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Ausgewählte Ausgabe: 02-2017 Ansicht: Modernes Layout
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Betriebshöfe – jeder bewirtschaftet Regenwasser auf seine Art

Kommunen, Landkreise und Bundesländer unterhalten Betriebshöfe mit Fuhrparks und Werkstätten. Regenwasserbewirtschaftung ist für die meisten dieser Einrichtungen selbstverständlich – insbesondere bei den neu gebauten Betriebsstätten der Straßen- und Flussunterhaltung, der Müllabfuhr und der Stadtreinigung. Im nachfolgenden Beitrag werden der zentrale Betriebshof der Stadt Marl in NRW und der Bauhof der Stadt Villingen-Schwenningen in Baden-Württemberg vorgestellt.


In Marl, einer Stadt im nördlichen Ruhrgebiet mit 85 000 Einwohnern, wurden 2009 die kommunalen Betriebe von mehreren Standorten in einem zentralen Betriebshof zusammengefasst. Auf dem Gelände einer ehemaligen Zeche mit 36 000 m² sind Wertstoffhof, städtischer Winterdienst, Müllabfuhr, Straßenreinigung, Straßenmeisterei und diverse Werkstätten untergebracht.

Zentraler Betriebshof der Stadt Marl - Regenwassernutzung

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Bild 1
Zentraler Betriebshof der Stadt Marl. Die Fahrzeuge der Stadtreinigung werden regelmäßig mit Regenwasser gereinigt und befüllt

Mittlerweile arbeiten hier 250 Mitarbeiter unter der Leitung von Michael Lauche. „Wartung und Instandsetzung unseres Fuhrparks lassen sich nun effektiver durchführen“, stellt er fest. Ulrich Rütter, seit mehr als 30 Jahren beim Betriebshof, koordiniert die Werkstätten. Für ihn ist der Neubauein Segen. „Wir haben jetzt eine perfekte Ausstattung und moderne Arbeitsplätze. Eine prima Sache ist die Regenwassernutzung“, meint Rütter nach mehrjährigem Betrieb.
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Bild 2
Die Dächer sind Sammelflächen für Regenwasser. Durch beheizte Abläufe ist der Niederschlag auch im Winter grundsätzlich nutzbar

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Bild 3
Der unterirdische Regenspeicher fasst 78 m³ und besteht aus 4 Fertigteilbehältern, die als kommunizierende Gefäße verbunden sind. Im Zulauf befindet sich ein Filterschacht

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Bild 4
Die Regenwasserzentrale Monsun XL sitzt im Gebäude und versorgt die Entnahmestellen

Kehrmaschinen und andere Fahrzeuge sowie Behältnisse müssen regelmäßig gereinigt (Bild 1) und befüllt werden. Dafür Trinkwasser zu nehmen, wäre aus seiner Sicht ein Frevel. Das sahen die Verantwortlichen der Stadt Marl als Bauherren ebenso, als sie die Regenwassernutzung in Auftrag gaben. Sammelfläche für den Niederschlag ist das über dem Innenhof frei stehende Dach (Bild 2) mit einer Größe von ca. 1 500 m². Die Abläufe sind beheizt, so dass auch im Winter Schnee und Eis zu nutzbarem Wasser werden.
Der unterirdische Speicher fasst 78 m³ und besteht aus 4 Behältern, die als kommunizierende Gefäße untereinander verbunden sind (Bild 3). Von dort fördern große Unterwasser- bzw. Zubringerpumpen das schon im Speicherzulauf gefilterte Regenwasser automatisch in einen 200 l fassenden Kunststofftank im Gebäude. Kleinere trocken aufgestellte Kreiselpumpen bewegen das Betriebswasser später weiter an die Verbrauchsstellen, unterstützt durch ein Druckausgleichsgefäß mit 100 l Volumen.
Dieses Entnahme- und Verteilsystem ist als komplett ausgestattete Regenwasserzentrale (Bild 4) vorgefertigt und besteht aus elektronischer Steuerung, Doppelpumpendruckerhöhung, integriertem Vorlagebehälter und Zubringerpumpen. Die Steuerung funktioniert über Drucksensoren, deren Ein- und Ausschaltpunkte vor Ort projektspezifisch eingegeben werden. Die beiden Kreiselpumpen sitzen unter dem Kunststofftank bzw. Vorlagebehälter, erhalten so das Wasser stromsparend im Zulauf von oben. Sie laufen wechselseitig und bei Spitzenbedarf kaskadenartig. Diese Pumpen verfügen außerdem über einen integrierten Trockenlaufschutz. Mit einem optischen und akustischen Signal weist die Steuerung auf Fehlfunktionen hin und reagiert darauf. Der potenzialfreie Störmelder ermöglicht eine Fernanzeige der Störung, RS 232-Schnittstellen zur externen Datenübermittlung sind vorhanden. Die Steuerung überwacht ständig die Füllstände im Regenspeicher und im Vorlagebehälter. Bei Regenwassermangel im unterirdischen Speicher oder manueller Umschaltung wird automatisch und bedarfsgerecht Trinkwasser gemäß DIN EN 1717 in die Regenwasserzentrale nachgespeist. Auch wenn es wochenlang keinen Trinkwasserbedarf gibt, wird durch die Programmierung das Magnetventil der Nachspeisung periodisch kurz geöffnet, um Stagnation in der Trinkwasserzuleitung zu vermeiden.  Peter Hofmann, der für Öffentlichkeitsarbeit zuständige Mitarbeiter, stellt im Rückblick fest: „… wir führen keine Statistik über den Einsatz des Regenwassers. In der Hauptsache werden damit unsere Wagen gewaschen, Abfallgefäße gereinigt und die Kehrmaschinen befüllt.“ Der Allgemeine Betriebsleiter Michael Lauche empfiehlt die Regenwassernutzung auch anderen Kommunen, rät allerdings bei Neubau zu noch größeren Zisternen.

