2012 gründeten Patrik Berglund und Thomas Sørbø das Unternehmen als Start-up mit dem Ziel, die fehlende Preistransparenz herzustellen. Zuerst setzten sie bei den großen Reedereien und Spediteuren an, doch die hatten nur ein geringes Interesse, ihre Raten offenzulegen. Jedoch konnten sie die Verlader überzeugen, ihre Kontraktraten zur Verfügung zu stellen. Rund 23 Mio. Frachtraten für 160 000 Handelsverbindungen sind inzwischen zusammengekommen und auch die Carrier und Spediteure haben ihre Bedenken fallengelassen. Jeden Monat kommen inzwischen etwa eine Mio. neuer Frachtraten hinzu.

Plattform für weltweite Seefrachtraten

Herausgekommen ist eine Plattform, über die man auf eine Datenbank mit Echtzeitraten und -daten zugreifen kann. Diese Datenbank erlaubt die Analyse von Seefrachtraten, die exakte Bestimmung von aktuellen Containerpreisen auf einzelnen Routen, die Prognose von Preisentwicklungen, die Auswirkung gegenwärtiger wirtschaftlicher und politischer Konstellationen auf die Ratenhöhe, den Vergleich mit dem Wettbewerb, die Auswirkungen unterschiedlicher Kontraktdauer und vieles mehr.
Das alles gelingt so überzeugend, dass Xeneta 2016 in Norwegen als Start-up des Jahres ausgezeichnet wurde und bedeutende Investoren wie Smedvig, Creandum, Point Nine Capital, Alliance Venture und Alden mit frischem Kapital eingestiegen sind. Die insgesamt 20,5 Mio. USD setzt Xeneta hauptsächlich für die räumliche Expansion ein: So gibt es inzwischen neben dem Hauptsitz in Oslo ein weiteres Büro in Boston sowie seit Ende 2016 eine Niederlassung in Hamburg. Deutschland ist der wichtigste Markt in Europa mit einem geschätzten Anteil von rund 35 bis 40 %. Das Büro wird von Timo Rapp geleitet, seit März 2017 hat er Michael Braun an seiner Seite. Braun gilt als langjähriger Seefrachtmarktexperte mit fundiertem Wissen und persönlichen Kontakten zu Hunderten von globalen Verladern. Über Industriegrenzen hinweg unterstützt er die Xeneta-Abonnenten dabei, relevante Daten zu analysieren und zu interpretieren. „Xeneta erlebt ein rasantes Wachstum und da die Dichte unserer Seefrachtdaten steigt, ist es notwendig, unsere Kunden noch besser zu unterstützen und ihnen Kenntnisse zu vermitteln, wie sie unsere Daten am effektivsten nutzen können. Michael Braun wird dazu wesentlich beitragen“, kommentierte Thomas Sørbø die Neuverpflichtung.

Versender können bis zu 50 % der Frachtkosten sparen

Zu den Kunden der Plattform zählen heute beispielsweise Kraft Heinz, Electrolux, Continental, Thyssen Krupp, Akzo Nobel und Brother International. Das Marktforschungsunternehmen Aberdeen Group hat im Juni 2016 am Beispiel von Electrolux untersucht, ob die Nutzung der Xeneta-Plattform für einen Versender Vorteile bringt. Electrolux stellt Hausgeräte her und beliefert weltweit Großhändler. Als eine der Auswirkungen der Globalisierung hat sich für Electrolux in den letzten zehn Jahren die Anzahl der Versandcontainer um das 20fache von 8 000 auf 180 000 Stück erhöht. Die Containerkosten sind entsprechend gestiegen und machen einen großen Teil der Gesamtkosten aus. Sie könnten jedoch deutlich höher sein, wenn das Unternehmen mit Xeneta nicht die Möglichkeit hätte, in Echtzeit die täglich schwankenden Containerkosten zu verifizieren, mit den Informationen zu kalkulieren und zu verhandeln sowie den Versandtermin festzulegen.
30 % der Containeranforderungen von Electrolux resultieren aus Nachfragen, die sich durch neue Produkte, Lieferantenänderungen oder Neukunden ergeben. Elektrolux muss also nicht nur auf die sich stetig ändernden Containerkosten reagieren, sondern auch auf die sich ständig verändernden Anforderungen an Produkte, Containermengen und Lieferorte. Früher hatte man dazu auf statische, wenig aktuelle Containerpreisdaten zugreifen müssen, heute kennt man die exakten und aktuellen Werte. Xeneta hat kurz- und langfristige Verträge von mehr als 60 000 Hafen-zu-Hafen-Verbindungen digitalisiert und hält diese fortwährend aktuell. Große Versender haben auf diese Weise rund 50 % der Seefrachtkosten, kleinere rund 20 % eingespart.
Auch wer seine Seefrachten über die Ausschreibungsplattform Ticontract vergeben möchte, kann auf Xeneta- Daten zurückgreifen. Xeneta kooperiert mit der Ausschreibungsplattform, indem es seine Frachtdaten aus der Xeneta-Datenbank ins Analysemodul der Ticontract-Ausschreibungsplattform integriert hat. Seitdem basieren die Seefrachtausschreibungen, die über Ticontract durchgeführt werden, auf verlässlichen Frachtdaten, wenn der Verlader es wünscht.

Wissensvermittlung als wichtiges Standbein

Aber Xeneta liefert nicht nur Daten und Fakten, sondern betreibt mit dem, auf der Website zu findenden, Blog eine intensive Wissensvermittlung. Regelmäßig werden aktuelle Themen am Markt behandelt. Etwa was man über die territorialen Streitigkeiten im südchinesischen Meer wissen muss, ob weitere Fusionen in der Seefrachtindustrie zu erwarten sind, welche Konsequenzen sie haben werden und wie man als Versender die richtigen Dienstleister findet.
Zudem erfährt man auf dem Blog, wie Fracht-Audit-Software einem Unternehmen helfen kann oder welche die besten Supply Chain Blogs sind und findet ein Glossar mit den wichtigsten Begriffen der Seefracht. Etliche Webinare, Infografiken, Whitepapers und eBooks ergänzen das Informationsangebot.
„Bevor die Xeneta-Softwareplattform gestartet wurde“, sagt Berglund, „mussten sich Verlader auf statische, veraltete Informationen verlassen, die ein paar Mal im Jahr veröffentlicht wurden, um einen Überblick darüber zu erhalten, was sie für ihre Ladungen bezahlen sollten. Wir haben das komplett geändert. Das bedeutet, dass jeder - ob Verlader, Spediteure oder Containerschifffahrtsunternehmen - nun exakt benennen kann, wie die Marktpreise sind, ob die eigenen Preise wettbewerbsfähig sind und ob man einen guten lang- oder kurzfristigen Vertrag abgeschlossen hat. In vielerlei Hinsicht haben wir das Licht in einem Markt, der zuvor undurchsichtig war, eingeschaltet. Xeneta bietet die Transparenz, nach der sich die Branche sehnt.“