23.12.2016, 11:32 Uhr | 0 |

Hölzer wurden behandelt Hat der besondere Klang der Stradivari-Geigen chemische Ursachen?

Warum klingen Stradivaris so besonders und einzigartig? Forscher aus Taiwan haben ein weiteres Geheimnis des berühmten Geigenbauers Antonio Stradivari gelüftet: Das Holz seiner Instrumente weist Spuren von Metallen auf, was auf eine chemische Vorbehandlung hindeutet. Möglicherweise war dies aber nur purer Zufall.

Selbst Menschen, die keine Fans klassischer Musik sind, ist dieser Name ein Begriff: Antonio Stradivari. Der weltberühmte Geigenbauer lebte Ende des 17., Anfang des 18. Jahrhunderts in der italienischen Stadt Cremona und schuf dort jene Instrumente, die bis heute für Begeisterung bei Musikliebhabern und Höchstpreise bei Auktionen sorgen.

Bereits seit Langem versuchen Wissenschaftler und Musikexperten aus aller Welt, das Geheimnis um den besonderen Klang dieser Geigen zu lüften. Forscher der Nationalen Universität Taiwan in Taipeh haben jetzt ein weiteres Puzzlestück gefunden – möglicherweise das entscheidende.

Salze von Kupfer, Zink und Aluminium im Holz

Die Vorbehandlung des Holzes könne ein Grund für den speziellen Klang der Violinen sein, so Hwan-Ching Tai und sein Team. Sie unterzogen Holzproben von vier Stradivari-Instrumenten – ein Cello und drei Violinen – fünf verschiedenen chemischen Analysemethoden. Die Ergebnisse verglichen sie mit denen, die sie bei der Untersuchung moderner Instrumente aus ebenfalls sehr hochwertigem Ahornholz gewonnen hatten.

 

Dabei entdeckten sie Erstaunliches: Das Holz, aus dem die sagenumwobenen Instrumente bestehen, weist Spuren unterschiedlicher Metalle wie Aluminium, Kupfer und Zink auf. Das legt nahe, dass das Material vor der Verarbeitung mit einer chemischen Lösung getränkt wurde. 

So richtig spannend wird dieser Fund, wenn man ein weiteres Element der Untersuchung betrachtet: Neben den Stradivaris und den modernen Instrumenten nahmen die Forscher auch eine Violine von Guiseppe Guarneri unter die Lupe – dem einzigen, dessen Geigen sich mit denen von Antonio Stradivari messen können. In seinem Instrument fanden sie denselben mineralischen Cocktail. Zufall? Eher nicht, wenn man in Betracht zieht, dass die beiden Instrumentenbauer nicht nur Zeitgenossen, sondern auch Bürger derselben Stadt waren.

Das Verfahren ist heute gänzlich unbekannt

Augenscheinlich war das Mineralienbad vor der Verarbeitung eine regionale und auch temporäre Besonderheit, zumal das Verfahren heute gänzlich unbekannt ist. Teilten die beiden Geigenbauer, die sicherlich auch in Konkurrenz miteinander standen, ein solches Geheimnis? Oder war es vielleicht eine Methode der Waldarbeiter, die das Holz so vor Pilz- und Schädlingsbefall zu schützen?

Hwan-Ching Tai vermutet letzteres. Ob den Geigenbauern ein Effekt dieser Vorbehandlung bekannt gewesen ist oder ob ein Einfluss auf den Klang Zufall war, mag er wiederum nicht entscheiden.

 

Dass diese Behandlung die chemischen Bindungen des Holzes im Laufe der Zeit  gefestigt und so den Klang beeinflusst hat, halten Experten für sehr gut möglich. Dazu kommen Alterungs- und Vibrationseffekte, die die Strukturen des Holzes ebenfalls im Laufe der Jahrhunderte verändert haben: Die Hemizellulose, ein Bestandteil der Zellwände, ist zu rund einem Drittel zerfallen und das Lignin darin – die Biopolymere, die für die Verholzung einer Pflanzenzelle zuständig sind – zum Teil oxidiert. Übrig blieb die Zellulose, die für die Stabilität der Geigen sorgt.

Mechanische Effekte durch jahrhundertelangen Gebrauch

Da die Violinen nicht im Stillen vor sich hinalterten, sondern jahrein, jahraus in Gebrauch waren, stellte sich ein weiterer Effekt ein: Die Bindung des Lignins und der Zellulose hat sich gelockert. Wenn eine Geige gespielt, also in Vibration versetzt wird, sortieren sich Polymerketten und interne Wasserstoffbrückenbindungen um: Die chemische Eigenschaft des Holzes verändert sich.

Damit haben die Stradivari- und Guarneri-Violinen rund 300 Jahre Vorsprung vor ihren jüngeren Kollegen, die frisch vom Geigenbauer kommen – egal, wie gut diese sind. Und noch einen Vorteil haben die Instrumente: ihre Namen. Hier schwingen so viel Geschichte, Ehrfurcht und Vorschusslorbeeren mit, dass es Instrumente aus heutiger Produktion schwer haben. Dabei können sie den italienischen Berühmtheiten durchaus das Wasser reichen, wie Blindtests mit professionellen Musikern ergeben haben. Zum Teil schnitten die modernen Violinen sogar besser ab – aber eben auf andere Weise. 

FILe - Star violin player David Garrett performs at the 18th Jose Carreras Gala at the New Trade Fair in Leipzig, Germany, 13 December 2012. Photo: ANDREAS LANDER(dpa (zu dpa "Geiger David Garrett führt Klassik-Charts an" vom 13.01.2015) +++(c) dpa - Bildfunk+++
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Der Star-Violonist David Garrett besitzt unter anderem eine Stradivari: Forscher haben nun herausgefunden, warum die Stradivaris so ungewöhnlich gut klingen.

Foto: Andreas Lander/dpa

Aber natürlich hat nicht nur das besondere Holz einen Einfluss auf die besondere Klangfarbe der Instrumente von Stradivari und Guarneri. Auch die besondere Länge und Form der F-Löcher sowie die Dicke der Rückwand sind für die Klangqualität entscheidend, haben Forscher herausgefunden. Was daran so besonders ist, lesen Sie hier.

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