19.01.2016, 09:00 Uhr | 0 |

Nur ein Fingerschnipp Bei diesem Material schmilzt das Eis auf der Frontscheibe sofort

Minustemperaturen. Mist, über Nacht sind alle Scheiben am Auto zugefroren. Und Eis kratzen passt überhaupt nicht in den Zeitplan. Künftig lässt sich dieses Problem mit einem Fingerschnippen lösen, auf das eine Spezialfolie reagiert. BMW ist an der Entwicklung stark interessiert.

Zugeschneite Autos
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Ganz schön lästig, wenn Autos im Winter erstmal von Schnee und Eis befreit werden müssen. US-Forscher haben jetzt eine Folie entwickelt, die Sonnenlicht speichert und auf Befehl als Wärme abgibt. Das spart Zeit und erspart kalte Finger.

Foto: Jan Woitas/dpa

US-Forscher haben ein transparentes Material entwickelt, das Sonnenlicht speichern und diese Energie später wieder abgeben kann. Zum Beispiel, um mit der Wärme sekundenschnell Eis auf einer Autoscheibe aufzutauen. 

Anvisiert war ein Solarkocher

Eigentlich wollten Jeffrey Grossman und sein Team am Massachusetts Institute of Technology einen Solarkocher bauen. Ein umweltfreundliches Gerät, das tagsüber Sonnenenergie speichern und diese dann abends in der Dunkelheit zum Kochen nutzen kann. „Aber da gab es einige Herausforderungen“, sagt Nachwuchsforscher Eugene Cho, der an dem Projekt beteiligt war. Die größte: Das Baumaterial des Kochers war nicht flexibel genug für die unterschiedlichen Bedürfnisse der Menschen, die ihn beispielsweise in abgelegenen Weltregionen nutzen sollten, um wertvolle Ressourcen wie Holz zu schonen.

„Wir erkannten, dass wir einen dünnen Film brauchten, der verschiedenste Gestalten annehmen kann“, berichtet Cho. Gesucht war ein Material, das auf Glas und sogar auf Textilien aufgebracht werden konnte.

Material ist flexibel und transparent

Zu diesem Zweck experimentierten die Forscher mit Substanzen, die ihre molekulare Struktur unter Einfluss von Licht verändern. Diese Substanzen wurden dann in dreifacher Weise modifiziert: Die Wissenschaftler veränderten ihre chemische Zusammensetzung so, dass sie mehr Energie aufnehmen und besonders gut auf einen äußeren Impuls für die Abgabe der Wärme reagieren. Außerdem sollten sie eine bewegliche Schicht wie eine Folie bilden können.

All das ist der Gruppe nach eigenen Angaben gelungen. Und sogar mit leicht verfügbaren Polymeren (die nicht genau benannt werden) und in einem „sehr einfachen“ Prozess, wie Cho sagt. Der große Vorteil: Das Material ist nicht nur flexibel, sondern transparent.

Deshalb könne man es beispielsweise als dünne Folie zwischen zwei Schichten Glas einer Windschutzscheibe legen, ohne dass die Sicht beeinträchtigt werde, so Projektleiter Prof. Jeffrey Grossman. Ein einfacher Impuls wie Licht, Druck oder elektrische Stimulanz soll reichen – dann entfaltet der neuartige Kunststoff seine zauberhafte Wirkung.

BMW ist an Nutzung interessiert

BMW hat die Forschungsarbeit finanziell unterstützt und zeigt laut Grossman großes Interesse an dieser Art der Nutzung. Bis dahin muss die Erfindung allerdings noch ein Stück verbessert werden, denn vollkommen transparent ist sie dann doch noch nicht. Ein leichter Gelbstich muss noch verschwinden.

Außerdem wollen die Forscher die Leistungsfähigkeit noch erhöhen. Bisher kann das Material, wenn es aktiviert wird, die Temperatur der direkten Umgebung um bis zu 10 °C ansteigen lassen. Das würde zwar in der Regel reichen, um Eis auf der Windschutzscheibe schmelzen zu lassen, aber die Projektgruppe will diesen Wert noch verdoppeln.

Reichweite von E-Autos steigern

Die US-Forscher sehen in ihrer Entwicklung auch eine Chance, die Reichweiten von Elektroautos zu erhöhen und den Antrieb damit attraktiver zu machen. „Elektroautos verbrauchen so viel Energie für Enteisung und Heizung, dass ihre Reichweite bei Kälte um bis zu 30 Prozent sinken kann“, sagt Grossman. Dank der Polymerfolie könnte dieser Wert deutlich reduziert werden.

Aber auch Kleidung, die mithilfe der Folie ihren Träger erwärmt, ist nach seinen Angaben durchaus denkbar. Ein Fingerschnippen und die Jacke wird nochmal so warm. 

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Von Werner Grosch
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