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Ausgewählte Ausgabe: 04-05-2017 Ansicht: Modernes Layout
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Zusammenspiel von Mensch und Roboter

Expertentreffen | Wie sieht die Lagerlogistik der Zukunft aus? Welche Vorteile ergeben sich aus der digitalen Vernetzung und der Analyse von Big Data? Wie kann die Mensch-Roboter-Kollaboration optimiert werden und wo liegen Gefahrenquellen? Diese und weitere Themen diskutierten Experten der Logistik-Branche auf dem 26. Deutschen Materialfluss-Kongress (MFK) am 6. und 7. April 2017 in Garching bei München (Bild).


Beim 26. Deutschen Materialfluss-Kongress in Garching wurde deutlich: Durch den Einsatz von Robotik, virtuellen Techniken sowie der Datensammlung- und Vernetzung steht die Intralogistik vor großen Herausforderungen und bedeutenden Chancen.

Beim 26. Deutschen Materialfluss-Kongress in Garching wurde deutlich: Durch den Einsatz von Robotik, virtuellen Techniken sowie der Datensammlung- und Vernetzung steht die Intralogistik vor großen Herausforderungen und bedeutenden Chancen.

In einem Punkt waren sich die Experten einig: Die digitale Transformation wird den Materialfluss grundlegend revolutionieren. Mit dem Einsatz von Robotik, virtuellen Techniken sowie der Datensammlung- und Vernetzung steht die Intralogistik vor großen Herausforderungen und bedeutenden Chancen.
„Die Digitalisierung spielt in der Intralogistik bereits seit vielen Jahren eine große Rolle: Hochautomatisierte, vernetzte Logistiksysteme in Industrie und Handel sind Spiegelbild dieser Entwicklung und Leistungsfähigkeit der Branche. Gleichwohl hat sich die Dynamik dieser Entwicklung in den letzten Jahren, sicher auch durch die groß angelegte Initiative „Industrie 4.0“, nochmals deutlich erhöht“, sagt Prof. Dr.-Ing. Willibald A. Günthner. Nach Ansicht des MFK-Kongressleiters und Leiter des Lehrstuhls für Fördertechnik Materialfluss Logistik (fml) an der TU München sei es unschwer vorherzusagen, dass diese Entwicklung die nächsten Jahre sogar beschleunigt weitergeht. Die meisten Entwicklungen würden dabei sicher eher evolutionär ablaufen, an einigen Stellen werde es aber auch disruptive Entwicklungen geben.
Einerseits ermögliche die Digitalisierung ganz neue Geschäftsmodelle und – auf der anderen Seite – smarte, vernetzte Förder- und Produktionsmittel. Günthner: „Seit einigen Jahren werden dazu in der Forschung und in den Entwicklungsabteilungen der Industrie vielversprechende Prototypen und Demonstrationsmuster vorgestellt. Vor allem die Produktionslandschaft von morgen benötigt autonome, sich selbststeuernde Förder- und Materialflussmittel.“
Und auch die Arbeitswelt wird sich nach Ansicht des Wissenschaftlers in der Produktion und Logistik an vielen Stellen wesentlich verändern. Künftig werde es eine neue Aufgabenteilung zwischen Mensch und Maschine geben. Günthner: „Der Mitarbeiter wird mehr kontrollierende und steuernde Funktionen übernehmen, die Anlagen nehmen ihm dafür immer mehr standardisierte und anstrengende Arbeiten ab.“

Lösungsansätze und Spielregeln

Auch für Prof. Dr.-Ing. Johannes Fottner, ebenfalls Leiter des fml an der TU München, ist der Übergang hin zur Digitalisierung ein schon recht lang andauernder Prozess, der über weite Strecken eine ganz normale Entwicklungsgeschichte vollzogen hat – evolutionär im klassischen Sinn. Die Bereitstellung des Internet als Infrastruktur und Rückgrat eines effizienten Datenaustausches habe sicherlich Möglichkeiten geschaffen, die schlussendlich zu effizienteren und auch dramatisch schnelleren Systemen geführt haben. Fottner: „Gerade die Logistik – v.a. die Intralogistik – hat das schon früh für sich als wegweisende Chance erkannt und innerhalb ihrer Systeme umgesetzt. Dadurch haben sich vollkommen neue Vorgehensweisen und sogar Geschäftsmodelle bilden können. Die Geschwindigkeit dieses Prozesses legt sicherlich immer noch zu. Der Einfluss auf die Gesellschaft und die Arbeitswelt ist heute über weite Bereiche noch nicht exakt vorhersehbar und wird von unterschiedlichsten Forschungsstellen untersucht. Dass eine Veränderung eintritt, ist sicherlich unvermeidbar und auch klar erwünscht. Wie der Mensch allerdings möglichst optimal in diese Veränderung eingebunden wird, muss die vorrangige Aufgabe von Wirtschaft, Wissenschaft und Lehre für die nächsten Jahre sein.“
Auch auf die Frage, wie das Ideal einer zukünftigen Mensch-Maschine-Kollaboration in Produktion und Logistik, hat der Wissenschaftler eine Antwort: „Unterstützt der Mensch die Maschine oder umgekehrt? Beides wird der Fall sein! Auch heute noch hat der Mensch Fähigkeiten und Talente, die Maschinen nicht oder nur schwer erreichen können. Wo der Mensch verfügbar und optimal für eine Aufgabe geeignet ist, sollte er durch Technik und Technologie unterstützt und damit effizienter gemacht werden. Aufgaben, die nicht notwendigerweise von diesen Mitarbeitern übernommen werden müssen, können durch Maschinen übernommen werden. In Bereichen mit volatilen, sich verändernden Anforderungen können Mitarbeiter problemlos unterschiedlichste Aufgaben übernehmen – für Maschinen ist das nicht immer möglich. Gerade im Bereich der Intralogistik zeigt sich immer wieder, dass der Mensch mit seinen natürlichen Fähigkeiten für moderne Prozesse optimal geeignet ist. Dabei wird für den Einsatz von Technik mehr und mehr nicht die reine Wirtschaftlichkeit zu betrachten sein, sondern die Frage, wo und wozu man die wertvolle Ressource Mensch einsetzen kann muss beantwortet werden.“

