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17.08.2016, 13:14 Uhr | 0 |

Symbol gegen Abfall Null Verschwendung: Bei diesem Haus ist nichts neu

Hinter der acht Meter hohen Glasfront aus wiederverwerteten Fenstern verbirgt sich die vielleicht ungewöhnlichste Kneipe Japans. Das „Kamikatz Public House“ besteht vollständig aus recycelten Materialien und passt perfekt in den kleinen Ort Kamikatsu. Dessen Bewohner wollen bis 2020 völlig abfallfrei werden.

Kamikatz Public House
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Für den Bau des Kamikatz Public House wurden nur recycelte Materialien verwendet.

Foto: Koji Fuji/Nacasa and Partners Inc.

Das Dorf Kamikatsu im Süden Japans hat nur wenige Tausend Einwohner, ist aber inzwischen nicht nur im eigenen Land bekannt. Berühmt geworden ist Kamikatsu durch seine konsequente Zero-Waste-Politik – die Dorfbewohner versuchen, ihren Abfall so gering wie möglich zu halten. Nun haben sie ein neues Gebäude bekommen, das ganz aus alten oder recycelten Materialien besteht. Für die charmante Mikro-Brauerei mit angeschlossener Kneipe und Laden erhielt der Architekt Hiroshi Nakamura den ersten Preis in einem internationalen Wettbewerb für nachhaltiges Bauen.

Doppelte Fensterfront isoliert im Winter und lüftet im Sommer

Weithin sichtbar ist die dunkelrot gestrichene Holzkonstruktion, in der auf 115 m2  mehrere Funktionen untergebracht sind. Im Gang gegenüber einer Art Dorfladen steht die Mikro-Brauerei, die das gebraute Bier direkt in die Kneipe liefert und dort ausschenkt. Die markante 8 m hohe Fassade besteht aus Fenstern, die aus verlassenen Häusern aus der Umgebung geholt und nun wiederverwertet wurden. Das bringt nicht nur einen Bezug zur örtlichen Geschichte, die doppelte Fensterfront isoliert im Winter und kühlt durch ein geschicktes Lüftungssystem im Sommer.

Auch im Inneren gingen die Architekten nachhaltig und erfindungsreich vor. Die Zedernholz-Konstruktion stammt aus lokalem Holzabfall, der mit der traditionell in Japan hergestellten Gerbsäure-Farbe der Persimmon-Baumfrucht gestrichen wurde. Die benötigten Möbel sind Umbauten aus nicht mehr gebrauchten Stücken, etwa aus alten Hochzeitsschränken oder landwirtschaftlichen Geräten. Mit dem Restposten aus einer Fliesenfabrik ist der Boden belegt und die Wände wurden mit einer Tapete aus ehemaligem Zeitungspapier tapeziert.

34 Regeln: Die Vermeidung von Abfall ist ein mühsames Geschäft

Für die Dorfbewohner soll das „Kamikatz Public House“ zum Treffpunkt und Symbol ihrer Recycling-Politik werden. Dabei ist das Gebäude mit der Brauerei rein privat finanziert und muss sich aus eigenen Erträgen halten. Die Stimmung im Dorf könnte das neue Gebäude allemal positiv beeinflussen, denn die Vermeidung von Abfall ist bisweilen ein mühsames Geschäft mit einer Vielzahl von Regeln, die es zu beachten gilt.

Glasflaschen müssen in Kamikatsu nach Farben getrennt werden, deren Deckel werden separat gesammelt. Plastikflaschen, in denen sich Sojasoße oder Öl befand, werden von PET-Flaschen mit Mineralwasser oder grünem Tee getrennt. Alles muss sauber und rückstandsfrei abgewaschen, Etiketten abgekratzt werden. Papiere, Pappe, Zeitungen, Flyer und Magazine werden jeweils zu ordentlichen Bündeln gestapelt und mit Schnur aus recyceltem Milchkarton verschnürt. 34 Recycling-Regeln müssen befolgt und alles, was nicht kompostiert wird, muss ins örtliche Abfallzentrum gebracht werden.

Recycling-Rate im Dorf ist auf 80 % gestiegen

Hier wird Vieles von dem, was die Einwohner von Kamikatsu bringen, in neue Produkte wie Papier oder Dünger weiterverarbeitet. Aus alten Stoffen werden neue Kleidungsstücke geschneidert und außerdem gibt es den Kuru-Kuru-Laden, in dem man das, was man selbst nicht mehr braucht, abgeben oder andere Dinge mitnehmen kann – kostenlos. Seit 2003, als die Gemeinde die strengen Regeln einführte, ist die Recycling-Rate im Dorf auf 80 % gestiegen. Trotzdem bleibt ein Rest, der verbrannt, vergraben oder wie Batterien verschifft werden muss. Ob das erklärte Ziel, bis 2020 zu 100 % abfallfrei zu werden, realisiert werden kann, bleibt offen.

Kritiker führen an, dass für die eingesetzten Kompostiergeräte Elektrizität verwendet wird  und dass die Bewohner der räumlich auseinandergezogenen Gemeinde ihren Abfall mit dem Auto zum Abfall-Zentrum fahren. Bei einer Umfrage 2008 waren rund 40 % der Dorfbewohner noch nicht vollständig überzeugt von der Zero-Waste-Politik. Inzwischen hat man sich offenbar daran gewöhnt und es gibt sogar einen Öko-Tourismus. Da kommt die neue Brauerei gerade recht. 

Selbst fast zu 100 % wiederverwertbar ist das Hausboot Waternest 100. Es besteht aus Aluminium und Schichtholz. Die Energieversorgung übernehmen Photovoltaik-Paneele auf dem Dach. Und gehoben wohnen im Öko-Hochhaus aus Holz lässt es sich demnächst in Amsterdam. 

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Von Gudrun von Schoenebeck
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