Bauhof Technische Dienste der Stadt Villingen-Schwenningen - Regenwasserverdunstung, -nutzung, -behandlung und -versickerung

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Bild 5
Bauhof Technische Dienste Villingen-Schwenningen. 5 500 m² Dachflächen sind begrünt, um den Niederschlag soweit wie möglich zurückzuhalten und zu verdunsten. Der Oberflächenabfluss wird nach Behandlung versickert

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Bild 6
Lieferung der im Fertigteilwerk produzierten Filterschächte

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Bild 7
Der Oberflächenabfluss wird vor der Versickerung in Filterschächten Typ ViaPlus gereinigt

Auf der früheren Landesgrenze, die Villingen in Baden von Schwenningen in Württemberg bis 1952 getrennt hatte, liegt die „Doppelstadt“ mit 82 000 Einwohnern. Im Zuge der Kreis- und Kommunalreform wurde sie durch Fusion 1972 als neue Kreisstadt des Schwarzwald-Baar-Kreises gebildet. Von politischen Entscheidungen unabhängig hat das Wasser seine eigenen Grenzen behalten. Die europäische Wasserscheide Donau/Schwarzes Meer einerseits und Rhein/Atlantik andererseits verläuft quer durch das Gelände des neu errichteten Bauhofes. „Von hier aus starten täglich ca. 120 Mitarbeiter für Stadtgärtnerei und Stadtreinigung sowie Straßen-, Gebäude- und Kanalunterhalt“, sagt Betriebsleiter Andreas Thomma. Sämtliches Schmutzwasser des Betriebshofes gelangt über Kanalisation und Kläranlage in den Vorfluter Richtung Donau. Niederschläge, sofern sie nicht von den Gründächern aus direkt zur Verdunstung kommen, versickern Richtung Neckar/Rhein. Der von den Verkehrsflächen stammende Anteil muss vorab gereinigt werden. Dies geschieht in drei unterirdisch eingebauten Substratfiltern.
Die Bauflächen zu minimieren und sämtliche 5 500 m² Dachflächen zu begrünen war beim Neubau des Betriebsgeländes (Bild 5) der Technischen Dienste Villingen-Schwenningen ebenso politisches Gebot, wie Regenwasser statt Trinkwasser für die Bewässerung der Außenanlagen und für die Kanalreinigung zu nutzen. Regenwasser verwenden ist nahezu kostenlos und schützt Ressourcen. Den Bedarf für die Nutzung deckt ein Anteil von 1 700 m² extensiv begrünter Dachfläche mit 10 cm Aufbauhöhe. Das hier anfallende Niederschlagswasser wird über einen Filterschacht dem Regenspeicher zugeführt, der unterirdisch eingebaut ist. Er besteht aus Betonfertigteilen (Bild 6) und fasst 25 m³. Der Speicherüberlauf mündet wie auch die Entwässerung der übrigen 3 800 m² Gründachfläche als unverschmutztes Niederschlagswasser direkt in der Versickerungsanlage.
„Reinigungsbedarf vor Versickerung besteht laut unterer Wasserrechtsbehörde beim Regenabfluss von 7 300 m² Verkehrsflächen im Gelände, da der Bauhof in einem Wasserschutzgebiet der Zone III liegt“, erklärt Günter Westheide vom Planungsbüro Oberle. Für die Reinigung bzw. Behandlung des Regenwassers fiel die Wahl auf den bauaufsichtlich zugelassenen Substratfilter ViaPlus (Bild 7), zusammen mit den Versickerungsmulden an drei Stellen im Hof eingebaut.