Flexible anpassbare Systeme

Gregor Blauermel – Mitglied des Vorstandes der VDI-GPL, Vorsitzender des FB3 Technische Logistik und Geschäftsführender Gesellschafter der B416 Unternehmensberatung in Langenzenn – geht ebenfalls davon aus, dass die sich Arbeitswelt komplett verändern wird. Dies werde in den nächsten Jahren schrittweise passieren. Denn auch in der Intralogistik werde die Digitalisierung Prozesse – hier insbesondere Kontroll- und Identifikationsprozesse – verändern oder, besser noch, wegfallen lassen.
Dessen ungeachtet sei Digitalisierung für die Intralogistik nichts Neues: „Gerade bei automatisierten Lösungen haben wir schon lange eine weitgehende Digitalisierung erreicht.“ Allerdings seien in Zeiten, in denen die Halbwertzeit von Planbasisdaten meist deutlich kürzer als die Amortisationszeit von Projekten ist, flexible – an geänderte Rahmenbedingungen anpassbare Systeme – unabdingbar. Blauermel: „Hier haben wir in den letzten Jahren mit autonomen und dezentralen Systemen schöne Fortschritte erzielt. Diese Entwicklung wird (hoffentlich) weitergehen, so dass wir zu Lösungen kommen, in denen Anpassungen ohne komplette Überarbeitung der Steuerung oder gar physischen Umbauten erfolgen können. Besonders begeistern mich die Entwicklungen auf den Gebieten der Robotik und der fahrerlosen Transportsysteme: War beides vor wenigen Jahren nur in wenigen Bereichen einsetzbar, haben wir heute ein breites Spektrum von einfachen, „dummen“ Fahrzeugen bis hin zu intelligenten, in Mensch-Maschine-Systeme gut integrierbare Maschinen zu vernünftigen Kosten. Die Kombinatorik dieser Fahrzeuge mit Ansätzen aus der Robotik wird nach meiner Einschätzung die Intralogistik in den nächsten Jahren massiv verändern. .“
Weitere Berichte vom MFK 2017 folgen in der kommenden Ausgabe unserer Zeitschrift.

Autoren

 Rolf Müller-Wondorf

Statement...

... von Prof. Günthner zur Zukunft des MFK

Bildartikel zu 042017_MA_MFK_Kasten_Bild.jpg

Prof. Dr.-Ing. Willibald A. Günthner

Der 26. MFK ist für mich persönlich ein ganz besonderes Jubiläum: Seit 1999 findet er in München statt, seit dem 11.  Deutschen  Materialfluss  Kongress  im  Jahre  2002 unter  meiner  Programmleitung  an  unserer  Universität, der TU München. „Mit neuem Konzept zum Erfolg“ titulierte  seinerzeit  die  Zeitschrift  „Logistik  für  Unternehmen“.  Neu  war  damals  wieder  die  Rückbesinnung  auf die  Materialfluss-Technik  und  auf  Logistiksysteme.  Diesem  Konzept  sind  wir  treu  geblieben  und  haben  –  mit vielen  treuen  Mitstreitern  im  Programmausschuss,  bei denen  ich  mich  vielfach  und  herzlich  bedanke  –  den MFK zum jährlichen Branchentreff der Intralogistik etablieren können, zum fachlichen Austausch zwischen Wissenschaftlern, Entwicklern und Herstellern sowie den Anwendern.
Im Herbst dieses Jahres gehe ich in den Ruhestand und übergebe daher diese Aufgabe, in Absprache mit dem Programmausschuss und dem Veranstalter Wissensforum, an meinen Nachfolger am Lehrstuhl, Herrn Prof. Dr. Johannes Fottner, der ja bereits dieses Jahr als Kongressleiter mitwirkt.
Ich wünsche meinem Kollegen Fottner und dem MFK für die Zukunft alles Gute und viel Erfolg.

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