Sonntag, den 24. September 2017
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Ausgewählte Ausgabe: 06-2017 Ansicht: Modernes Layout
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Zukunftsthesen

Forschungsprojekt | Ein interdisziplinäres Team aus anwendungsnaher Forschung und Praxis arbeitet derzeit gemeinsam an Ansätzen zur Verbesserung des Supply Chain Risikomanagements. Ein erstes Arbeitsergebnis sind Thesen, die Implikationen für und Anforderungen an zukünftige Supply Chain Risikomanagementsysteme in der Industrie 4.0 aufzeigen. Aufbauend auf den Thesen wird dargestellt, wie sich der klassische, traditionell in Unternehmen gelebte, reaktive Risikomanagementprozess in der Industrie 4.0 verändert. Die Ergebnisse helfen Entscheidungsträgern in Unternehmen Handlungsfelder zu identifizieren, um ihr Supply Chain Risikomanagement durch Digitalisierung effektiver, agiler und proaktiver gestalten zu können. Sie bilden eine Grundlage für zukünftige Gestaltungsprozesse von Supply Chains und den damit verknüpften Risikomanagementsystemen.


Über die letzten Jahre hinweg haben verschiedene Industrietrends, wie z.B. Outsourcing, Just-in-Time Lieferungen, Just-in-Sequence Lieferungen aber auch generell kürzere Produktlebenszyklen zu immer empfindlicheren Supply Chain Netzwerken geführt. Viele Fallbeispiele aus der Praxis haben gezeigt, dass Störungen in der Supply Chain weitreichende Folgen für alle Beteiligte haben können. So hat Ericsson durch einen kleinen Brand bei einem Sub-Zulieferer ca. 400 Mio. US-Dollar verloren, da dadurch die Versorgung mit notwendigen Bauteilen nicht mehr gegeben war. Ein ebenso prominentes Beispiel ist der Risikofall bei Toyota. Der Autohersteller musste 2011 im Zuge der Tsunami-Katastrophe, die wiederum zu einem Reaktorunfall führte, die Produktion für mehrere Tage stilllegen. Dies führte zu erheblichen Kosten bei Toyota und auch der Aktienkurs brach um bis zu 16 % ein. Diese Beispiele zeigen deutlich, dass eintretende Risiken in Supply Chains nicht nur zu direkten Kosten innerhalb der Wertschöpfungsketten führen, sondern auch den Aktienkurs eines Unternehmens massiv negativ beeinflussen können.
Ein entsprechend gut funktionierendes Risikomanagement auf allen Ebenen – operativ, taktisch und strategisch – und über Unternehmensgrenzen hinweg, kann daher heute und in der Zukunft umso mehr ein nicht zu unterschätzender Wettbewerbsfaktor sein. Nur wenn Risiken proaktiv von den Beteiligten identifiziert und gemanagt werden, können Risikoursachen vermieden oder zumindest Risikowirkungen bereits im Vorfeld gemindert werden. Besonders wenn wir von Supply Chain Risiken sprechen, kommt dem unternehmensübergreifenden Informationsaustausch eine besondere Bedeutung zu. Denn nur, wenn das eigene Unternehmen frühzeitig über potenzielle Probleme der Partner / Lieferanten Bescheid weiß, kann gemeinsam an vorbeugenden Maßnahmen gearbeitet werden.
Umso überraschender ist daher, dass viele Unternehmen auch heute noch ein zeitlich eher rückwärtsgerichtetes und reaktives Risikomanagement betreiben – die Wettbewerbsrelevanz wird nicht erkannt. In der betrieblichen Praxis werden bspw. in einer rollierenden Risikoinventur potenzielle Risiken bottom-up dezentral im Unternehmen erfasst und nach Eintrittswahrscheinlichkeit und Schadenshöhe bewertet. Bedeutende Risiken werden durch Schwellenwerte herausgefiltert und mit Maßnahmen zur Reduzierung belegt. Anschließend wird der Vorstand im Rahmen eines Reportings informiert. Der Rückgriff auf eine rollierende Inventur erfolgt jedoch deshalb, da es den verantwortlichen Mitarbeitern häufig nicht möglich ist, jedes identifizierte Risiko – insbesondere operative und taktische Risiken – immer im Blick zu behalten und kontinuierlich zu evaluieren, weshalb im Falle eines Eintritts eher ein Krisenmanagement anstatt Risikomanagement betrieben wird.

Die Rolle der Digitalisierung

Besonders an den Schnittstellen zu den operativen Prozessen und der Unternehmensumwelt bieten sich jedoch enorme Potenziale, die durch die Digitalisierung gehoben werden können und die ein echtzeitnahes, datengestütztes, proaktives Supply Chain Risikomanagement unterstützen.
Die Koordination lokal und global vernetzter Supply Chains wird durch moderne Informations- und Telekommunikationstechnologien zunehmend vereinfacht und effizienter. Die Digitalisierung der Industrie wird im deutschsprachigen Raum unter dem Überbegriff Industrie 4.0 zusammengefasst. In Diskussionen über die Digitalisierung werden als Kernelemente häufig eine zunehmende vertikale und horizontale Datenintegration, dezentrale und intelligente Produktionsmaschinen und Fahrzeuge sowie eine technische Umsetzung dessen mittels Cyber-Physischer-Systeme erwähnt.

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Autoren

 Florian Schlüter

Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik IML

 Katharina Diedrich

Technische Universität Dortmund (Externe Doktorandin)

 Mustafa Güller

Technische Universität Dortmund

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