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08.03.2013, 22:00 Uhr | 0 |

Start-up-Porträts Stilles Örtchen: Kompostierung erzeugt wertvollen Dünger

Schätzungsweise 2,6 Mrd. Menschen weltweit fehlt der Zugang zu sanitären Anlagen. Der Mangel an Toiletten ist nicht nur entwürdigend, er verursacht auch massive Gesundheitsprobleme. Das schwedische Start-up Peepoo hat eine clevere Lösung entwickelt, die auch für die Ärmsten der Armen erschwinglich werden soll.

Die Schule im kenianischen Kibera hat die Einwegtoiletten schon eingeführt.
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Die Schule im kenianischen Kibera hat die Einwegtoiletten des schwedischen Start-ups Peepoople schon eingeführt.

Bildquelle: Peepoople/Camilla Wirseen

Als Karin Ruiz, Geschäftsführerin der Stockholmer Peepoople AB, einen Schwung weißer Tüten mit grünem Firmenlogo auf dem Tisch verteilt, steht ihren Besuchern das Staunen ins Gesicht geschrieben. Diese Plastikbeutel sollen eines der drängendsten Menschheitsprobleme lösen? Ruiz fischt einen grasgrünen Innenbeutel aus einem der Beutel und stülpt ihn über einen sechseckigen Eimer: Fertig ist die Toilette!

Der nach unten offene Innenbeutel und der Außenbeutel sind miteinander verbunden. Das Inlay fungiert als Trichter und Schmutzfang. Exkremente landen unten im Außenbeutel, der mit 5 g weißem Pulver befüllt ist: "Harnstoff, der die Zersetzung beschleunigt und binnen Tagen alle gefährlichen Bakterien abtötet", erläutert die Start-up-Chefin. So wird der Toilettengang zur sauberen Sache. Nach dem Geschäft lässt sich das grüne Inlay ohne Beschmutzen der Hände im Außensack versenken.

Übrig bleibt ein dicht verknoteter Bio-Kunststoffbeutel, der samt Inhalt zu wertvollem Stickstoffdünger kompostiert wird. Abhängig von klimatischen Randbedingungen dauert das laut Ruiz einige Wochen bis Monate. Sie zeigt Bilder von Pflanzenversuchen mit und ohne kompostierte Peepoos. Der Nutzen des menschlichen Düngers ist unübersehbar.

Für jeden Beutel gibt es 1 Cent

Weil das so ist, lohnt es sich Sammelstellen, für benutze Beutel einzurichten. Pro abgegebenem Beutel zahlt das Unternehmen umgerechnet 1 Cent. Die Rückgabe-Quote ist hoch. Für ein Paket mit 28 frischen Beuteln verlangt das Start-up umgerechnet 3 € also etwa 10 ct pro Toilettengang. Öffentliche Toiletten sind meist teurer – und dreckiger. "Wir arbeiten mit Hochdruck an der Automatisierung der Beutelproduktion, um die Kosten zu senken", erklärt Ruiz. In Kooperation mit dem Spezialmaschinenbauer BICMA aus dem rheinland-pfälzischen Mayen und BASF, die den Bio-Kunststoff liefert, hat das Start-up eine moderne Fertigungslinie entwickelt. Output: 500 000 Peepoos pro Tag.

Damit wäre einer halben Mio. Menschen eine tägliche Sorge genommen. Ein Tropfen auf den heißen Stein: Schätzungsweise 2,6 Mrd. Menschen weltweit leben ohne Zugang zu sanitären Anlagen. "Vor allem für Frauen ist der Mangel an Toiletten belastend", so die Peepoople-Chefin, "da sie ihre Notdurft in vielen Kulturkreisen nur im Schutz der Dunkelheit verrichten können." Sie müssen nicht nur ihr Bedürfnis aufschieben, sondern gerade in Slums lange Wege aus den Hüttenlagern auf sich nehmen, in ständiger Angst vor Überfällen und Vergewaltigungen. Kinder trifft der Mangel noch härter. "Weltweit stirbt alle 15 Sekunden ein Kind infolge von Erkrankungen, die auf desaströse hygienische Verhältnisse zurückzuführen sind", sagt sie.

Schon 60 Schulen in Kenia haben auf Peepoos umgestellt

Bei Frauen und Kindern setzt das Start-up deshalb auch im Vertrieb an. Bei der Markteinführung der Toiletten spielen Kleinstgründerinnen eine zentrale Rolle. Sie werden vorab geschult, können so in ihren Dörfern über Gefahren mangelnder Hygiene aufklären – und mit Beuteln und Zubehör wie den Eimern oder Sichtschutz-Vorhängen gleich eine Lösung anbieten. Ein weiterer Schwerpunkt der Einführungsstrategie sind Schulen. Allein in Kenia nutzen 60 Schulen Peepoos – und setzen den gewonnenen Dünger teils in Schulgärten ein. Die Kinder fordern die saubere Alternative zu fürchterlichen Schullatrinen auch zu Hause – und überzeugen so Eltern und Verwandte vom Nutzen. Der Erfolg: allein 10 000 regelmäßige Nutzer in Kenia.

"Wo auch immer wir bisher Peepoos eingesetzt haben, sind sie auf große Akzeptanz gestoßen", berichtet Ruiz. Nicht nur in Slums, sondern auch in in Flüchtlingslagern. Dabei hat es laut Ruiz keine Rolle gespielt, ob die Nutzer Klopapier verwenden. "Papier hat keinen Einfluss auf die Kompostierung oder das Abtöten gefährlicher Bakterien", berichtet sie.

Franchise-System soll Verbreitung fördern

Bisher subventionieren Hilfsorganisationen, NGOs und teils auch staatliche Stellen die Peepoo-Einführung. Nach Katastrophen werden die handlichen, schnell verfügbaren Einmal-Toiletten in der Regel kostenlos verteilt. Das Ziel der Schweden ist jedoch ein selbsttragendes, langfristig profitables Geschäft. Ihre Hoffnungen ruhen zum einen auf Kostensenkungen. Zum anderen schwebt ihnen vor, per Franchise-System Produktionsstandorte in vielen Ländern aufzubauen. "Unsere Vision ist es, mit 300 Maschinen weltweit 150 Mio. Peepoos pro Tag zu produzieren", erklärt Ruiz. Zunächst geht es allerdings darum, den Betrieb der neuen Fertigungslinie, die das Start-up unlängst in Schweden aufgebaut hat, zu optimieren.

Das Geld für die Anlage, die Produktentwicklung, den Vertriebsaufbau und einen kleinen Fertigungsstandort in Kenia haben die Peepoople in drei Finanzierungsrunden seit 2009 eingesammelt. Nach einer 800 000 € Frühphasenfinanzierung durch die staatliche Innovations-Agentur Vinnova sind vermögende Privatleute eingestiegen. Gerade erst sind 4,4 Mio. € Wachstumskapital ins junge Unternehmen geflossen.

"Unseren Geldgebern liegt daran, Armen zu helfen. Doch sie wollen auch Rendite", stellt sie klar. Peepoople AB sei keine Hilfsorganisation, sondern verfolge bewusst einen kommerziellen Ansatz. Denn angesichts Prognosen, dass sich die Zahl der Slumbewohner im Zuge der Urbanisierung bis 2020 auf 2 Mrd. verdoppeln wird, seien ökonomisch nachhaltige Lösungen der sanitären Probleme gefragt.

Von Peter Trechow | Präsentiert von VDI Logo
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