Noch keinen Zugang? Dann testen Sie unser Angebot jetzt 3 Monate kostenfrei. Einfach anmelden und los geht‘s!
Angemeldet bleiben
Ausgewählte Ausgabe: 10-2017 Ansicht: Modernes Layout
| Artikelseite 1 von 3

Wende in Gebäude und Energie wandelt Unternehmenskultur

Europas größtes in Holzrahmenbauweise errichtetes Bürogebäude mit Konferenzräumen und Kantine steht in Lübeck. Trotz 13 856 m² Geschossfläche und einer Energiebezugsfläche von 10 004 m² wurde es in nur 13 Monaten Bauzeit fertiggestellt. 2015 bezogen 434 Stadtwerker/innen ihre 256 neuen Büros. Dessen Fertigstellung war übrigens nachweislich nicht teurer als es ein vergleichbares Gebäude in klassischer Betonbauweise gewesen wäre.


Die alte Stadtwerke-Immobilie mit ihren daumendicken Fensterspalten und ohne jegliche Isolation war nicht mehr glaubwürdig und im Unterhalt teuer. Also entschied man sich 2010 für einen Neubau unter ökologischen und energetisch vorbild- lichen Rahmenbedingungen. Rund 10 800 m² Leno CLT Deckenelemente, 588 m³ Brettschichtholz und 4 800 m² Holzrahmenbauwände wurden an der Geniner Straße insgesamt verbaut. Der hochwertige Neubau dokumentiert die nachhaltige Ausrichtung des Unternehmens u. a. durch den Einsatz von PEFC-zertifiziertem Holz. In einer LCA wurde außerdem der Nachweis erbracht, dass der gemischte Holz-Neubau mit circa 1 300 €/m³ nicht teurer als ein klassischer reiner Betonbau ist.

HA264-Bildartikel-1

Bild 1
Ziehen eine positive Bilanz: André Pollex (l.) und Jörg Hüning vom Gebäudemanagement der Netz Lübeck GmbH, vor der Fernwärmeübergabestation

Bei Gesprächen und Besichtigungen im Mai und Juli 2017 mit Lars Hertrampf, Pressesprecher der Stadtwerke Lübeck, sowie André Pollex, Leiter Gebäudemanagement bei der Netz Lübeck GmbH, und einem seiner Mitarbeiter Dipl.-Ing. Jörg Hüning, zeigten sich viele Marketing und spezielle technische Aspekte (Bild 1). So wird das Gebäude z. B. oft mit Geschäftskunden und Energie-Contractoren der Stadtwerke begangen, die sich über Energieeffizienz informieren. Der Bauübernehmer Züblin führt Gruppen durch sein Vorzeigeobjekt. Technische Universitäten und Fachhochschulen führen Architekten und Planer von morgen an die Technik heran. Auch ehemalige Mitarbeiter bewundern das offene Arbeiten im Vergleich zum Vorgänger-Gebäude. Das Motto des gesamten Holzbaus „Lieber weniger als mehr!“ demonstriert die Einstellung der Stadtwerke Lübeck zur Energie.

Der Weg zum Holzbau

Einige Zufälle kamen zusammen: Zum damaligen Zeitpunkt kam die Geschäftsführerin der Stadtwerke Lübeck aus Dänemark, was den nordischen Einschlag durch Holzbau zeigte. Die Bauanfrage an die Stadt ergab drei Eckwerte: maximal vier Geschosse, keine zu dominante Rolle neben dem denkmalgeschützten Gasometer, zurückgesetzt von der vierspurigen Straße. Zusätzlich aus dem eigenen Haus kam der Wunsch nach dem Passivhausstandard mit Erweiterungsmöglichkeit zum Plusenergiegebäude und dem damit verbundenen Statement zur Nachhaltigkeit und dem verantwortungsvollen Umgang mit den Ressourcen. So entstand eine freistehende Pfosten-Riegel-Fassade mit einer freien Spannhöhe von 16 m, tragend aus Lärche gestaltet. Zwei 14 m hohe Baukörper, überwiegend aus Holz mit 64 und 82 m bzw. 55 und 75 m Länge bzw. Breite umranden einen trapezförmigen Innenhof.

HA264-Bildartikel-2

Bild 2
Von außen ein grünes Gebäude mit Windkraftanlage und auch „im Herzen“ grün

So wurde mit offenem Ergebnis kein Architekturwettbewerb veranstaltet, sondern zuerst ein Konzept ausgeschrieben, das zu einem auch außen grünen Modell führte (Bild 2). Im Anschluss wurde eine funktionale Ausschreibung erstellt. Planung und Bau lagen in einer Hand. Dadurch wurde die geplante Bauzeit nicht nur eingehalten, sondern auf Wunsch der Stadtwerke sogar um zwei Monate verkürzt. Die Kosten waren vertraglich garantiert und wurden dadurch ebenfalls eingehalten. Die Bauzeit war vergleichbar einem Massivbau, wenn nicht sogar durch die großen Anteile an Vorfertigung niedriger. So waren z. B. alle Bohrungen im Holz bei der wöchentlichen Anlieferung bereits vorhanden. Besonders bemerkenswert dabei war, dass die deutlich niedrigeren Holz-Fertigungstoleranzen mit den größeren Beton-Bautoleranzen vereinbar waren.
Tabelle 1  Liste der wegweisend am Bau Beteiligten mit ihren Beiträgen

Tabelle 1
Liste der wegweisend am Bau Beteiligten mit ihren Beiträgen


Alle Beteiligten (Tabelle 1) haben während der Bauphase voneinander gelernt und von Quartal zu Quartal die Abläufe optimiert. Für Handwerker ist ein solches Projekt zu groß. Amerikanische oder kanadische Hersteller haben Schwierigkeiten mit der Normung. Für Züblin stellte das Gebäude den „Markteinstieg in den Holzbau und ein Leuchtturmprojekt“ dar. So wurden z. B. die Anbindungen einer Stütze an einen Träger anhand eines Entwurfes und dessen Optimierung weniger stark auftragend gestaltet. Innerhalb der Stadtwerke Lübeck hat das Projekt zu einer starken Teambildung beigetragen.

Seite des Artikels
Autoren
Undine Stricker-Berghoff

Dipl.-Ing. (TU), CEng Undine Stricker-Berghoff

MEI VDI, Coach und Consultant für Management und Marketing in der Energie- und Gebäudetechnik, ProEconomy, Travemünde.

Verwandte Artikel

Die mehrdimensionale Optimierung von Wärmerückgewinnungssystemen

Urbane Energieversorgungskonzepte und Sanierungsfahrpläne

Bestimmung des sommerlichen Außenluft-Auslegungszustands für Komfortklimatechnik

Mit Energieeffizienz Wettbewerbsvorteile behaupten

Standardisierung von Lastprofilen