Logistik 4.0 für reibungslose Abläufe

Digitalisierungsprozesse | Unter dem Stichwort Industrie 4.0 ist die Digitalisierung im vollem Gang. Auch bei den Spediteuren, die nicht länger als Schwachpunkt innerhalb der Wertschöpfungskette angesehen werden wollen. Die Spedition Rüdinger beispielsweise entwickelt sich aus dem Telefon- und Fax-Zeitalter heraus und schließt auf zu den digitalen Vorreitern.


Im baden-württembergischen Krautheim hat eine Spedition in Orange die digitale Servicewüste in Deutschland als Marktlücke entdeckt und systematisch geschlossen. In den vergangenen zwei Jahren machte Geschäftsführer Roland Rüdinger seine, 150 Lkw und 13 Lager umfassende, Spedition Logistik-4.0-tauglich. „Der klassische Transport reicht heutzutage nicht mehr aus, um wettbewerbsfähig zu bleiben“, so der 54-jährige Inhaber.
Aktuelle Herausforderung ist es, Transporte direkt ans Montageband oder in Kundenlager - die oft just in sequence getaktet sind - an die eigenen Prozesse anzupassen. „Hier muss die Logistik mithalten können, damit Industrie 4.0 nicht wirkungslos bleibt“, betont Professor Tobias Bernecker, Studiendekan an der Hochschule Heilbronn für Verkehrsbetriebswirtschaft und Logistik.
Überall lauern Fehlerquellen: Vom falschen Lagerplatz über eine Beschädigung bis zur Fehlsendung, die selbst unter kooperierenden Logistikunternehmen unvermeidbar sind. „Ohne Echtzeit-Daten taucht die Ware in schwarze Löcher ab und wird bestenfalls noch punktuell sichtbar“, gibt der Professor ein Beispiel.
Unternehmen brauchen Transparenz und wollen Komplettlösungen – idealerweise um den gesamten Globus. Rüdinger baute deshalb sein Versandspektrum auf Güter aller Branchen aus. Wobei sein Spezialgebiet seit Jahren auf Überbreiten und –längen sowie schweren Tonnagen liegt. Um etwa Flugzeugturbinen oder Baumaschinen zu transportieren, hat er spezielle Verladegeräte und -techniken, Hallen und ein digitales Vermessungssystem, das das Transportgut mit dutzenden Parametern samt Fotos erfasst. Ebenso setzt Rüdinger auf See- und Luftfracht als Services für seine Kunden. Mit diesem Komplettservice schließt der Krautheimer die Kluft zwischen international agierenden Reedereien, Luftfahrtgesellschaften und nationalen Spediteuren. Noch bis vor wenigen Jahren waren die orangefarbenen Lkw vor allem in Baden-Württemberg unterwegs. Dank dieses globalen Durchgriffs kann Rüdinger auch seine digitale Prozesskette global ausrollen.

Informationen über das Versandgut zu jedem Zeitpunkt

Denn kontinental übergreifende Transporte bergen noch höhere Risiken, weil sich die Zeitachse erheblich verlängert – ehe Fehler überprüft oder erkannt werden können. So bekommen Auftraggeber erst nach Ankunft des Schiffes im Hafen einen aktuellen Lieferstand der Ware. Fehlt Ware – oder ist beschädigt – geht das schnell ins Geld. Samt Regressforderungen, die sich im Einzelfall auf Millionenbeträge belaufen können. Deshalb bilden umfassende Informationen über Versandgut zu jedem Zeitpunkt einen wichtigen Service für Absender und Empfänger.
Die meisten Fehler passieren bei Übergaben von einem Transporteur zum nächsten. Deshalb beschäftigt Rüdinger eigene Mitarbeiter am Stuttgarter Flughafen und am Hamburger Seehafen, die direkt Frachtkapazitäten bei Lufthansa & Co. sowie Reedereien buchen. Langatmige Ausfuhrprozesse oder die Abhängigkeit von externen Warenprüfungen umgeht der Stratege dadurch, dass er auch die schulungsintensive Legitimation durch das Luftfahrt-Bundesamt (LBA) ins eigene Haus holt. Als reglementierter Beauftragter kann der Hohenloher diesen Service nun auch extern anbieten.

Viele Spediteure bieten noch veraltete Lösungen an

Als beauftragte Spedition bleibt Rüdinger auch alleiniger Ansprechpartner seiner Kunden. „Komplexe Zollformalitäten, Sicherheitsrichtlinien und die Auflage zur kontinuierlichen Schulung der eigenen Mitarbeiter sind Gründe, weshalb viele Spediteure den Aufwand scheuen und Zulieferern veraltete Lösungen anbieten“, so Rüdinger.

