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Ausgewählte Ausgabe: 04-2017 Ansicht: Modernes Layout
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Betriebshöfe -jeder bewirtschaftet Regenwasser auf seine Art

Kommunen, Landkreise und Bundesländer unterhalten Betriebshöfe mit Fuhrparks und Werkstätten. Regenwasserbewirtschaftung ist für die meisten dieser Einrichtungen selbstverständlich – insbesondere bei den neu gebauten Betriebsstätten der Straßen- und Flussunterhaltung, der Verkehrs- und Entsorgungsbetriebe.


Im nachfolgenden dritten Teil des Beitrages1) (Lesen Sie hier den ersten und zweiten Teil des Beitrages) Beitrages werden ein technisches Zentrum der Leipziger Verkehrsbetriebe und ein Flussbaubetriebshof des Landes Baden-Württemberg vorgestellt.

Technisches Zentrum Heiterblick der Leipziger Verkehrsbetriebe - Regenwasserverdunstung, -nutzung, -behandlung, verzögerte Ableitung

Die Leipziger Verkehrsbetriebe sichern täglich die Mobilität der Menschen in der Stadt und der Region Leipzig. Um einen optimal funktionierenden Nahverkehr sicherzustellen, investieren die Verkehrsbetriebe als Mobilitätsdienstleister nicht nur kontinuierlich in das Liniennetz und die Fahrzeugflotte, sondern auch in die Betriebshöfe und Werkstätten, in denen die Wartung und Instandsetzung des Fuhrparks durchgeführt wird. Die Straßenbahn wird weiterhin der Hauptverkehrsträger im innerstädtischen ÖPNV Leipzigs sein. Somit ist die Wartung und Instandsetzung des Fahrzeugparks eine Aufgabe von steigender Bedeutung. Unter diesem Aspekt wurde das Gesamtkonzept des Technischen Zentrums (TZ) Heiterblick entwickelt. Zusammen mit den Betriebshöfen Angerbrücke und Dölitz bildet es ein funktionelles Dreieck, das den Anforderungen an moderne und leistungsfähige Straßenbahn-Betriebshöfe entspricht. Insgesamt arbeiten im TZ 580 Mitarbeiter, davon max. 300 gleichzeitig. (http://www.technisches-zentrum-heiterblick.de).

Bild 1 Technisches Zentrum Heiterblick der Leipziger Verkehrsbetriebe, Hauptwerkstatt. Neubau aus dem Jahr 2014. Weitere Bauabschnitte folgen voraussichtlich ab 2022

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Technisches Zentrum Heiterblick der Leipziger Verkehrsbetriebe, Hauptwerkstatt. Neubau aus dem Jahr 2014. Weitere Bauabschnitte folgen voraussichtlich ab 2022


Das vom 165 000 m² großen TZ-Gelände und den Dächern abfließende Regenwasser wird in einem Stauraumkanal mit 3 m Durchmesser und 2 700 m³ Fassungsvermögen gesammelt und steht der Sprinkleranlage in der neu erstellten Hauptwerkstatt (Bild 1) zur Verfügung. Auch die Bewässerung der Außenanlagen erfolgt mit dem so gespeicherten Niederschlag. Sind diese Vorräte aufgebraucht, dürfen drei Grundwasserbrunnen genutzt werden. Der Stauraumkanal stellt, wie die Dachbegrünung, eine verzögerte Ableitung des Regenwassers dar und entwässert mit max. 10 l/s in den Regenkanal der Kommunalen Wasserwerke Leipzig. Um Leichtflüssigkeiten wie Öl und Benzin zurückzuhalten, ist ein Absetzbecken mit Sedimentationsraum und Tauchwand vorgeschaltet.
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Bild 2
Zukünftiger Campus Technisches Zentrum Heiterblick, Leipziger Verkehrsbetriebe. Begrünte Dachflächen auf den Neubauten: Vorne Abstellhalle, Mitte Hauptwerkstatt (2014 fertiggestellt), hinten Betriebswerkstatt. Grau: Denkmalgeschützter Gebäudebestand

Ein Gründach (Bild 2) bringt Vorteile für den natürlichen Wasserkreislauf sowie das Mikroklima im Umkreis des Gebäudes. Das liegt an der Luftbefeuchtung und Verdunstungskühlung durch die Pflanzen, die das auftreffende Regenwasser in gasförmigem Zustand zurück in die Luft geben – aber auch an der Staubbindung sowie der Umwandlung von Kohlendioxid in Sauerstoff. Doch es bringt auch dem Betreiber messbare Vorteile. So treten z. B. keine größeren Temperaturschwankungen in der Konstruktion auf, was die Nutzungsdauer der Immobilie und deren finanziellen Wert erhöht. Und der Wohlfühleffekt in den Räumen darunter ist an sehr heißen Tagen besonders groß, solange die Begrünung nicht ausgetrocknet ist. Um dies ohne Bewässerung zu erreichen, versuchen die Hersteller der Gründachsysteme die Verfügbarkeit des Regenwassers für den Bewuchs zu verbessern.
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Bild 3
Beispiel eines begrünten Retentionsdaches. Mäander-60-Elemente auf Schutz- und Speichervlies, darunter wurzelfeste Dachabdichtung. Später folgt auf die Mäander-Elemente ein Filtervlies, darüber Extensivsubstrat mit Vegetation

Dachbegrünung nach heutiger Bauart besteht aus mehreren Schichten, mit einer Aufbauhöhe ab 8 cm und mit Verdunstungsraten im Jahresmittel von 30 % bis über 90 % der auftreffenden Regenmenge. „Wir können durch entsprechende Speicherlagen den Rückhalt des Regenwassers im System erhöhen“, erklärt Dr. Gunter Mann, Präsident der Fachvereinigung Bauwerksbegrünung e.V. (FBB) in Saarbrücken. Eines der Ergebnisse ist das Retentionsdach Typ Mäanderdach 60, wie es auf der neuen Hauptwerkstatt des Technischen Zentrums Heiterblick der Leipziger Verkehrsbetriebe vom Garten- und Landschaftsbaubetrieb Güther im Jahr 2013 eingebaut wurde (Bild 3). 
 