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Autoren

Dipl.-Ing. Klaus W. König

Sachverständigen- und Fachpressebüro Überlingen am Bodensee. Als freier Fachjournalist und Buchautor veröffentlicht er regelmäßig Artikel in Umwelt-, Architektur-, Heizungs- und Sanitärzeitschriften. Er ist von der Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für Bewirtschaftung und Nutzung von Regenwasser, Mitglied im DIN-Ausschuss „Wasserrecycling / Regen- und Grauwassernutzung“ und Lehrbeauftragter an der Universität Stuttgart und an der Hochschule Reutlingen, Thema „Rainwater Management“ in englischer Sprache.
www.klauswkoenig.com
mail@klauswkoenig.com
kwkoenig@koenig-regenwasser.de

Regenwasser...

...  nutzen, behandeln, versickern

Eine besondere Form der Regenrückhaltung vor Ort ist die Regenwassernutzung. Damit lässt sich zusätzlich Trinkwasser einsparen. Üblicherweise wird dafür das Niederschlagswasser der Dachflächen verwendet. Die Möglichkeiten, Regenwasser ohne Probleme als Rohstoff in Haus und Natur zu verwenden, sind vielfältig; die Technik dafür ist vorhanden.
Regel der Technik: DIN 1989–1
Besonderheit: Mitteilung an Wasserversorger und Gesundheitsamt vor dem Bau der Anlage erforderlich.
Regenwasserbehandlung vor Versickerung: Stark belastete Verkehrsflächen sind Parkplätze mit hohem Fahrzeugwechsel, z. B. Einkaufszentren mit täglichem Verkehr über 5 000 Fahrzeuge. Dabei besteht eine Belastung mit absetzbaren und abfiltrierbaren Stoffen sowie mit gelösten Metallionen in nicht unerheblichem Umfang. Zur Reinigung sind Sedimentationsanlagen mit anschließender chemisch-physikalischer Reinigungsstufe, bis 2 000 m² mit allgemeiner bauaufsichtlicher Zulassung ohne Teilstrombehandlung, über 2 000 m² mit analogen Systemen, Teilstrombehandlung teilweise möglich.
Regel der Technik: DWA-M 153 und BWK-M 3
Besonderheit: Die Zusammensetzung der Verschmutzung von Verkehrsflächen wurde durch das Deutsche Institut für Bautechnik DIBt in den Zulassungsgrundsätzen für „Niederschlagswasserbehandlung“ definiert. Nachfolgende Werte sind bei der Prüfung von Niederschlagswasserbehandlungsanlagen zu berücksichtigen:
-  Abfiltrierbare Stoffe AFS entsprechend Körnungslinie 50 g/m²a
-  Mineralische Kohlenwasserstoffe MKW 0,68 g/m²a
-  Zink gelöst 135 mg/m²a
-  Kupfer gelöst 15,5 mg/m²a
Versickerung: Eine Sickermulde mit bewachsenem Oberboden soll max. 30 cm Wasserstand haben. Die Dimensionierung muss so erfolgen, dass ein Einstau nicht länger als 24 Std. dauert. Pflege und Wartung der Bepflanzung ist erforderlich, um eine optimale Durchwurzelung des Oberbodens zu gewährleisten. Dies ist eine Voraussetzung, damit die Sickermulde dauerhaft durchlässig bleibt und trotz regelmäßigem Eintrag von Sedimenten immer neue Kapillaren im Boden entstehen.
Regel der Technik: DWA-A 138, speziell Abschnitte 3.3.2 Muldenversickerung und 3.4.3
Planerhinweise
Besonderheit: Der kf-Wert kennzeichnet die Durchlässigkeit des Bodens in gesättigtem Zustand, Einheit m/s. Er ist aber nicht mit der Infiltrationsrate gleichzusetzen. Da die Wassersättigung des Bodens wechselt (ganz trockener Boden ist zunächst undurchlässig), wird gemäß DWA-A 138, 3.2.3, mit 0,5 x kf als Mittelwert bei der Dimensionierung von dezentralen Versickerungsanlagen gerechnet. Als ausreichend wasserdurchlässig gelten kf-Werte von 10–3  bis 10–6 .

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