Für seine Lösung der Zollübernahme hat der Unternehmer weitere Vertriebsideen, um Kompetenzen zu bündeln: Firmen, die im Exportgeschäft tätig sind, haben häufig einen eigenen Zoll-Beauftragten beschäftigt. Wegen der hohen Kosten für solche Ausfuhrspezialisten hat er in der Regel aber keine Vertretung. In diese Lücke will Rüdinger treten, um Firmen aus Abhängigkeit und Verwundbarkeit zu befreien und stellt, je nach Wunsch, Vertretung oder Entlastung.

Für die Spedition Rüdinger ein wichtiger Schritt in Richtung Industrie 4.0: Der dreidimensionale Scanner „Apache“ samt Wiegefunktion und Kamera vermisst das Frachtgut automatisch auf Höhe, Länge, Breite und Gewicht.

Für die Spedition Rüdinger ein wichtiger Schritt in Richtung Industrie 4.0: Der dreidimensionale Scanner „Apache“ samt Wiegefunktion und Kamera vermisst das Frachtgut automatisch auf Höhe, Länge, Breite und Gewicht.


Weil Rüdinger mit See- und Luftfrachtkompetenz in der Wertschöpfungs- und Logistikkette um eine Position nach vorne gerückt ist, kann er nun die schnittstellenfreie Digitalisierung aller Geschäftsprozesse zu 100 % abbilden. „Damit dürften wir aktuell bundesweit ein Alleinstellungsmerkmal haben“, vermutet Rüdinger. Zwar hätten viele Mitbewerber digitale Bausteine, doch fehle dort überall noch die Durchgängigkeit. Das liegt daran, dass der Platzhirsch mit seinen 250 Mitarbeitern Spediteur geblieben ist, der zu 90 % die aufgegebenen Stückgüter und Teilladungen mit eigenen Mitarbeitern und Fahrzeugen im Verbund seines Mittelstandsnetzwerks fährt, statt Fracht überwiegend zu makeln.
Auf ein Alleinstellungsmerkmal ist der Hohenloher besonders stolz: Einen „Apache“, einen dreidimensionalen Scanner samt Wiegefunktion und Kamera, haben die Wenigsten (Bild). Hier wird das Frachtgut automatisch auf Höhe, Länge, Breite oder Gewicht vermessen, fotografiert und digital in die papierlosen Frachtpapiere eingepflegt. Die Daten werden anschließend auf einem Barcode festgehalten, der bei jeder Übergabe - etwa vom Lager zum Fahrer - nur gescannt werden muss.
Denn schon bei der Auftragsannahme fehlen oft Angaben oder werden vom Kunden heruntergespielt, um Frachtkosten zu drücken. Letzteres sorgt bei Auftraggebern und Spediteuren meist für nervenaufreibende Zeitverzögerungen, weil Platz oder Gewicht auf der Ladefläche dann nicht mehr passen und improvisiert werden muss. Diese Ursachen für Fehler werden somit an der Wurzel eliminiert.
Eine weitere Maßnahme zur lückenlosen Dokumentation bietet die Videoüberwachung. So werden Lagerhallen flächendeckend bis zur Rampe lückenlos videoüberwacht. Damit werden etwaige Transportschäden erfasst oder belegt, dass diese nicht in seiner Obhut entstanden sind. Das schafft Klarheit und schützt Mitarbeiter vor falschen Verdächtigungen.
Mehr noch: Empfänger können bei einer Bestellung auf Abruf ihre Ware live in den Zwischenhallen einsehen oder per Online-Bestellung in Auftrag geben. Aufgrund des Widerstands der Betriebsräte, die mit dem Datenschutz argumentieren, werden viele Logistikunternehmen diesen Teil der Logistik 4.0-Umstrukturierungen wohl vorerst auslassen.

Rüdigers Qualitätsmanagement und regelmäßige Schulung der eigenen Mitarbeiter lässt sich messen: Während die Krautheimer nur noch eine Fehlerquote von 0,1 % haben, liegt dieser Wert in der Branche mit einem Prozent zehnmal höher.
Rüdinger: „Wir wissen bis auf den Zentimeter genau, wo sich unsere Ware in welchem Zustand befindet“. Dagegen tauche die Ware im Einflussbereich des Kunden, der oft mit outgesourctem Personal arbeite, oft erst nach Tagen wieder in dessen Warenwirtschaftssystem als geliefert auf. Ein wichtiger Schritt bei der Einrichtung von Logistik 4.0 war auch die genaue Erfassung und Übermittlung der Ankunftszeit der Ware. Ein Vorteil für alle Just-In-Time-Planungen.
„Die Logistik muss der Geschwindigkeit der Industrie angeglichen werden – oder zukünftig sogar noch schneller sein“, sagt der Heilbronner Professor Tobias Bernecker. Denn nur dann gebe es keine Systembrüche an der schwächsten Stelle einer Wertschöpfungskette. Was bei der Intralogistik bereits verstanden und vollzogen worden sei, müsse sich nun auch auf die externe Logistik erstrecken. Wichtig für dieses Qualitätsniveau sei die komplette Wertschöpfung in eigener Hand. Dies betreffe vor allem eigenes und qualifiziertes Personal, wenngleich dieses teurer ist.