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Bild 4
Vegetation als Mischung aus Kräutern, Gräsern und Sedum. Hoher Wasserrückhalt und hohe Artenvielfalt bei starker Minderung des Spitzenabflusses auf einem Retentionsdach Typ Mäander 60

Inhaber Jürgen Güther nennt als Voraussetzung ein Flachdach mit 0–5° Neigung und ergänzt: „Bei 12 cm Bauhöhe erreicht die Begrünung eine Verringerung des Spitzenabflusses bis zu 83 %, entsprechend einer Abflusskennzahl C = 0,17“. Mit nur zwei Wartungsintervallen pro Jahr ist der Aufwand für die Pflege der extensiven Vegetation, bestehend aus einer Mischung von Kräutern, Gräsern und Sedum, überschaubar (Bild 4).

Flussbaubetriebshof des Landes Baden-Württemberg in Donaueschingen - Regenwasserverdunstung, -nutzung, -behandlung, verzögerte Ableitung

Das nachfolgende Beispiel zeigt, wie ein Betrieb das Oberflächenwasser direkt einleiten darf – allerdings erst nach Behandlung auf dem eigenen Grundstück und gedrosselt. Neben der Qualität des zugeführten Wassers ist auch dessen Menge ein Kriterium, da in diesem Fall die Breg, ein Zufluss im Quellgebiet der Donau, vor großen Wassermassen geschützt werden muss.
„Brigach und Breg bringen die Donau zu Weg“, lernen die Schüler in Donaueschingen – obwohl sie wissen, dass sich laut Reiseführer die Donauquelle im fürstlichen Schlosspark in der Stadtmitte befindet. Tatsächlich aber trägt deren Abfluss nur noch einen geringen Teil bei. Brigach und Breg führen über 90 % der Wassermenge aus dem nahen Schwarzwald heran. 30 km weiter verliert das Flussbett der Donau schon wieder ein Drittel des Wassers. Es versickert in Richtung Bodensee, tritt als Aachquelle zu Tage und fließt auf Umwegen in den Rhein. Brigach, Breg und das erste Stück der Donau bis zur Versickerung vor Tuttlingen fallen in die Zuständigkeit des Flussbaubetriebshofs Donaueschingen – insgesamt ca. 100 km Gewässer der 1. Ordnung zwischen St. Georgen (Brigach), Hammereisenbach (Breg) und Möhringen (Donauversickerung).

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Autoren

Dipl.-Ing. Klaus W. König

Sachverständigen- und Fachpressebüro Überlingen am Bodensee. Als freier Fachjournalist und Buchautor veröffentlicht er regelmäßig Artikel in Umwelt-, Architektur-, Heizungs- und Sanitärzeitschriften. Er ist von der Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Bewirtschaftung und Nutzung von Regenwasser, Mitglied im DIN-Ausschuss „Wasserrecycling / Regen- und Grauwassernutzung“ und Lehrbeauftragter an der Universität Stuttgart und an der Hochschule Reutlingen, Thema „Rainwater Management“ in englischer Sprache.
www.klauswkoenig.com
mail@klauswkoenig.com
kwkoenig@koenig-regenwasser.de

Dachbegrünung

Grundsätzlich ist die Bewirtschaftung der Niederschläge zur Rückführung in den natürlichen Wasserkreislauf von zentraler Bedeutung für den Klimaschutz. Denn solange Regenwasser wie bisher abgeleitet wird, fehlt eine Menge Luftfeuchtigkeit, die für weiteren Niederschlag notwendig ist. In der Physik wird die bei Verdunstung von 1 m3  Wasser alleine durch Änderung des Aggregatzustandes gebundene Energie mit etwa 700 kWh angegeben, bezogen auf die Verdunstung bei 45 °C. Bei 100 °C sind es noch 630 kWh. In Stadtzentren würde dieser physikalische Effekt der Wärmebindung als natürliche Kühlung gut funktionieren, wären genügend wasserhaltige Flächen vorhanden. Extensiv begrünte Dächer wandeln in den Sommermonaten 58 % der Strahlungsbilanz in die Verdunstung von Wasser um. Im Gegensatz dazu liegen Bitumendächer bei 6 %‚ wie Messungen an zwei benachbarten Dächern der UFA Fabrik in Berlin bestätigen.
Regel der Technik: FLL-Dachbegrünungs-Richtlinie, März 2008
Besonderheit: Bei Kombination Dachbegrünung mit Photovoltaik muss wegen Gewährleistung (Windsog etc.) die PV-Halterung zusammen mit dem Gründach ausgeschrieben und beauftragt werden. Für die Betriebsweise ideal ist eine Bewässerung, um optimale Verdunstungsleistung/ Kühlung für die Photovoltaik zu erhalten.

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