02.07.2013, 12:50 Uhr | 0 |

Solartechnikherstellers Roth & Rau Schutzzölle bringen Industrie nicht voran

Technologisch gelten die deutschen Hersteller von Produktionsmaschinen für Photovoltaikzellen und -module weltweit als Spitzenklasse. In Zeiten der Krise setzen diese Anbieter auf Upgrades, um bestehende Maschinenparks fit für neue Technologien zu machen, verdeutlicht Thomas Hengst im Gespräch mit VDI nachrichten. Der Vertriebschef des deutschen Solartechnikherstellers Roth & Rau, einer Tochter der Schweizer Meyer Burger Gruppe, hält Schutzzölle auf Importe chinesischer Solarmodule nach Europa für sinnlos.

Beschichtungsanlage DEPx von Roth & Rau
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Mit der Beschichtungsanlage DEPx bietet der Solartechnikhersteller Roth & Rau Hightech für den Coatingprozess an.

Foto: Roth & Rau

VDI nachrichten: Herr Hengst, demnächst sind Sie in Singapur und China. Wie laufen die Geschäfte?

Hengst: Es ist schwer im Moment. Wir versuchen noch etwas zu reißen.

Und jetzt noch Europas Antidumpingzölle gegen China. Wie stark trifft das Ihr Geschäft?

Es wirkt sich schon aus. Wir haben unsere Umsatzerwartungen nach unten geschraubt, was vor allem Neuinvestitionen und Expansion betrifft. Die Chinesen werden wahrscheinlich vorhandene Produktionskapazitäten in andere Länder verlagern. Da fällt relativ wenig Geschäft für einen Equipmentlieferanten an.

Wo wir ansetzen, das sind notwendige Upgrades, um Wirkungsgrade und Produktivität der Linien zu erhöhen. Hier sind wir mit großen Kunden in China in Kontakt. Aber im Gegensatz zu früher zieht sich das alles viel länger hin. Die Chinesen sind jetzt sehr von den Finanzspritzen chinesischer Banken abhängig. Mit einem Kunden sind wir seit acht Monaten im Gespräch. In China ist es kompliziert geworden. Man braucht viel Geduld und Nerven.

Blick auf Südostasien und Indien gerichtet

Die Schutzzölle verschärfen das?

Ja, wir eruieren intensiv, was passieren wird. Im Vergleich zu den USA hat Europa die ganze Geschichte restriktiver aufgesetzt. Zugleich hoffen die großen Produzenten Chinas, dass sich der Markt konsolidiert und kleine Unternehmen mit einer Produktionskapazität im Jahr von 100 MW bis 300 MW aus dem Rennen gehen.

Ich persönlich rechne damit, dass die Zölle unser Geschäft erschweren werden. Wir haben uns als Firma wie die Bundesregierung gegen diese Maßnahme ausgesprochen. Aus meiner Sicht ist das, was die EU hier gemacht hat, sinnlos. Es bringt die Industrie nicht voran.

Andere europäische Länder trifft es weniger. Jedoch hängt in Deutschland die Equipmentindustrie massiv dran. Uns trifft es, so dass wir stark auf kommende Märkte gucken.

Welche Märkte sehen Sie da?

Südostasien, mit längerer Anlaufzeit Indien. Hinzu kommen Märkte, die wir bisher gar nicht im Blick hatten, wie Südamerika oder Afrika, wo wir in Nord- und Südafrika Kontakte haben. In den USA verhandeln wir über Technologiepartnerschaften. Das sind Chancen.

Europa an sich ist für uns, bis auf wenige Ausnahmen, relativ tot. Mit einem einzigen Start-up im Beneluxraum, das eine neue technologische Fertigung aufbauen würde, führen wir Gespräche.

Nach Russland haben wir unsere Fühler ausgestreckt und im letzten Herbst mit einer russischen Firma ein Abkommen unterschrieben. Ein Problem in Russland ist wegen Unzuverlässigkeit und hoher Zinssätze die Finanzierung. Am besten geht es, wenn Sie deutsche Banken mit ins Boot bringen, im Idealfall eine Hermes-Bürgschaft.

Das alles sehen wir alternativ zu China. Für unser Kerngeschäft verfolgen wir aktuell die heißesten Spuren in Taiwan. Da machen wir kein Liniengeschäft, aber Einzeltools oder Produktionssysteme sind gefragt.

In Taiwan aktiv

Was heißt das genau?

In Taiwan bieten wir unsere Technik zur Rückseitenpassivierung von Solarzellen, MB Perc, an (s. Kasten Solarzellentechnologien). Wir sind dabei, 200 MW zu installieren. Bis Ende September ist das Upgrade beim Kunden komplett. Wir haben einen zweiten Kunden mit Pilotfertigung. Auch die Verhandlungen mit sechs weiteren Firmen laufen gut.

Über Ihre Konzernmutter Meyer Burger können Sie die Zellverbindungstechnik "Smart Wire" einsetzen, mit der sich die Herstellkosten der Zellen senken lassen.

Für unsere Heterojunction-Zelltechnik (HJT) gehen wir immer in der Kombination mit "Smart Wire" ins Rennen, da hier Komplettlinien im Fokus sind. Im HJT-Bereich sind wir aggressiver, weil wir es technisch perfekt aufeinander abgestimmt und die Kostenrechnung unter Kontrolle haben. Es gibt eine klare Kosten-Roadmap für die nächsten zwei Jahre. 2015 können unsere Kunden je nach Region zu Stromgestehungskosten von deutlich unter 10 Cent/kWh produzieren.

Was kosten MB Perc und HJT in der Anschaffung?

Um eine Hausnummer zu nennen, eine 80-MW-HJT-Zelllinie hat einen Listenpreis von 25 Mio. € mit Spielraum nach unten. Ein typisches MB-Perc-Upgrade für eine Standardproduktion von 60 MW, 70 MW inklusive Laserprozess liegt derzeit in der Region von 4 Mio. $.

MB Perc als kurzfristige Lösung für den Massenmarkt

Für welche Zelltechnik sehen Sie mehr Perspektive?

MB Perc ist die kurzfristigere Lösung für den Massenmarkt. Denn kaum jemand geht her und verschrottet übermorgen Produktionslinien. Uns ist es im letzten Halbjahr gelungen, die Produktions- und Investitionskosten um mindestens 25 % zu senken. Der Kunde hat Effizienzgewinn, und es geht kostenseitig auf.

Für HJT ist die Anlaufschwelle etwas höher. Wir suchen noch den ersten Anwender, der mit 80 MW anfängt, und haben einige verheißungsvolle Kandidaten. Wir machen es nicht kleiner, weil es kostenmäßig sonst wenig Sinn macht.

Mittelfristig sehen wir Kunden, die auf 300 MW, 500 MW oder mehr hochskalieren. Das ist das Geschäft, das wir anstreben: zunächst das Eis für die Technologie brechen und in den nächsten Jahren auf ein paar Gigawatt kommen. Diese Technologie sollte verschiedene Standardtechnologien aus den weltweiten Gesamtproduktionskapazitäten ablösen.

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Von Josephine Bollinger-Kanne | Präsentiert von VDI Logo
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