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Ausgewählte Ausgabe: 01-02-2017 Ansicht: Modernes Layout
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Zentral-, Regional- oder nationale Healthcare-Lager in Europa?


Zentral, regional oder national – für Pharmaunternehmen und Medizintechnikhersteller ist das richtige Healthcare-Lagerkonzept in ihren europäischen Supply Chains wesentlich für den Erfolg. Was spricht nun für welches Konzept – oder schlägt das Pendel trendgetrieben mal in die eine, mal in die andere Richtung aus? Über die Jahre betrachtet, lässt sich eine eindeutige Grundtendenz zur Zentralisierung erkennen, die mehr oder weniger stark anhält.
Aus meiner Erfahrung als Healthcare-Logistikdienstleister gibt es vier Rahmenbedingungen, die den Trend zu Zentrallagern in der Healthcare-Industrie getrieben haben und auch künftig befeuern werden. Da ist zunächst die veränderte Unternehmensorganisation: Heute haben praktisch alle Unternehmen der Healthcare-Industrie SCM- und Logistikabteilungen, die in der Regel europäisch, oft auch global organisiert sind. Damit ist der Optionsraum des Lagers nicht mehr nur auf das Absatzland reduziert und es wird automatisch in größeren geografischen Räumen gedacht.
Weiterer Aspekt: Steigende rechtliche und administrative Anforderungen (Compliance) führen zu höheren Fixkosten je Lager für Anmeldungen, Monitoring, tägliches Management und Audits. Je höher diese Fixkosten in Relation zu den direkten Kosten der Logistik sind, desto eher wird zentralisiert.
Auch die Digitalisierung unterstützt das Zentrallager, da sie eine bessere und detailliertere Planung bis auf SKU-Ebene, ein besseres Monitoring der Prozesse und letztendlich auch kürzere Durchlaufzeiten ermöglichen.
Mit dem steigenden Fokus auf das Working Capital gewinnen hochpreisige Produkte zunehmend an Bedeutung im Portfolio der Pharma- und Medizintechnikindustrie. Damit steigt das Gewicht der Kapitalbindung in Relation zu den Logistikkosten für Netzwerkentscheidungen. Der Hebel für die Supply Chain sind hier niedrigere Bestände, was durch eine Lagerkonsolidierung im ersten Schritt und Late Stage Finishing im Zentrallager im zweiten Schritt realisiert werden kann.
Gegen eine Zentralisierung sprechen weiterhin vor allem die Transportkosten für längere Wege zum Empfänger. Eine wachsende Rolle spielt neuerdings auch die schnelle Verfügbarkeit bei einigen Produkten und Vertriebskanälen, die eher dezentrale Strukturen erfordern – Stichwort: Same-Day-Konzepte.
Viele Unternehmen sind noch nicht so zentral aufgestellt, wie es heute ideal wäre – es gibt also Nachholbedarf. Weiter ist zu erwarten, dass der Anteil der hochpreisigen Produkte, z. B. Biopharmaka oder Orphan Drugs, steigt und dadurch die weitere Zentralisierung begünstigt wird. Offen bleibt die Frage, wohin sich Transportkosten entwickeln, die stark von umwelt- und arbeitsmarktpolitischen Entscheidungen sowie der Entwicklung der Energiemärkte abhängen. Damit ist kurzfristig keine größere Änderung, längerfristig aber ein erheblicher Schub in Richtung Dezentralisierung vorstellbar. Zukünftig wird es sicherlich weitere Produkte geben, die eine Lieferzeit unter 24 h benötigen und somit dezentrale Lager erfordern. Diese werden aber nicht das Erscheinungsbild der Healthcare-Logistik prägen, sondern eher über Speziallösungen wie Forward Stocking Locations und Konsignationslager in Krankenhäusern abgebildet werden. Ebenfalls stark von politischen Entscheidungen wird es abhängen, ob und in welchem Ausmaß die Staaten die aufwendige Vertriebsstruktur in der europäischen Pharmadistribution mit Großhandel, Apotheken und Same-Day-Belieferung aufrechterhalten wollen. Wenn die Handelsstrukturen liberalisiert werden, sie an Bedeutung verlieren oder sich gar auflösen, wird die Pharmaindustrie dichter an den Point-of-Care rücken und dazu auch dezentrale Lagerstrukturen unterhalten.
Eine Entwicklung ist allerdings klar: Die unterstützenden und benachbarten Systeme der Logistik wie IT, Qualitätsmanagement und Business Intelligence profitieren gleichermaßen von einer zentralen Organisation von Logistik und SCM. Der Trend in diese Richtung wird weitergehen, unabhängig davon, ob auch die Lager zentralisiert werden oder ein Netz von mehreren strategisch gesetzten Lagern mit einheitlicher IT und einheitlichem Qualitätsmanagement betrieben wird.

Autoren

Dr. Thorsten Winkelmann

Geschäftsführer Arvato Healthcare – Arvato SCM Solutions in Gütersloh.

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